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21.07.2021, Jamal Tuschick

Agenturen der Zukunft im Klimatal des Todes

Friedrich von Borries' Roman „Fest der Folgenlosigkeit“ erscheint vorderhand als Grußadresse an den Aktivismus. Lesende passieren klassische Marken des in Baumhäusern gipfelnden Selbstermächtigungslimbos.

Friedrich von Borries, „Fest der Folgenlosigkeit“, Roman, Suhrkamp nova, 16.95 Euro

Die Neuen Sozialen Bewegungen repräsentieren in sämtlichen Formaten eine Gegenkraft. Sie beziehen ihr Potential aus einem Reservoir des Verteufelten. Sie reagieren auf ein Establishment, das dabei ist, seine Gewissheiten zu verlieren. Die Dinosaurier der Gegenwart wittern ihr Yucatan. Verzweifelt stürzen sie sich in Greenwashing-Travestien, die als monströse Grotesken über die Bühne gehen. 

Borries erzählt von einem so kapitalen wie kapitalistisch-raffinierten Selbstrettungsversuch im Wege der freundlichen Übernahme einer Selbstermächtigungsstruktur aka Agentur der Zukunft. Ich assoziiere mit dem Move eine Schlange. Die Schlange kriecht in eine Maus. Sie dehnt die reißfeste Maus bis dorthinaus. Zurück in die Abstraktion. An den Folgen des Imagetransfers laborieren auch die aktivistischen Hotspots.  

Das Überleben der Dinosaurier

„Als Überlebender (der Flucht durch eine Wüste und über ein Meer erinnerte Issa) an die Toten, die der Preis für den Wohlstand sind, den die Privilegierten lebten.“

Externer Experte 

John träumt von „Architekturen des Widerstands“ als Manifestationen einer Totalopposition in einem Lausitzer Wald. Den Schauplatz einer Auseinandersetzung zwischen Akteur:innen des Kapitals und Klimagerechtigkeitsaktivist:innen verstehen Johns Gegner:innen als „seit zweihundert oder noch mehr Jahren forstwirtschaftlich genutztes Gebiet“.

„Goldbacher Wald“, sagen die einen. Die anderen sagen „Goldbacher Forst“. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass eine einzige Person in verschiedenen Rollen beide Behauptungen aufstellt. 

Der Freelancer Florian Booreau kommt als Kurator einer Ausstellung ins Spiel, die von einer Umweltgestaltungorganisation aka Environmental Design-Agentur der Europäischen Gemeinschaft unter der Nachhaltigkeitsflagge ausgerichtet wird: in einem System, das zwischen Greenwashing-Strategien und echtem Klimagerechtigkeitslobbyismus changiert.

Auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Frontlinie agiert die Bergbau-Unternehmerin Cornelia Stohmann. Ihrem ihr feindlich gesonnenen Nennbruder, der im Gegensatz zu ihr ein echter Stohmann ist, rät sie, bei den Verfechter:innen einer klimaneutralen Wirtschaft einzusteigen. „Renaturierung wird ein riesiger Markt. Dann kannst du die Landschaft, die wir in den letzten fünfzig Jahren aufgebaggert haben, wieder in Wälder, Wiesen und vor allem in Wasserflächen verwandeln.“

Cornelias intelligent-zynischer Rat erlaubt es mir, eine Essenz einzustreuen:

“The movement comes from the release not from contradiction.” Adam Mizner, gefunden auf YouTube

Ein erzählendes Ich rührt mit. Mal distanziert es sich von den Aktivist:innen. Mal erklärt es Übereinstimmung. Es kommentiert die Szenen. Gelegentlich wirbt es auch für einen Einfall, ob Licht- oder Erzähl-…, der die Schatten des Geschehens neu anordnet.  

Silber in Sachsen/Erz im Gebirge

Florian trifft die im Klimakampf engagierte Künstlerin und Köhlerin Lisa Kostrovic in einem Zug von Berlin nach Cottbus. An einer Haltestelle im Brandenburger Nirgendwo steigt er spontan und sie gezielt aus. Lisa zeigt dem Fremden ihren „Kraftort“ und möbelt einen Vorgang zwischen unbegriffenem Animismus, Familienkuriosa und hausgemachter Magie mit Bemerkungen zu jenem Begriffsfinder auf, der das Wort von der Nachhaltigkeit prägte. Für den sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz war Nachhaltigkeit eine ökonomische Kategorie. Er betrachtete den Wald ausschließlich als Nutzfläche. Aber auch die Forstwirtschaft war für Carlowitz nur Mittel zum Zweck. Er brauchte Holz für die Freiberger Silberminen.   

Man erfährt: „Seltene Erden sind das neue Gold“.

Aktivistisches Aufrauschen

„Am Ende wollen alle nur dazugehören“, weiß Issa. In einem früheren Leben war er als Künstler am Start. Jetzt lächelt er sich erlöst durch die Verhältnisse. 

„Küßchen hier, Küßchen da.“

Während Issa sich als Versprengter stilisiert, strebt Chefstrategin Cornelia die Metamorphose eines dynastisch-aggressiven Bergbauunternehmens an. Sie will Sünden der Vergangenheit hinter einer Stiftungswand verschwinden lassen und mit der Kombination von Klimaneutralität & Kunst ein Image aufbauen, das eine alte Angriffsfläche in einen neuen Spielplatz verwandelt.  

Die Aktivist:innen sind so naiv zu glauben, dass nun ihre Lieder gespielt werden und sie als Bestimmer:innen zu gelten haben, bloß weil die Dinosaurier desorientiert wirken. Cornelia macht Florian zum Regisseur der Verwandlung. Der Kurator befördert Lisa und Issa in sein Powergremium.

Ihr Credo: „Subversion. Gegeninstrumentalisierung. Wir müssen den Zugang, den Cornelia ... uns bietet, nutzen, um ... in die Realität neue Gedanken hineinzuschmuggeln.“

Aus der Ankündigung

Die Managerin Cornelia bittet den Kurator Florian, für die »Stiftung Nachhaltigkeit der Deutschen Industrie« ein Museum für ökologische Kunst zu entwickeln. Wie sähe ein Leben aus, das – im ökologischen Sinne – möglichst folgenlos bleibt? Florians Projekt bringt ihn mit der Künstlerin Lisa zusammen, die Bäume pflanzt, um daraus Holzkohle für ihre Installationen und Zeichnungen herzustellen – und damit in ihren Kunstwerken C02 aus der Atmosphäre zu binden. Er trifft John, der als radikaler Öko-Aktivist gegen die Kohleindustrie und die Abholzung des Goldbacher Forstes kämpft, den Flüchtling Issa, der Florians Selbstgewissheiten hinterfragt, die frustrierte PR-Frau Suzanna, die für die EU Umweltpolitik macht, aber lieber Bienen züchten will, und den Bergmann Ronald, der Sorge um seinen Arbeitsplatz hat. Selbstüberschätzung trifft auf Lebensangst, Verzweiflung auf Hoffnung, Aktivismus auf Gewalt. Unerwartete Beziehungen entstehen, die im verschwenderischen »Fest der Folgenlosigkeit« ihren explosiven Höhepunkt finden.

Friedrich von Borries, geboren 1974 in Berlin, ist Architekt. 2008 war er Generalkommissar des Deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale in Venedig. Er lehrt als Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.