MenuMENU

zurück zu Main Labor

24.07.2021, Jamal Tuschick

Kunst als Pflaster auf dem Grenzriss zwischen Kreuzberg und einem ehemaligen DDR-Bezirk © Jamal Tuschick

Einheitseifer und Originalostprägung

Was wäre gewesen wenn? Wenn es keinen ostdeutschen Einheitseifer gegeben hätte? Wenn die Hoffnungsüberschüsse der Revolutionäre von Neunundachtzig einer sozialistischen Erneuerung zugeführt worden wären? Man stelle sich die transformierte DDR als einen Hort des Plebiszits (als Lohn einer umsturzbereiten Mündigkeit) - so eigen wie die Schweiz vor. Im kulturellen Dissens ihrer Nachkommen steckt die Schmach vorzeitiger Kapitulation. Die letzte Generation mit Originalostprägung kämpft um ihre Identität. Verliert sie den Kampf um die Deutungshoheit über ihre Geschichte?

Die transgenerationelle Weitergabe ihrer Wiedervereinigungsbauchschmerzen tradiert eine Mentalität, die bald vielleicht nur noch als semi-folkloristische Devianz wahrgenommen werden wird. Vielleicht ordnet man sie Landstrichen zu, dem Protestantismus und anderen Verbundenheiten, in denen sich frühe Anpassungen gegen spätere Forderungen durchsetzen. Ein DDR-Erbe könnte für die letzten in der DDR erzogenen Bundesbürger:innen ein aufgegebenes Erziehungsideal sein. Was für die amerikanischen Vietnamverlierer:innen das Kino war, wo ihre Niederlage in Siege umgedichtet wurde, ist für die letzten echten Ostdeutschen die Erziehungsfront. Auf den Betreuungs- und Ausbildungsschlachtfeldern konnte ihr Staat auftrumpfen. Zweifellos ergab sich so eine weitreichende Selbstverständlichkeit in den Verknüpfungen von Familie und Arbeit. Manches erscheint vorbildlich und wirkt entkrampfend auf westdeutsche Frauen und Paare. Man wird noch feststellen, dass eine größere gesamtdeutsche Familiengründungsbereitschaft im Osten angestoßen wurde.