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27.07.2021, Jamal Tuschick

Emma Cline erzählt mit seltener Finesse. Die Clous ihrer Geschichten lassen sich leicht überlesen. Sie entfalten eine verzögerte Wirkung. Ihre Ladungen detonieren wie Feuerwerkskörper auf der Lichtung eines Sommertages. Sie verfehlen jene Effekte, auf die schlechtere Erzähler:innen spekulieren. Nie erlauben sie eine vollständige Aufklärung.  

John muss sich Zuschreibungen gefallen lassen, die ihn zum achtlosen Vaters erklären. Vergeblich versucht er sich als Lordsiegelbewahrer von Kindheitsschätzen zu rehabilitieren.

Emma Cline © Ricky Said

Nebengeräusche des Wohlstands

Eine Familie kommt zusammen. Auch Nebengeräusche verraten den weißen Mittelstand.

Weihnachten in Kalifornien. Eine Familie kommt zusammen. Bugwellen klären den Status im Plural der Ankünfte. Auch Nebengeräusche verraten den weißen Mittelstand. Leger garantieren die Eltern dem Nachwuchs ein stabiles Zentrum im Chaos offener Spiele.

Einst speisten Linda und John ihre Kinder mit Hotdogs ab, während die Versorger Eiswürfel in Weißweingläsern klingeln ließen. Jetzt sind die Eltern erschöpft genug, um sich für die Brut wirklich zu interessieren. Das erzählt Emma Cline in der Startstory „Was macht man mit einem General?“.

Konstituierende Konflikte

Wesentliche Momente der temporären Reunion finden im „wintergrünen Garten“ statt. Beim Abendbrot drohen Entladungen. Konstituierende Konflikte melden ihre Hoheit an wie schwarze Wolken an einem Gewitterhimmel aufkreuzen. John weiß, er kann nur alles falsch machen. Die Verstörungen seiner Tochter Sasha nötigten ihn einst dazu, eine Therapie zu machen, um Sashas Therapieerfolg nicht zu gefährden. John weicht in den Rausch aus. Er stiehlt sich aus der Wohnzimmerarena; überfordert von dem wahnsinnig übersteuerten Egoismus, den er mit seinem Samen in die Welt gebracht hat. Raubtiere fletschen die Zähne. Besser, man nennt es Lächeln.  

Emma Cline, „Daddy“, Kurzgeschichten, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Roman, Hanser, 22,-

Keimzeitliche Rivalitäten brechen auf. Man könnte sich doch auch mal einen Abend lang zusammenreißen. Der obligatorische Weihnachtsfilm läuft ab. Same procedure as every year. Darauf spielt der Titel an. Ein pensionierter General verkörpert „diese ganze Ostküsten-Rüstigkeit ... kerngesund mit roten Backen“. Eine Name hilft, den Film zu identifizieren. Die Angespannten sehen Weiße Weihnachten

John muss sich Zuschreibungen gefallen lassen, die ihn zum achtlosen Vaters erklären. Vergeblich versucht er sich als Lordsiegelbewahrer von Kindheitsschätzen zu rehabilitieren. Seine Töchter erlauben ihm nicht, gemeinsame Erinnerungen zu teilen. Sie stellen sich taub gegenüber ihren Manien, Vorlieben und Niedlichkeiten von früher. Sie lassen den alten Mann auflaufen. Seine Manöver sind doch bloß durchschaubare Umdeutungen emotionaler Unzulänglichkeiten. 

Aus der Ankündigung

„Der sehnsüchtig erwartete Erzählband ‚Daddy‘ ist ein würdiger Nachfolger von Emma Clines Debüt ‚The Girls‘.“ Esquire

In ihrem Haus in Südkalifornien erwarten Linda und John sehnsüchtig die Ankunft ihrer Kinder. Es könnte ein idyllisches Familienfest werden – wären da nicht die Gespenster von Zorn und Traurigkeit. Emma Cline erzählt von Männern, die gefangen sind in mühsam errichteten Selbstbildern, von Frauen auf der Suche nach dem Reiz der Grenzüberschreitung, von Familienvätern, die die Vergangenheit einzuholen droht. „Daddy“ ist ein funkelndes Psychogramm unserer Gegenwart: Erzählungen über die andauernden Widersprüche unserer Beziehungen, den Kampf gegen den männlichen Blick, das Ausloten von Weiblichkeit. Nach ihrem fulminanten Debüt „The Girls“ beweist Emma Cline erneut die ganze Bandbreite ihres Könnens.

Zur Autorin

Emma Cline wuchs in Kalifornien auf. Für ihr schriftstellerisches Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Plimpton Prize for Fiction der Paris Review. Ihre Erzählungen erschienen u.a. im New Yorker, Granta und der Paris Review. Sie wurden wiederholt in die Best American Short Stories-Anthologie aufgenommen. Bei Hanser erschien zuletzt ihr gefeiertes Debüt The Girls (Roman, 2016).