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19.07.2021, Jamal Tuschick

Obsolete Distinktion

In Victor Hugo erkennt Mandelstam den „radikalen Kleinbürger (im) heroisch kämpfenden“ Schwarm der aufsteigenden Bourgeoisie. Sein Motor ist „der Glaube an Fortschritt und Zivilisation“.

Ferner vernimmt Mandelstam „Echos einer halbreligiösen Moral“, die in einem philosophischen Deismus wurzelt, „welche der … Revolution den Boden bereitete“ und in Gott den vernünftigsten aka aufgeklärtesten Mann im Universum erkannte.

Gott als Anstifter „der heiligen Raserei des Volkes“ und Primus inter pares des Konvents: Hugos exkulpierende/beschönigende Perspektive unterwirft Mandelstam einer Kritik, die davon absieht, sich bei dem Berühmten zu bedienen, und sich für eine Anbiederung bei Stalin etwas zu nehmen.

Mandelstam lässt die Chance verstreichen, Hugo zum Fürsprecher der Oktoberrevolution und ihrer Folgen zu machen. Der sowjetische Dichter schildert den bequem zu Ruhm gelangten Franzosen als einen romantischen Dialektiker, für den „die Revolution nur ein mächtiges Hell-Dunkel-Spiel gewesen sei“.

Hugo „verzeiht der Großen Revolution sogar den Terror und die Raserei des Jahres Dreiundneunzig.“   

Obsolete Distinktion

Nun wendet sich Mandelstam von Hugo ab und kommt zu Proust, den „der Klimagürtel der Revolution“ (Hugo) kaum beschäftigte. Der Snob durchquert Pariser Labyrinthe obsoleter Distinktion.

Eine enorm vornehme Herzogin, so vornehm, dass der Titel den Grad der Differenz förmlich verwischt, „gerät zufällig“ in eine Gesellschaft, der eine mindere Verwandte vorsteht. Die Qualität der Hausmusik übersteigt das Milieu. Die angeregte Herzogin fragt sich, ob sie mit ihrem Fächer den Takt schlagen soll oder besser nicht, da ihre unbedeutenden Nachbarinnen so bereits ihre innere Teilnahme zur Schau stellen.

„War eine … ungezügelte Zustimmung ihrerseits nicht zu viel des Guten?“  

Sie entscheidet sich für lebhafte Selbstdarstellung, nur dass sie ihr „Schildplattding“ gegen den Takt einsetzt. So beweist sie sich Unabhängigkeit. Anderen muss sie nichts beweisen. 

Das ist Proust auf dem Ansitz. Mandelstam kontrolliert neben ihm die eigene Atmung, er führt etwas im Schilde. Die Herzogin im kongenialen Fadenkreuz, dient Mandelstam zu dem Zweck, der sowjetischen Literaturkritik den Marsch zu blasen. 

Der Kritiker „hat ein Buch zu beschreiben wie ein Botaniker eine neue Pflanzenart beschreibt“. 

© Jamal Tuschick

Hochnäsige Überbrückungen

„Selbst die sorgfältigste Übersetzung … ist, wenn sie nicht einer inneren Notwendigkeit entspringt, kein lebendiger Austausch … (vielmehr) hinterlässt sie eine sehr schädliche Spur in der unbewussten Werkstatt einer Sprache, verstellt ihr Wege, verdirbt ihr Gewissen, macht sie nachgiebig, ausweichend, versöhnlich, gesichtslos.“

Ossip Mandelstam mokiert sich über die unoriginelle Narration verbindender Sätze in den Discountromanen. Er kritisiert blinde Überbrückungen und eine Plausibilitätserzeugungsmonotonie mit dem Charme zusammengehauener Bretterbuden. Es wäre albern, hervorzuheben, wie modern die Einwände gegen Plattitüdenverbreitung vorgetragen werden; wie unvergilbt Mandelstam sich dem Jetzt präsentiert. Mandelstam ist noch als Toter lebendiger als viele Leute zu Lebzeiten es vermögen zu sein. 

Lesen Sie Mandelstam! 

Ossip Mandelstam, „Gespräch über Dante, Gesammelte Essays II 1925-1935“, herausgegeben von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1991

In „Jacques wurde geboren und starb“ befasst er sich mit der Krux von Übersetzungen aus der Massenproduktion.

Mandelstam stochert in Massengräbern des Geistes und entdeckt eine „Wortwelt aus Pappe“.

Er erkennt: es ist alles vollkommen egal. Wer? Von wem? Was? Woraus? Ist egal. Das Dutzendgedöns schreibender Eintagsfliegen braucht kein Mensch. Er braucht es weder im Original noch in einer Übersetzung. Mandelstam rekapituliert die Stadien eines Niedergangs. 

„Der Verfall begann … als der … falsche Begriff geistiger Schmutzarbeit, intellektueller Tagelöhnerei aufkam ... Damals kamen die Spinnen in den Buchläden dahinter, dass sich mit billigem Gehirn Geld machen ließ.“

Genie und Genre

In den 1920er Jahren bespricht Ossip Mandelstam Filme, Inszenierungen, Bücher und Tendenzen. Er analysiert literarische Moden. Er knöpft sich den Unanimismus um Jules Romains vor. 

Das Genie nimmt das Genre der Rezension auf die leichte Schulter. Er macht die kleinen Sachen mit links; schüttelt den Text aus dem Gelenk. Als Fachperson in der Rolle eines Verspäteten bin ich ganz Freude auf dem zugigen Bahnhof der Zeit. 

Mandelstam macht sich lustig über den Dilettantismus unter der Kunsthaube. Das ukrainische Theater beschreibt er als eine Angelegenheit, die „dem Willen des Zufalls … und der Willkür des Einzeltalents unterworfen“ sei. Man agiere „auf gut Glück“.

Der freundlichen Vernichtung lässt sich nichts hinzufügen. Mandelstam beweist sich als Meister verdeckter Haken. Er fintiert unter Aufsicht. Chefin im Ring ist die sowjetische Zensur. Mandelstam trägt nicht schwer an den Bleiplatten der Dummheit. Das unter Kuratel gestellte Talent unterläuft die zähe Staatlichkeit. Es spielt die Muntere. 

Mandelstam verschweigt den Druck, der auf ihm lastet. Er kennt die Schliche der Eigensicherung. Den übelsten Zurschaustellungen sagt er Wundersames nach. Ein Wort für Schund: „urtümliche Theatralik“. 

Das ist reiner Hohn: 

„... dass in der Ukraine mit der Revolution eine Generation kolossalen, von der Tradition unbelasteten Theatertalents heranreifte - ein Theater ohne Literatur, ohne Psychologie.“

Manchen Verwerfungen der sowjetischen Kulturrevolution begegnet Mandelstam mit bellizistischer Verve, um Aplomb zu behaupten vielleicht (nicht) nur.

Niemand kann mehr so schreiben wie er. Mandelstam übertrifft Benjamin, da er keine Grille nährt. Er dreht keine Locken auf Glatzen. Irgendwo sagt Heiner Müller, totalitäre Systeme hülfen der Literatur auf ihre Weise. Mandelstam bestätigt die Einschätzung. Ihm schmerzen die Augen bei all der antibürgerlichen Abtrittsaufbrauserei in primär ideologisch beglaubigten Verhältnissen. Die nachtragenden Formulierungen sind Zauberformeln eines subversiven, pausenlos Distanzierungen provozierenden Qualitätsbewusstseins, das sich in einer trüben Praxis zuspitzt. 

„Noch eine Eigenart des Beresil: Keinen Moment lang verliert es den Kontakt zum revolutionären Straßenkarneval.“