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22.07.2021, Jamal Tuschick

Das Romangeschehen vollzieht sich in einem Wechsel aus Ereignissen, die als Erinnerungsanstöße funktionieren, und Rückblenden auf eine bulgarische Erfahrungsbasis und Gefühlsblase. 

Großmütterliche Goldenfadenstickereien

Auf dem elektrischen Stuhl aka Schauplatz einer dramatischen Veränderung aka Friseursessel überfällt sie die Erinnerung an ein Ereignis im Schlafzimmer der Eltern. In der Gegenwart von Damals ist die Erzählerin sechs, „Sonnenlicht dringt durch die lindgrünen Gardinen und taucht den Raum in ein heimeliges, organisches Grün.“

Die in Bulgarien geborene, in Bremen lebende Autorin lässt ihre bulgarische Erzählerin den deutschen Alltag in einer hanseatischen Spielart hochleben. Das erzählende Ich kommentiert und memoriert. Kurz vor der Niederkunft der Mutter mit dem Bruder Boris schnitt ihr eine Krankenschwester „in einer verrauchten Küche“ das Haar kinderkurz.

„Zum ersten Mal fühlte ich den Verlust meiner Haare.“

Am Nachmittag bebte der Vorgang in der Intimsphäre der hochschwangeren Mutter nach. Jahrzehnte später erlaubt die Tochter als Migrantin einer einheimischen Schönheit in einem Bremer Friseur:innensalon den schwersten Eingriff unterhalb der Schwelle einer Operation. 

Antonia Bontscheva, „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 413 Seiten, 24,-

Der erinnerte Vorgang kapriolt in dem Moment einer Veränderung. Die Erzählerin feiert eine Transition mit der Abgabe eines „fürstlichen Trinkgelds“ nicht zuletzt. Der Gatte setzt dann vielleicht sogar einen erotischen Akzent, wenn er sagt:

„Du hast einen schmalen Nacken.“

*

Im August 1994 beerdigt die Erzählerin ihren Vater in der Schwarzmeerstadt Baltschik. Auf Kindheitsschauplätzen ver- „schüttet die Augustsonne ... flüssiges Silber“.

Die Erzählerin zeichnet die väterliche, das Wunderbare streifende Lebensbahn nach. Ein Chirurg mit außergewöhnlichen Fähigkeiten bereitete der Erzählerin das Vergnügen, ihr Vater gewesen zu sein. Herrlich roch er „nach Rasierwasser, Zigarettenrauch, Desinfektionsmittel, Bier.“ Unter der Dusche donnerte er La donna è mobile:

Eingebetteter Medieninhalt

Die Signalfunktion einer neuen Frisur

Man agiert als euro-migrantische Großfamilie in einer Schrumpfversion. Die Ereignisse oszillieren zwischen der bulgarischen Schwarzmeerstadt Baltschik und der in hanseatischer Souveränität von Niedersachsen abgesprengten Wesermetropole Bremen. Inmitten der pulsierenden Gemeinschaft separiert sich die Erzählerin mit ihrer Tochter.

„Unser einsames, ritualisiertes, symbiotisches Mutter-Tochter-Leben am Rande der Gesellschaft.“

Verheiratet ist die Erzählerin mit einem nach außen äußerst höflichen Mann. Sergej hält sich in Spielarten der zuvorkommenden Erscheinung und der Galanterie gymnastisch flexibel, so wie eine Großkatze ihre Glieder streckt. Er liebt die Gesten höfischer Artigkeit als Kontrastprogramm zu den ruppigen Verkehrsformen der Einwanderer:innen. 

Er kommt rockig mit Rosen für die Schwiegermutter an. Die Gattin reagiert zunehmend aggressiver auf die Schmiere. Der Mann erschöpft sie; zumal mit seinen besitzergreifenden, der Eingenommenen unerwünschte Orgasmen bescherenden Betttouren. Da turnt Sergej als Meister des Coitus interruptus. 

Großmütterliche Goldenfadenstickereien

Sergej ging in die Verhütungsschule seines Vaters. „ Seinen Samen spritzt er (in Erfüllung einer Familientradition) in ein Stofftaschentuch“, das er in einer Schlafanzugtasche bereit hält. Seine Schlafanzüge haben ohne Ausnahmen Taschen. In allen linken Taschen stecken monogrammierte Stofftaschentücher. Die Monogramme sind großmütterliche Goldenfadenstickereien. Nein, ich war zu schnell. Sergej ejakuliert auf den vollen Familiennamen. 

*

Das Romangeschehen vollzieht sich in einem Wechsel aus Ereignissen, die als Erinnerungsanstöße funktionieren, und Rückblenden auf die bulgarische Erfahrungsbasis und Gefühlsblase. 

Längst schlägt das Herz der Erzählerin für den russischen Einwanderer Michail. Eine Schwangerschaft verkompliziert alle Beziehungen. 

Aus der Ankündigung

»Von den Interessanten soll man die Finger lassen, man soll einen heiraten, der gut kochen kann.« Wie alle Frauen der Familie Atanassov teilt Oma Denka ihre Lebensweisheiten ebenso gerne, wie ihre Enkelin sie in den Wind schlägt. Sie hat Bulgarien kurz vor der Wende verlassen und lebt nun mit Mann und Tochter in einem Mietshaus in Bremen, wo Lockenwickler und Seifenlauge regieren. Sie fühlt sich fremd und unverstanden, auch in ihrer Ehe. Als ihr Vater stirbt, reist sie in ihre Heimatstadt am Schwarzen Meer. Dort trifft sie mit ihrer Großmutter, Mutter und Schwiegermutter auf dominante Frauen, die seit jeher die Fäden in der Hand halten, und forscht erstmals den blinden Flecken nach, die weit in die kommunistische Vergangenheit zurückreichen. Sie versteht, wie sehr sie eingewebt ist in dieses bunt gewirkte Familiengeflecht und erkennt, welche Verbindungen Halt geben – und welche Fäden es zu lösen gilt.

Antonia Bontscheva, geboren in Varna, Bulgarien, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie studierte Germanistik in Berlin, arbeitete als Deutschlehrerin und Journalistin, u. a. mit literarischer Radiokolumne für »Funkhaus Europa«. Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere ist ihr Romandebüt, für das sie das Bremer Autorenstipendium des Senators für Kultur und das Stipendium des Bremer Literaturkontors in den Künstlerhäusern Worpswede erhielt.