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07.08.2021, Jamal Tuschick

„Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind, programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ Richard Dawkins

Außer Kontrolle geratene Überlebensmaschinen

Das Idol im Hyperhigh auf einer eigenen Umlaufbahn

Leslie Jamison nimmt sich die Zeit, die Gefährdung durch Bewunderung von anderen Risiken zu scheiden. So dass man sieht, wie das Idol im Hyperhigh auf einer eigenen Umlaufbahn ins Trudeln gerät.

Über der persönlichen Suchtschlucht

Leslie Jamison bringt ein Beispiel für eingehegte Polytoxikomanie. Es hilft zu verstehen, warum sich fähige Leute unter den unterschiedlichsten kulturellen Vorzeichen auf die Klippen über ihrer persönlichen Suchtschlucht begeben. Gestern oder vorgestern las ich in der Online-Abteilung eines Periodikums, dem der gerade verstorbene Karl Heinz Bohrer vor fünfzig Jahren einen abgestandenen Konservatismus attestierte, dass im Pandemiezug der Kokainverbrauch weltweit gestiegen sei. Lieferservice versorgt den Mittelstand mit Rauschgift. Kinder sehen ihre Eltern Linien ziehen, während der Fernseher läuft und all die anderen Haushaltsdisplays ihre ablenkenden Wirkungen entfalten. 

„Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

Warum steuern Personen, die in der Lage sind, sich in der Gesellschaftsmitte zu etablieren, sehenden Auges in eine Katastrophe, die so unvermeintlich ist wie der Katzenjammer nach dem Rausch?

Auf der Suche nach einer Antwort bringt Jamison den „drogensüchtigen Alkoholiker“ Marcus ins Spiel, trocken und clean seit Jahrzehnten. Seine Laufbahn hilft den Hochmut zu verstehen, der sich wahrscheinlich bei jedem intelligenten Junkie nachweisen lässt. 

Marcus, Jahrgang 1947, wächst in Washington D.C. auf. Die Autorin spricht den Bildungshintergrund der Eltern nicht an. Jamison charakterisiert die Kapitale als „geteilte Stadt“. Dies als Hinweis auf Segregation während der Kindheit und Jugend des Porträtierten.

Mit einem Basketball-Stipendium kommt Marcus an die Cleveland State University, „wo sich die gesamte Mannschaft gemeinsam betrinkt.“

Eine typische Initiation. Ich habe in den 1970er Jahren Gewichtheber im Training Bier trinken sehen. Auf den Klos lagen Spritzen. Der Anabolikahändler nahm Bestellungen offen entgegen. In Deutschland verbotene Substanzen waren in Spanien frei verkäuflich. Alle sahen und hörten die mit dem Doping verbundenen köperlichen Krisen; die Veränderung der Stimme; Auswirkungen auf Hoden und Haut; aggressiver Überschwang. Und natürlich fühlten sich die adoleszenten Athleten den laschen Generationsgenoss:innen turmhoch überlegen. 

Wer das erlebt hat, versteht die Hybris der wohl in jeder Hinsicht überversorgten Bewegungsbegabten in dem Hochschulmilieu, das Marcus aufsaugt. Die Spieler haben maximalen Zugriff auf sämtliche Ressourcen. Ihnen liegt Party-Academia zu Füßen. So wie sie, so will man sein als Studierender. 

Jamison nimmt sich die Zeit, die Gefährdung durch Bewunderung von anderen Risiken zu scheiden. So dass man sieht, wie das Idol im Hyperhigh auf einer eigenen Umlaufbahn ins Trudeln gerät.

Suff statt Strand - Die Bar ist meine Beach

Nach dem College schließt sich Marcus dem Friedenscorps an. Man schickt ihn als Lehrer und Trainer nach Buchanan in Liberia. Da erlebt er die große Freiheit mit kaum einer Verpflichtung und kaum Sozialkontrolle. Niemand schert sich um Marcus' Nachmittage in einer Bar. 

Show me the way to the next whiskey bar

Eingebetteter Medieninhalt

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Von außen betrachtet mag das Trinken als willentliche Selbstzerstörung erscheinen – für den Alkoholiker ist es so unausweichlich wie der nächste Atemzug. Manchem Künstler, von Raymond Carver über Billie Holiday und David Foster Wallace bis Amy Winehouse, erschien es gar ein Quell der Inspiration. Und auch Leslie Jamison trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Doch dann war das Ausmaß der Selbstzerstörung so groß, dass sie sich Hilfe suchen musste. Und sie erkannte, dass sie erst genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

Mitreißend erzählt Leslie Jamison von ihrer Abhängigkeit und dem harten Weg hinaus. Davon, dass die Loslösung vom Alkohol bedeutet, sein Bild von der Welt und von sich selbst radikal zu hinterfragen und zu verändern. Die Klarheit ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit. 

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.