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02.08.2021, Jamal Tuschick

Pressetext

Mit „Sommer“ hat die schottische Autorin Ali Smith eines der interessantesten Buchprojekte der letzten Jahre abgeschlossen. Begonnen hat sie mit „Herbst“, der als „erster Brexit-Roman“ gefeiert wurde und 2017 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand. Seitdem wurde das Buchprojekt jährlich um einen Band erweitert. Übersetzt von Silvia Morawetz , sind die Romane „Herbst“ (2019), „Winter“ (2020), „Frühling“ (März 2021) und „Sommer“ (Juli 2021) immer dicht an den aktuellen Geschehnissen und Befindlichkeiten in Großbritannien. Ob Brexit, Ende des Wohlfahrtstaats, Umgang mit Migranten oder Corona-Krise - die politisch brisanten Themen kombiniert sie mit zahlreichen literarischen Anspielungen: von Shakespeare, Dickens und Rilke bis hin zu Katherine Mansfield, Chaplin und Beethoven.

In „Sommer“ erzählt sie eine Geschichte über Menschen, denen große Veränderungen bevorstehen. Sie sind eine Familie und glauben doch, Fremde zu sein. Allein der Sommer verbindet sie. Da ist zum Beispiel die 16-jährige Sacha, die Probleme mit ihrem kleinen Bruder hat, einem hochbegabten, die Schule schwänzenden Einstein-Fan. Eigentlich will sie die Welt retten, aber ihre Eltern sind ihr dabei keine Hilfe. So weit die Gegenwart. In der Vergangenheit verbringen ein anderer Bruder und eine andere Schwester einen wunderschönen Sommer im Vorkriegseuropa der 30er Jahre, obwohl sie wissen, dass die Zeit gegen sie arbeitet.

»Das Projekt der schottischen Schriftstellerin ist nicht weniger als der Versuch, der Gegenwart im Schreiben habhaft zu werden.« ORF-Bestenliste Mai 2021

»Mehr als ein Brexit-Roman: Ali Smiths ›Herbst‹ erzählt von der Schönheit eines gelebten Lebens im Angesicht der Verunsicherung.« Elena Witzeck / Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die Moral dieser Weihnachtsgeschichte ist jedenfalls klar: Wer Differenz aushält, gewinnt.« Eva Tepest / taz (über „Winter“)

»Fantasievoll rechnet die Schriftstellerin mit den Ungerechtigkeiten der britischen Gesellschaft ab. Mit ›Frühling‹ hat sie eine Art Märchen erfunden, das auch Hoffnung signalisiert.« Johannes Kaiser / Deutschlandfunk Kultur

Synästhetische Sensationen - Hier schon mal meine Besprechung von Ali Smiths vorletztem Roman

Kommunales Sitzen – In ihrem Roman „Herbst“ erzählt Ali Smith die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem mondänen Greis und einer viel jüngeren Nachbarin, in der auch ein Versuch über gesellschaftlichen Gemeinsinn steckt.  

Vorstellung versus Erinnerung

Bestimmt war er mal wer. Vor langer Zeit in einem anderen Land. Jetzt ist Daniel Gluck nur noch alt, auch wenn sich dieses Jetzt hinzieht. Wahrgenommen und geschätzt (gewogen und nicht für zu leicht befunden) wird der mondäne Greis von Elisabeth Demand. Ihre Perspektive bestimmt den Leserblick.

Ali Smith, „Herbst“, Roman, auf Deutsch von Silvia Morawetz, Luchterhand, 267 Seiten, 22,-

So gelenkig wie glamourös

Schon als Kind besteht Elisabeth auf die handgreifliche Wahrheit. Deshalb verweigert sie ihrer nachlässigen Mutter wiederholt die Gefolgschaft. Zugleich beweist sie eine beachtliche nachbarschaftliche Aufgeschlossenheit. Frühe Begegnungen mit dem ebenso gelenkig wie glamourös betagten Nachbarn gipfeln in Solidaritätsgesten unter Außenseitern.

Elisabeth und David sind synästhetische Überschreitungen der gewöhnlichen Wahrnehmung erlaubt. Beide arbeiten an einer Privatphänomenologie und beweisen sich den Willen zu rivalisierenden Deutungen. Während Elisabeth mit ihrer Vorstellungskraft punktet, hält sich David an seine Erinnerungen.

Das Programm einer Verdopplung der Kombination von Hilflosigkeit und Begabung könnte gemütlich und märchenhaft über eine Backsteinquartiers- und Mietskasernenbühne gehen. Doch das lässt Ali Smith nicht zu. Sie zwingt Daniel zu Offenbarungen, die seine Redlichkeit in Frage stellen. Ist er nicht vielleicht doch nur ein Verführer: halbwegs im Schicklichkeitsrahmen. - Einer, der sich an seinem Einfluss auf eine Pubertierende berauscht.

Er nennt Elisabeth „kleine Sehjungfrau“ und attestiert ihr Wunderfähigkeiten.

Elisabeth ist zwölf bei der ersten Kontaktaufnahme. Sie öffnet sich Daniels gewinnendem Wesen. Der Senior bietet der Debütantin eine Alternative zu ihrem fordernden Familiennamen: de Mond(e).

Der Handlungsverlauf klärt nicht, ob David an einer Grenze des Erlaubten patrouilliert, oder wie harmlos man ihn finden soll.

Elisabeth besteht jedenfalls darauf, dass alles lautere Freundschaft ist. Sie fühlt sich so befreundet mit David, dass sie sich auch noch um ihn kümmert, da die imposante Spanne des Jetzt sich schließlich auch in seinem Fall als endlich erweist. Im Pflegeheim fällt der Besucherin auf, dass sie „nicht eine einzige Pflegerin gesehen hat, die nicht von irgendwo anders auf der Welt stammt“. Die Beobachtung löst einen Rekurs auf Thatcher aus, die „uns beigebracht hat, egoistisch zu sein“ und zu glauben, „dass es so etwas wie eine Gesellschaft nicht gibt“.

Ist es das?

Ist das der Grund, warum Elisabeth an David festhält? – Weil die verschrobene Verbindung einen anderen Horizont aufreißt, als das neoliberale Desaster im übrigen?

Elisabeths Koordinaten sind erbärmlich. Sie klebt an einer Sprosse der sozialen Leiter, die sie zehn Jahr zuvor erklommen hat. Sie haust in einer Welt der Wartemarkenspender und „kommunalen Sitzgelegenheiten“. Sie unterliegt der institutionalisierten Lieblosigkeit von Verwaltungseinheiten

Alles kondensiert und erodiert.

Ich muss mich an dieser Stelle davon abhalten, wieder einmal den Soziologen Paul Mason zu zitieren, der den Verfall der britischen Gesellschaft aussichtsreich beschreibt.

Was soll der Geiz? In einem Aufsatz unter dem Titel „Keine Angst vor der Freiheit“ berichtet Mason von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren.“

Mason definiert die Säulen seiner Herkunft: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

Wer erinnert sich noch an die farbige Feststellung, Boris Johnson habe die nordenglischen Labour-Wälle geschliffen? Da war Smiths „Herbst“ schon im Handel. Die Autorin beweist mit dem Titel eine prophetische Kraft.