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03.08.2021, Jamal Tuschick

Genetisches Fließband

Den belgisch-französischen Detrez-Klan regieren Männer in herausragenden Positionen. Sie sind geborene Magnaten und Mogule. Auch Jean-Yves Detrez bestätigt als EU-Kommissar die Prädestination zu einer Ausnahmestellung wie am genetischen Fließband. Er empfängt seine Nachkommen und deren fleischlichen Leistungsnachweise in einem toskanischen Ferienhaus.

Die Dynastie zieht sich in der Sommerfrische nach San Donato in Poggio zurück. Der toskanische Weiler in der Gegend von Florenz findet bereits vor der ersten Jahrtausendwende Erwähnung in einer Klosterakte. San Donato gehörte 1260 zum Ruheraum und Aufmarschgebiet der Fiorentiner vor der Schlacht von Montaperti. In der ländlichen Idylle kitzelt „der Duft von Zitronengrass“ in der Erzählernase. Ein Sohn des großen Jean-Yves renommiert mit den Verdiensten des Vaters. 

Jean-Philippe Toussaint, „Die Gefühle“, Roman, auf Deutsch von Joachim Unseld, Frankfurter Verlagsanstalt, 242 Seiten, 22,-

Jean Junior bemerkt die Anspannung des greisen Patriarchen. Immerhin genießt er noch die „weibliche Präsenz“ seiner Schwiegertochter Diane, die in ihrer zerrütteten Ehe nicht länger durchzuhalten gewillt ist. 

Der Sohn entzieht sich auf der Schaluppe seiner Erinnerungen einer desaströsen Gegenwart. Jean memoriert den schönen Anfang mit Diane. Jedes Detail fand einen prächtigen Rahmen auf der Brüsseler Gesellschaftsebene. Bereits die erste Begegnung endete in einem gemeinsamen Schaumbad. Jean stimulierte Dianes „Geschlecht“ mit einer Zehe. Er studierte die Zeichen der Zustimmung. 

Lähmendes Schweigen

Die Ehe endet in „Kälte und Feindseligkeit“. Jean Detrez datiert das letzte Stadium auf den 23. Juni 2016. Das ist der Tag des Referendums über den Brexit. Der Erzähler erfährt von der historischen Zäsur in Brüssel; ein „heftiges Gewitter“ zieht über der Stadt auf. Detrez ergeht sich in der Betrachtung eines „wolkenbruchartigen Regenfalls“, während er das lähmende Schweigen seiner Frau Diane zur Kenntnis nimmt. 

Der Belgier Detrez zählt zu jenen handverlesenen Spezialist:innen, die von Regierungen und internationalen Organisationen konsultiert werden. Der Zukunftsforscher jettet von Konferenz zu Konferenz und so von Komfortgipfel zu Komfortgipfel. Ein notorisches Verkehrsgeräusch stört die Reibungslosigkeit der Abläufe. Auf jeder Insel der Exklusivität verdirbt jemand Detrez die Laune mit unbestellten Vorträgen im „snobistischen (Insider:innen)-Ton“. Staatschefs und Spitzenpolitiker:innen nennen solche Aufschäumer:innen grundsätzlich „bei ihren Vornamen“.  Detrez bemerkt eine „nervenaufreibende Vertrautheit“. 

Ganz andere Empfindungen löst die Expertin Enid Eelmäe aus. Die Estin kombiniert Charme und Zurückhaltung. Detrez fährt auf das Programm ab. Er fühlt sich „verzaubert“, während sein Freund Peter Atkins eine Eröffnungsrede hält. Drei große Nachkriegszyklen unterscheidet er. Es fällt nicht schwer, zu erraten, was im Augenblick ansteht: der populistische Zyklus, Zirkus geht auch.  

Atkins fasst den Bedeutungskern der akuten Krise als Ablehnung der Eliten zusammen. Dies geschieht in Hartwell House

Gediegen-dynastisch

Detrez gleitet vor der denkbar elegantesten Kulisse von Enid Eelmäe weiter zu einer Person am Tagungstresen, die sich von ihm einladen lässt. Toussaint erzählt das so: als fließender Übergang von einer Bekanntschaft zur nächsten unter erotischen Vorzeichen. Schöne Füße, ein komplizenhaftes Lächeln ... Detrez bewegt sich frei und gelöst auf dem Terrain des ehrgeizigen Flirts. Am Ende ist man blau und entschlossen, es zum Äußersten kommen zu lassen. 

Bei der Rekonstruktion bleiben Detrez wesentliche Areale einer dubiosen Nacht unzugänglich. Er spekuliert auf der Basis von Indizien. Dann kehrt er in seine gediegen-dynastische Familiengeschichte ein. Er erholt sich im Erzählfluss. Als Sohn eines herrschaftlich-dominanten Vaters so wie als älterer Bruder eines früh gesetzt auftretenden, beruflich in den Fußstapfen eines legendären Großvaters ausschreitenden Architekten bietet ihm die Herkunftsfamilie alle möglichen Gewissheiten vor dem schroffen Massiv der desaströsen Ehe mit Diane. Die Ordnung liegt in der Vergangenheit, während in der Gegenwart das Chaos droht. 

Detrez fehlt jene Haltung, die zu einem guten Abendessen gehört. Er verpasst die bürgerlichen Züge in die Vorstädte der Selbstbefriedung und entspannten Abklärung. Der Erzähler verwildert halbwegs unbemerkt.  

Aus der Ankündigung

Ein Nachdenken über die Moderne und deren technischen Auswüchse wie Blockchain und Bitcoin, konspirative Treffen und ein wenig Action à la James Bond – davon handelte Toussaints letzter Roman Der USB-Stick. In Die Gefühle, dem zweiten Band seines neuen Romanzyklus, zeichnet er das abenteuerliche Porträt eines Mannes, der die Erfahrung der Unvorhersehbarkeit macht: Für seinen Helden Jean Detrez, dessen berufliche Beschäftigung mit der Zukunft nicht besagt, dass er seine eigene Zukunft im Griff hätte, verflechten sich Liebe, Sex und Tod auf abenteuerliche Weise. Seine Ehe scheitert, als sie sagt: »Ich liebe dich nicht mehr.« Ihr letzter gemeinsamer Abend ist der Tag des Referendums Großbritanniens, eine doppelte Niederlage für den Mitarbeiter der Europäischen Kommission. Und mit dem Brexit wird nicht nur sein Traum von Europa zu Grabe getragen, auch sein Vater liegt im Sterben.

Zum Autor

Jean-Philippe Toussaint, geboren 1957, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und Fotograf. Der ehemalige Juniorenweltmeister im Scrabble lebt in Brüssel und auf Korsika. Sein Gesamtwerk erscheint auf Deutsch in der Frankfurter Verlagsanstalt, zumeist in der Übersetzung des Verlegers Joachim Unseld. Zuletzt erschien Der USB-Stick (FVA 2020), sein nach dem Marie-Zyklus lang erwarteter nächster großer Roman, der von der französischen wie deutschen Presse gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde.