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29.07.2021, Jamal Tuschick

Remarques Refugium

Kurz vor Hitlers Machtergreifung verlässt der Bestsellerautor, bekennende Pazifist und erklärte Nazigegner Erich Maria Remarque Berlin. Der Exilant in spe und sein Feind erreichen ihre Ziele gleichzeitig. Im Tessin erfährt Remarque, dass der brutale Straßentheaterkasper Hitler Reichskanzler geworden ist. Während sich Remarque in der Villa Casa Monte Tabor* einrichtet, sterben auf den Gassen und Hinterhöfen der deutschen Kapitale Gegner:innen der neuen Machthaber:innen.   

*So heißt Remarques Refugium am Lago Maggiore. 

Edgar Rai (rechts) und Jarett Kobek © Jamal Tuschick

Politischer Spuk

Die SA schwärmt aus in klirrender Kälte. Noch spielt Ernst Röhms in der Weimarer Republik drei Mal verbotene, in ihrem ursprünglichsten Format von dem Uhrmacher und Ehren-Arier Emil Maurice als Turn- und Sportabteilung der Partei gegründete Sturmabteilung die erste Geige im Straßenkampf. Noch liegt die Macht nicht in Hitlers Händen. Doch lässt sich seine putschistische Zugriffsbereitschaft nicht mehr ignorieren. Für den prominenten Antifaschisten Erich Maria Remarque bedeutet der faschistische Siegeszug das Ende aller deutschen Optionen. 

Edgar Rai, „Ascona“, Roman, Piper, 247 Seiten, 22,-

Die Nazis machen kein Hehl daraus, dass Remarque auf ihrer Schwarzen Liste ziemlich weit oben steht. Seine Koffer sind schon gepackt. Die tragbare Remington steht griffbereit. Trotzdem trägt sich der Schriftsteller mit Hoffnungen. Er glaubt an einen Spuk, an etwas Vorübergehendes. Das hält ihn nicht davon ab, sich vorsorglich abzusetzen. 

Die Fahrt aus dem Risikogebiet fühlt sich kaum wie eine Flucht an. Um es präziser zu fassen: Der Umzug ins Exil erscheint unwirklich. 

„Als wäre die Welt um ihn herum in Auflösung begriffen.“

Vierzehn Stunden reist Remarque im Lancia Dilambda** von Berlin bis zum vertrauten Glockenturm von Santi Pietro e Paolo (Astano). Remarque zählt zu den „besonderen Besitzer:innen“ der Edelmarke. 

**„Erich Maria Remarque floh in seinem Lancia Dilambda ... und widmete dem Wagen sogar eine Erzählung. Der Dilambda wurde von zahlreichen Stars der 1930er Jahre gefahren, so etwa auch von Max Schmeling, Ernest Hemingway und Greta Garbo.“ Wikipedia

Aus der Ankündigung

Ascona 1933 - Zuflucht und Krisenort für Erich Maria Remarque In der Nacht vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler flieht Erich-Maria Remarque von Berlin ins Schweizer Exil am Lago Maggiore.

Wenig später brennen seine Romane auf dem Scheiterhaufen der Nazis. Remarque stoßen die politischen Vorgänge in tiefe Ratlosigkeit, künstlerisch quält er sich seit Jahren mit einem neuen Roman herum. Seine Depression betäubt er mit Zigaretten und Alkohol, Ausschweifungen und erotischen Eskapaden, in die er sich mit seiner Exfrau Jutta stürzt. Auch sie auf der Flucht vor den Nazis, deren Hetze die Exilgemeinde in Ascona von Tag zu Tag vergrößert. Und noch immer tritt der Roman auf der Stelle, Hoffnung auf Erlösung liegt für ihn allein in der Begegnung mit der Frau seines Lebens, die sein schweizer Exil für immer beendet.

Zum Autor

Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, ist Autor vieler erfolgreicher Romane, Übersetzer und seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. 2010 gelang ihm mit dem Bestseller „Nächsten Sommer“ der Durchbruch. Zuletzt erschien im Berlin Verlag „Die Gottespartitur“ (2014). Er lebt mit seiner Familie in Berlin.