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21.07.2021, Jamal Tuschick

Relotius-Romantik Reloaded

Sie passiert die Grenze in San Ysidro, einem San Diego-Barrio. „Die US-Interstate 5 mündet in die mexikanische Carretera Federal 1. Hier endet die Blue Line von San Diego (Wikipedia)“. Ich kann das nicht lesen, ohne an Claas Relotius zu denken. Die dramatisch illustrierten, tausend Bilder pro Minute abwerfenden Verwerfungs- und Schattenlinien im Grenzland, das nomadisch-tribale Flüchtlingselend und die territorial-tribale Drogenkriminalität gehören programmatisch zur mehrfach ausgezeichneten Relotius-Romantik. Eine entfesselte Mordbereitschaft erzwingt ihre Erwähnung. Ich assoziiere die Ingredienzien auf einer Westernfolie in einer Landschaft voller Kakteen und Tequila-Budiken. Die Gegend wird zum Genre.

Mexicali - In der Hauptstadt von Baja California lassen sich alle Borderline-Phänomene der westlichen Hemisphäre mit einer chinesischen Grundierung beobachten © Jamal Tuschick

Gemeinsame Segregationserfahrungen

Cāvala dā Calās Vortrag geht wie ein Niederschlag über die Karaoke-Bühne im Budincă de Orez Sehlopha; der aktuell am stärksten frequentierten Sino-Schwemme im historisierten* Barrio Chino von Mexicali.

*Es ist alles ein bisschen so wie vor den Pyramiden von Gizeh; ich meine, so touristisch.

In der US-grenznahen Hauptstadt von Baja California lassen sich alle Borderline-Phänomene der westlichen Hemisphäre mit einer chinesischen Grundierung beobachten. Den Einwanderer:innen verdanken sich Slide-Action-Shotgun-Mythen und Popcorn-meets-Iceman-Legenden so wie jede Menge Pumpgun-Poesie, die auch noch im Mississippi Delta tradiert werden, wo die ursprünglich kantonesische Verwandtschaft in gemeinsamen Segregationserfahrungen mit Schwarzen eine swampige Subkultur in jeder Generation geschichtsbewusst aufschäumt.

„Von Anfang an waren sie dabei dem Rassismus der europäischstämmigen Bevölkerung ausgesetzt, der in den 1870er Jahren in Massakern und der Zwangsansiedlung der chinesischen (Migrant:innen) in Chinatowns gipfelte. Auch in rechtlicher Hinsicht waren Chinesen in den USA weitaus schlechter gestellt als die meisten anderen ethnischen Minderheiten. Sie mussten besondere Steuern zahlen, durften keine europäischstämmigen (Partner:innen) heiraten und konnten die amerikanische (Staatsbürger:innenschaft) nicht erwerben. Zusätzliches Leid brachte 1882 der Chinese Exclusion Act, durch den sich die amerikanischen Grenzen für chinesische (Einwanderer:innen) für mehr als 60 Jahre schlossen.“ Wikipedia

The Untold Story Of America's Southern Chinese 

Eingebetteter Medieninhalt

„Während der 1920er Jahre gab es in Mexicali achtmal so viele chinesische (Arbeiter:innen) wie (Mexikaner:innen), ... Tunnel verbanden ... Opiumhöhlen und Bordelle mit den (Amerikaner:innen) auf der anderen Seite der Grenze, wo die Prohibition die Begierde hochtrieb.“ Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“ 

Auf einer Westernfolie/Die Landschaft als Genre/Borderline-Romantik

Leslie Jamison beschreibt die Anfahrt zu einem Autor:innentreffen „in Tijuana und Mexicali …morgens wird es Kekse zum Kaffee in Styroporbechern ... abends wird es Koks in Toilettenkabinen geben.“

Sie passiert die Grenze in San Ysidro, einem Quartier in San Diego. „Das Verkehrsaufkommen am San Ysidro Port of Entry ist nach dem am Johor–Singapore Causeway das zweitgrößte der Welt zwischen zwei souveränen Staaten. Innerhalb der westlichen Hemisphäre ist es das stärkste ... Die US-Interstate 5 mündet in die mexikanische Carretera Federal 1.  Außerdem endet hier eine Linie der Straßenbahn von San Diego (Blue Line).“ Wikipedia 

Ich kann das nicht lesen, ohne an Class Relotius zu denken. Die dramatisch illustrierten, tausend Bilder pro Minute abwerfenden Verwerfungs- und Schattenlinien im Grenzland, das nomadisch-tribale Flüchtlingselend und die territorial-tribale Drogenkriminalität gehören programmatisch zur mehrfach ausgezeichneten Relotius-Romantik. Eine entfesselte Mordbereitschaft erzwingt ihre Erwähnung. Ich assoziiere die Ingredienzien auf einer Westernfolie in einer Landschaft voller Kakteen und Tequila-Budiken. Die Gegend wird zum Genre.

Jamison erlebt das genauso. 

„Die Avenida Revolución (in Tijuana ) ist gesäumt von den entkernten Hüllen des Billigtourismus. Menschenleere Bars stehen herum ...“

Die Autorin betrachtet markante Punkte der chinesischen Einwanderung. Sie überfliegt Sino-Latino-Phänomene. In den Vereinigten Staaten etablierten sich Chines:innen als Dienstleister:innen mit Schwarzer Kundschaft. Da sie zunächst keine Häuser besitzen durften, hausten sie in ihren Läden. Manche Familien hielten ihre Betriebe an 365 Tagen von morgens bis nachts in Gang.

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Cāvala dā Calās Sprechgesang prasselt wie Starkregen. Ist das Slang? Sind das erfundene Wörter?