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26.07.2021, Jamal Tuschick

#Daily Storytelling

Der Lumikki kurz vor Sanō vhā'īṭa atē. Hier erkennen Heathernousi und Hīthara, das sie sich gegenseitig Glück schenken können.© Jamal Tuschick

In der Gegenwart des Glücks

Der proletarisch-basierte Soziologe Paul Mason definiert die Säulen seiner Herkunft: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“ 

In diesem Milieu spielt die Geschichte von Heathernousi & Hīthara.

*

Schließlich geht es nur noch darum. Wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden. Oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.

Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Heathernousi notiert ihre letzten Reinfälle. Der sarkomen Gier entreißt sie eine Geschichte vom aufholenden Tier Tod. Sie erinnert sich wie eine Ertrinkende an jene Beziehung, die alle anderen in den Schatten stellte. Sie weiß, sie wird allein sterben; jedenfalls ohne individuell-liebevolle Begleitung. Es tröstet sie, dieses Schicksal einem anderen erspart zu haben.  

Rückblende I

In der Gegenwart des Glücks

Schon als Kind besteht Heathernousi auf die handgreifliche Wahrheit. Deshalb verweigert sie ihrer nachlässigen Mutter wiederholt die Gefolgschaft. Zugleich beweist sie eine beachtliche nachbarschaftliche Aufgeschlossenheit. Frühe Begegnungen mit einem elastisch-glamourös betagten Nachbarn gipfeln in Solidaritätsgesten unter Außenseitern.

Heathernousi und Hīthara sind synästhetische Überschreitungen der gewöhnlichen Wahrnehmung erlaubt. Beide arbeiten an einer Privatphänomenologie und beweisen sich den Willen zu rivalisierenden Deutungen. Während Heathernousi mit ihrer Vorstellungskraft punktet, trumpft Hīthara mit Erinnerungen auf.

Das Programm einer Verdopplung der Kombination von Hilflosigkeit und Begabung könnte gemütlich und märchenhaft über eine Backsteinquartiers- und Mietskasernenbühne gehen. Doch das lässt Heathernousi nicht zu. Sie veranlasst Hīthara zu Offenbarungen, die seine Redlichkeit in Frage stellen. Ist er nicht vielleicht doch nur ein Verführer: schlau zwischen Scham und Schicklichkeit?

Ist Hīthara  so einer, der sich an seinem Einfluss auf eine Pubertierende berauscht? Verstetigt er gezielt das Grandiositätsphantasma der Tochter einer überforderten Nachbarin. 

Heathernousi ist zehn bei der ersten Kontaktaufnahme. Sie öffnet sich Hītharas gewinnendem Wesen. Der Senior bietet der Debütantin lauter Alternativen zu rüden Siedlungsstandardlösungen. Heathernousis Aufzeichnungen klären nicht, ob Hīthara  an einer Grenze des Erlaubten patrouilliert, oder wie harmlos man ihn finden soll.

Heathernousi fühlt sich mit Hīthara auf die redlichste Weise befreundet. Sie entwickelt eine fürsorgliche Perspektive. Darin erscheint Hīthara nicht nur als sprühender Erzähler seines Lebens, sondern eben auch als einsamer alter Mann, der seine Kräfte schwinden sieht. Die zunehmend stärker werdende Freundin registriert erste Unsicherheiten lange vor den frühen Marken der Hinfälligkeit. Sie beobachtet Aufenthalte in den Gehegen der Schonhaltung. Sie bemerkt die Folgen nachlassender Sehkraft so wie von Blasenschwäche.

Hīthara Ehrgeiz zielt darauf, Heathernousi  seine Hinfälligkeit vorzuenthalten. Wie eine vergreisende Diva verschleiert er, was ihm Makel behaftet erscheint; während die junge Freundin ungeheuer großzügig sein und leicht über die Verzitterungen des Alltags hinwegsehen kann. 

Heathernousi hält an dem vorsichtig Verfallenden fest. Als längst Erwachsene organisiert sie seine Pflege, kümmert sich selbst. Dabei sind ihre Aussichten erbärmlich. Heathernousi klebt an einer Sprosse der sozialen Leiter, die sie zehn Jahr zuvor erklommen hat. Sie haust in einer Welt der Wartemarkenspender. Sie unterliegt der institutionalisierten Lieblosigkeit von Verwaltungseinheiten.

Alles kondensiert und erodiert im thatcherisierten England. 

Ich muss mich an dieser Stelle nicht davon abhalten, wieder einmal den Soziologen Paul Mason zu zitieren, der den Verfall der britischen Gesellschaft aussichtsreich beschreibt.

In einem Aufsatz unter dem Titel „Keine Angst vor der Freiheit“ berichtet Mason von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren.“

Mason definiert die Säulen seiner Herkunft: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“