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06.08.2021, Jamal Tuschick

Schwestern im Mut

Während Privilegierte europaweit das Weite suchen, begibt sich Zivia sehenden Auges in Gefahr. Sie brennt für ihre Sache und kann es kaum erwarten, sich als fragile Schutzmacht ihrer Schützlinge zu bewähren. Sie ist eine jener, die „beherzt und unverfroren“ den Kampf gegen einen mörderischen Antisemitismus aufnehmen. 

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Judy Batalion folgt den oft verwehten Spuren jener Schwestern im Mut, die Gewalt mit Gewalt beantworteten, fern der „Aura der Viktimisierung“, die Batalions Herkunftsklima bestimmte. Sie erinnert an jüdische Kämpferinnen, die Chancen, dem Grauen zu entkommen, nicht nutzten, um „beherzt und unverfroren“ am Kriegsgeschehen beteiligt zu bleiben.

Weiblicher Widerstand

Im August 1939 reist die aus Beuthen (heute Bytom) gebürtige Aktivistin Zivia Lubetkin zum 21. Zionist:innenkongress nach Genf. Die Delegierte genießt die zivile Eleganz des gehobenen Schweizer Alltags. Sie registriert „gepflegte Rasenflächen … schick gekleidete Frauen“ im Abendglanz einer Epoche. Sie träumt sich in die Rolle einer Schriftstellerin, die sich mit allen Freiheiten in Details verliert. Sie könnte sich absetzen und in Sicherheit bringen.

„Auch Zivia (erhält) eine Sonderbescheinigung, die es ihr ermöglicht ... unmittelbar nach Palästina zu reisen und dem bevorstehenden Krieg (so) … zu entgehen.

Sie (nutzt) sie nicht.“

Die Rückkehr lässt sich kaum als Heimfahrt deklarieren. Schlagbäume versperren alle Grenzübergänge. Das bürgerliche Reisegeschehen gerät unter die Räder militärischer Aufmärsche. Züge entgleiten ihren Bestimmungen auf Nebenstrecken des Güterverkehrs und einer logistischen Stagnation. Kurz, Zivias missionarische Podróż powrotna gestaltet sich kompliziert.  

Judy Batalion, „Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns. Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen“, auf Deutsch von Maria Zettner, Piper, 620 Seiten, 25,-

Während Privilegierte europaweit das Weite suchen, begibt sich Zivia sehenden Auges in Gefahr. Sie brennt für ihre Sache und kann es kaum erwarten, sich als fragile Schutzmacht ihrer Schützlinge zu bewähren. Sie ist eine jener, die „beherzt und unverfroren“ den Kampf gegen einen mörderischen Antisemitismus aufnehmen. 

„Beherzt und unverfroren“

Judy Batalion folgt den oft verwehten Spuren jener Schwestern im Mut, die Gewalt mit Gewalt beantworteten, fern der „Aura der Viktimisierung“, die Batalions Herkunftsklima bestimmte. Sie erinnert an jüdische Kämpferinnen, die Chancen, dem Grauen zu entkommen, nicht nutzten, um „beherzt und unverfroren“ am Kriegsgeschehen beteiligt zu bleiben.

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2007 stößt die Autorin in der Londoner British Library auf die Anthologie „Frauen in den Ghettos“. Der Band enthält Geschichten von „Ghetto-Girls ... (die) Nazis ... mit Wein, Whiskey und Gebäck gefügig (machten), bevor sie sie mit Tücke und List umbrachten“. Kämpferinnen „führten Spionagemissionen ... durch, (sie) verteilten gefälschte Papiere und Untergrundflugblätter“. Sie sabotierten, sprengten, schossen, schmuggelten und bestachen voller Tapferkeit und Tatkraft.

„Sie trugen den ... Widerstand in allen Phasen und Formen (mit) ... insbesondere (riskierten) sie als Kurierinnen tagtäglich ihr Leben ... Die außergewöhnlich starke Beteiligung von Frauen am Ghetto-Aufstand von Warschau ist ihrer Zahl und ihrer Bedeutung nach ein außergewöhnliches Phänomen im jüdischen Widerstand und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus allgemein.“ Regina Pahling  

Batalion wuchs in der „eingeschworenen jüdischen Gemeinde“ von Montreal unter Nachkommen von - dem Holocaust auf Fluchtwegen - Entgangenen auf. Ihr Ideal von jüdisch-weiblichem „Wagemut“ verkörperte die als Kombattantin hingerichtete Hannah Szenes. Die Autorin folgt den oft verwehten Spuren jener Schwestern im Mut, die Gewalt mit Gewalt beantworteten, fern der „Aura der Viktimisierung“, die Batalions Herkunftsklima bestimmte. Sie erinnert an jüdische Kämpferinnen, die Chancen, dem Grauen zu entkommen, nicht nutzten, um „beherzt und unverfroren“ am Kriegsgeschehen beteiligt zu bleiben. 

„Sie feierten gelebte Tapferkeit und Unerschrockenheit.“

„Von Frankreich bis Rußland haben vor allem auch die Frauen den jüdischen Widerstand mitgetragen und mitorganisiert.“  Regina Pahling

Aus der Ankündigung

Jüdische Frauen im Widerstand gegen die Nazis

Vor einiger Zeit stieß Judy Batalion auf die Berichte junger jüdischer Frauen, die im Widerstand gegen die Nazis kämpften. Diese „Ghetto-Mädchen“ versteckten Revolver in Brotlaiben und bombardierten Züge. Sie flirteten mit den Nazis, bestachen sie mit Schnaps – und töteten sie. Warum hatte Batalion, die in einer Familie von Holocaust-Überlebenden aufgewachsen war, nie davon gehört? Hier erzählt sie die wahre Geschichte dieser mutigen Frauen. Im Zentrum steht die Polin Renia Kukielka, die sich durch ihr vom Krieg gezeichnetes Land bewegt und ständig riskiert, für den Widerstand zu sterben.

Judy Batalion wurde in Montreal geboren, studierte Wissenschaftsgeschichte in Harvard und promovierte in Kunstgeschichte an der University of London. Danach arbeitete sie als Kuratorin und Komikerin in London, bevor sie sich in New York City niederließ. Sie ist Autorin von „White Walls: A Memoir About Motherhood, Daughterhood and the Mess in Between“, ihre Essays über Erziehung, Beziehungen und Religion erschienen in u.a. in der New York Times, der Vogue und der Washington Post. Batalion lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in New York.