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24.07.2021, Jamal Tuschick

Eventuelle Emotionen

Antonia Bontschevas nicht unbedingt glücklich verheiratete Erzählerin wird in einer Nebenrolle als Seitenspringerin schwanger. Der Erzeuger erfährt nichts von der Befruchtung. Der Weg von der reinen Leidenschaft zum Elend der Öde war wieder einmal verdammt kurz. Die Mutter der von Kalamitäten Aufgemischten möchte am liebsten „Gefühle verhüten“. 

Sie beugt gern vor und so auch den Risiken eventueller Emotionen. 

„Das Kind muss weg“, fordert die Mutter totalitär. 

Antonia Bontscheva, „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 413 Seiten, 24,-

An einem Bremer Küchentisch erfährt die Tochter von acht mütterlichen Abtreibungen. 

Die Erzählerin fällt aus allen Wolken. Jetzt lernt sie die Mutter noch mal ganz anders kennen; nämlich als aktive Geschlechtsgenossin ihres Gatten im Rahmen des bulgarisch-sozialistischen Verhütungsmittelmangels. Das zählt zwar zum Schnee von gestern. Trotzdem bilden die Informationen die Basis neuer Spekulationen über das Dasein der Ahn:innen; jener Frauen, die sich als ein Ausbund der Entschlossenheit präsentierten, sobald es darum ging, den Nachwuchs in der weiblich-familiären Mitte zu halten. 

Antonia Bontscheva erzählt von dieser drakonischen Wärme; von einer ebenso harten wie unbedingten Liebe. Vielleicht gehe ich zu weit, wenn ich sage, man hatte nichts anderes als Sex und Kinder. Solange man jung war, kam erst der Sex und dann kamen die Kinder. Später war es umgekehrt. Jedenfalls hielten die vom westlichen Konsum abgeschnittenen Generationen mit Granitgriffen fest an ihren Töchtern und Söhnen. 

Die Erzählerin wehrt sich gegen Vereinnahmungen. Sie schiebt die abgetriebene Leibesfrucht Sergej in den Samenbeutel. Das ist so unverfroren wie genial (als Erzähleinfall). Wo Vertrauen unabdingbar ist, da blüht der Verrat. Die Erzählerin verrät ihren Mann, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie macht einfach weiter im täglichen Kleinklein. Ab und zu analysiert sie vergangene Verhältnisse bulgarischer Provenienz. Sie findet treffende Worte für den (die Verkümmerung feiernden) Alltag. 

„Gemächlich trieben sie* durch ein süßes, klebriges, von Alkohol vernebeltes Leben.“

*Dieses sie treibt alle bulgarisch-realsozialistischen Bürger in den Fingerhut einer Zuspitzung. Die Autorin spricht nur von Männern.

Die Signalfunktion einer neuen Frisur

Auf dem elektrischen Stuhl aka Schauplatz einer dramatischen Veränderung aka Friseursessel überfällt sie die Erinnerung an ein Ereignis im Schlafzimmer der Eltern. In der Gegenwart von Damals ist die Erzählerin sechs, „Sonnenlicht dringt durch die lindgrünen Gardinen und taucht den Raum in ein heimeliges, organisches Grün.“

Die in Bulgarien geborene, in Bremen lebende Autorin lässt ihre bulgarische Erzählerin den deutschen Alltag in einer hanseatischen Spielart hochleben. Das erzählende Ich kommentiert und memoriert. Kurz vor der Niederkunft ihrer Mutter mit ihrem Bruder Boris schnitt ihr eine Krankenschwester „in einer verrauchten Küche“ das Haar kinderkurz.

„Zum ersten Mal fühlte ich den Verlust meiner Haare.“

Am Nachmittag bebte der Vorgang in der Intimsphäre der hochschwangeren Mutter nach. Jahrzehnte später erlaubt die Tochter als Migrantin einer einheimischen Schönheit in einem Bremer Friseur:innensalon den schwersten Eingriff unterhalb der Schwelle einer Operation.

Der erinnerte Vorgang kapriolt in dem Moment einer Veränderung. Die Erzählerin feiert eine Transition mit der Abgabe eines „fürstlichen Trinkgelds“ nicht zuletzt. Der Gatte setzt dann vielleicht sogar einen erotischen Akzent, wenn er sagt:

„Du hast einen schmalen Nacken.“

*

Im August 1994 beerdigt die Erzählerin ihren Vater in der Schwarzmeerstadt Baltschik. Auf Kindheitsschauplätzen ver- „schüttet die Augustsonne ... flüssiges Silber“.

Die Erzählerin zeichnet die väterliche, das Wunderbare streifende Lebensbahn nach. Ein Chirurg mit außergewöhnlichen Fähigkeiten bereitete der Erzählerin das Vergnügen, ihr Vater gewesen zu sein. Herrlich roch er „nach Rasierwasser, Zigarettenrauch, Desinfektionsmittel, Bier.“ Unter der Dusche donnerte er La donna è mobile:

Eingebetteter Medieninhalt

Aus der Ankündigung

»Von den Interessanten soll man die Finger lassen, man soll einen heiraten, der gut kochen kann.« Wie alle Frauen der Familie Atanassov teilt Oma Denka ihre Lebensweisheiten ebenso gerne, wie ihre Enkelin sie in den Wind schlägt. Sie hat Bulgarien kurz vor der Wende verlassen und lebt nun mit Mann und Tochter in einem Mietshaus in Bremen, wo Lockenwickler und Seifenlauge regieren. Sie fühlt sich fremd und unverstanden, auch in ihrer Ehe. Als ihr Vater stirbt, reist sie in ihre Heimatstadt am Schwarzen Meer. Dort trifft sie mit ihrer Großmutter, Mutter und Schwiegermutter auf dominante Frauen, die seit jeher die Fäden in der Hand halten, und forscht erstmals den blinden Flecken nach, die weit in die kommunistische Vergangenheit zurückreichen. Sie versteht, wie sehr sie eingewebt ist in dieses bunt gewirkte Familiengeflecht und erkennt, welche Verbindungen Halt geben – und welche Fäden es zu lösen gilt.

Antonia Bontscheva, geboren in Varna, Bulgarien, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie studierte Germanistik in Berlin, arbeitete als Deutschlehrerin und Journalistin, u. a. mit literarischer Radiokolumne für »Funkhaus Europa«. Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere ist ihr Romandebüt, für das sie das Bremer Autorenstipendium des Senators für Kultur und das Stipendium des Bremer Literaturkontors in den Künstlerhäusern Worpswede erhielt.