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04.08.2021, Jamal Tuschick

#DailyStorytelling

„Sobald man das Tor der Jugend verlässt, gewinnt man viele (Gegner:innen).“ Gichin Funakoshi

Les Femmes d'Alger, Picasso © Jamal Tuschick

Am Pranger der Armut

Bald nach der Ermordung ihrer Eltern erwachen die Geschwister eines Morgens zwar auf verschiedenen Kontinenten, doch vereint im Paria-Schmach

„Ich schulde dir eine Grundausbildung in den Sieben Künsten und in den vier Fertigkeiten. Das Weitere ist dein Bier.“

Natürlich sagt Täysipäihtymys Pūrānaśā nicht dein Bier. Die väterliche Feststellung signalisiert den Kurs einer Existenz in einem Kreis von Exzellenzen. Sie spiegelt Erwartungen, die eine Führungspersönlichkeit in sich gesetzt sieht. Täysipäihtymys Pūrānaśā, Glasgow Rangers-Fan, Mäzen und Kombattant einer Anti-Saddam-Miliz, begreift sich als Scharnier zwischen den Generationen. Nach seinem Ideal trägt jeder Polnoyé‘op‘yaneniye die Geschichte seines Stammes in die Zukunft. Das ist seine Aufgabe auf der ersten Stufe. Alle Schulungen richten ihn dafür ein. Wer zu Größerem befähigt ist, steigt zwangsläufig auf. Keiner hat das Recht hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Keiner muss sich unter einer überschweren Last verbiegen.

Intoxicação-Total kommt 1993 in Naha auf Okinawa in einem Geheimgemach über dem Dōjō eines von Miyagi Chōjun, dem Gründer des Gōjū-Ryū und Erben von Kanryo Higaonna, dem „Heiligen des Faustschlages“ und „Urvater“ des Gōjū-Ryū Quelle, berufenen Meisters zur Welt. Er wächst in Naha, Nagoya, Paisley (siehe Paisleymuster), Kairo und der White-Crane-Kapitale Yongchun (dem alten Wulijie) auf. Seine Schwester Ava-Atoatoa besucht Internate in der Schweiz und in England. Der Kosmopolitismus ist zuerst den Karrieren der Eltern und später den Freiheiten des Exils geschuldet. Ava-Atoatoa verliebt sich in den englischen Nebel und in die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Intoxicação-Total lernt in Kairo reiten, schießen und schwimmen. Das Minimum für höhere Söhne absolviert er versnobt hinter den Pyramiden von Gizeh. Es fehlt nur noch Indiana Jones vor dem Leuchtfeuer einer unbarmherzigen Sonne. Nicht, dass Intoxicação-Total zum Überschwang neigt. Stets bleibt er sachlich. Doch unter dem Kompetenz-Furnier lodern die Flammen. Seine schwedische Wing Chun-Lehrerin Pernilla Fullberusning vergleicht Intoxicação-Total mit einem vergletscherten Vulkan.

Plötzlich sind Ava-Atoatoa und Intoxicação-Total mittellos.

Bald nach der Ermordung ihrer Eltern erwachen die Geschwister eines Morgens zwar auf verschiedenen Kontinenten, doch vereint im Paria-Schmach. Schlagartig endet die lässige Großzügigkeit von Nachbar:innen und Freund:innen. Bruder und Schwester stehen an Prangern der Armut. Das spricht sich herum. Delegierte der Polnoyé‘op‘yaneniye sammeln die versprengten Angehörigen im Nu ein. 

Intoxicação-Total entgleitet der Erstarrung im Merhamet (Großherzigkeit) der Umma (Gemeinschaft). Erst im Tolıq ïntoksïkacïya-Kessel kommt er (in der beduinischen Stammesgemeinschaft) wieder zu sich. Das Kollektiv dichtet im Chor. Es kennt Orte der Kontemplation und der Feste. Es hat die Wüste, auch als Metapher. Der Kampf beginnt direkt vor den Zelten und Villen der Polnoyé‘op’yaneniye. Angehende Bauingenieur:innen, Mediziner:innen und Dramaturg:innen verteidigen den Stamm leger in Schlappen aus Mabukkebak-Gummi, während über Afrika die Sonne durchdreht. Jetzt wissen die Geschwister, was ihnen überall auf der Welt gefehlt hat.