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08.08.2021, Jamal Tuschick

Obwohl alle gegen die DDR gewesen waren, spukten Kernsätze des realexistierenden Sozialismus in den Köpfen der Motorradfreund:innen. Den Kapitalismus verstand man als amerikanisch-korrupte Angelegenheit. Die Glockenburger Durchstechereien würden einfach durchgewunken werden; das war die Erwartung der im Grunde antikapitalistischen Rocker und ihrer, so patriarchalisch dann doch, antikapitalistischen Rockerbräute. 

Glockenburg - Illuminierter Mark B.-Platz © Jamal Tuschick

Brandenburger Prärie

Antikapitalistische Rocker

Ein Paar ruinierter Cowboystiefel, gekauft von der Willkommensmarie, erinnert an die alten Tage in der Brandenburger Prärie gleich nach. Die kaputten Edelschlappen sind genauso übriggeblieben wie der multifunktionale Fernsehsessel, der sich als Babyboomeroma Kerstins letzte Anschaffung herausstellte, sowie die 1993 von Georg platzhirschmäßig im Heidekrug von Halberhain abgehängte Diskokugel. Georg ritt mit den Khōpaṛī. Er beteiligte sich an den kleinen, schnellen Diebstahl- und Raubsachen. Sein Bruder war der Sheriff von Glockenburg. Was konnte da schon schiefgehen? Obwohl alle gegen die DDR gewesen waren, spukten Kernsätze des realexistierenden Sozialismus in den Köpfen der Motorradfreund:innen. Den Kapitalismus verstand man als amerikanisch-korrupte Angelegenheit. Die Glockenburger Durchstechereien würden einfach durchgewunken werden; das war die Erwartung der im Grunde antikapitalistischen Rocker und ihrer, so patriarchalisch dann doch, antikapitalistischen Rockerbräute. 

Schriebe ich Rocker:innen, wäre die Wahrheit verfehlt. So war es damals nicht in Brandenburg, als man glaubte, in einem Westkrimi angekommen zu sein. Rocker war man doch auch nur, weil der Aufzug und die Maschinen genug hermachten, um als Ringverein territorial triumphal auftreten zu können. Andere wurden gleich wieder vom Platz gejagt, obwohl sie Spartakiade-Sieger gewesen waren. 

Zu den Relikten aus der Zeit vor einer langen Nacht des zähen Überlebens zählt eine Hollywoodschaukel, die Georg bei einem Schuldner eingetrieben hat. Kurz bevor er zerlegt wurde. Seither melden ihm Sonargeräusche Objekte unter Wasser. Zum Spaß tippt Renate auf sowjetische Boote mit ballistischen Raketen aus der Projektreihe 941 Akula. Die Nato rechnet sie zur Typhoon-Klasse. In Georgs erfahrungsgesättigten NVA-Film sind die Besatzungen längst mumifiziert. Manche erlitten als Kröten oder Galeerensklaven eine Wiedergeburt auf Dryland, während die Geisterschiffe sang- und klanglos zu Museen wurden. Über dem grauen Meer unter Glockenburg knarren Dielen. Inzwischen bedeuten diese Bretter für Georg die Welt. Der Herkules von Glockenburg traut sich nämlich nicht mehr vor die Tür. Er stört sich auch nicht an Sascha, der jetzt in Oma Kerstins Bett mit Renate schläft.

Die Hausherrin schaltet zu Georgs Vorteil als connecting link zwischen Wahn und Wirklichkeit. Sie fühlt sich verantwortlich für das Kolossalwrack, das als Flaggschiff ihrer Jugend einmal alles auf sich vereinte, was geil war. 

Um die Geschichte noch einmal anders aufzuziehen

1990 fand eine Sehnsucht nach Exotik neue Ziele im Osten. Es gab noch die DDR mit Lothar de Maizière als Kohls Statthalter. Das westliche Interesse wurde schon als Heimsuchung empfunden. Die Bundesbürger:innen versauten mit unserer Währung die Ostpreise. Sie erschienen wie Landsknechte in Tanzlokalen, wo man Aufforderungen mit höflicher Ansprache verband und egokompakte Alleingänge unbekannt waren. Da war er plötzlich, der Malle erfahrene Manta Tiger mit seinen zwo Mille nach allen Abzügen. Daran gewöhnt, Rede und Anwort zu stehen, wann immer es um die Frage ging: Und was hast du so auf der Naht? Stand kein Aschenbecher parat, wurde die Kippe auf dem Flor flachgetreten. Dagegen erhobene Einwände waren unzulässige Bevormundungen von viel zu lange Bevormundeten. Man musste über achtzig sein, um sich als DDR-Bürger:innen an eine freie und geheime Parlamentswahl erinnern zu können: vor der CDU-Party am 18. März. Seit der Reichstagswahl vom 6. Nov. 1932 kannte der zum Behufe der Beitrittswilligkeit hart gefreite Ossi nur den Strich der Parteilinie.

Manta Tiger durfte nicht einfach die Kerzen auf dem Tisch anzünden. Die Anzünderin erschien zur festgesetzten Zeit und wehe, man griff ihr vor. Besondere Beilagenwünsche wurden als unangebrachte Extrawürste abgewürgt.

„Bei uns bestellt man die Gerichte so, wie sie auf der Karte stehen.“

Das schrieb die sozialistische Tischordnung vor. Sie musste mit Humor genommen werden. Manche Usurpator:innen zündeten sich Zigaretten mit Ostmarkscheinen an. Sascha kaufte einen ZT 320 und stellte die Landmaschine fahrtüchtig in eine Remise an der Frankfurter Bornemann Avenue. Das war zu der Zeit, als die Toten Hosen Überraschungskonzerte in Wohnzimmern gaben. Kolumbianische Kartelle entdeckten die DDR als Rückzugsraum. Polizei stellte zentnerweise Verbotenes sicher, Pablo Escobars Devise plata o plomo - Silber oder Blei (entweder lässt du dich bestechen oder erschießen) wurde jetzt auch von Sachsen verstanden. Unbescholtene Narco Nosotros bezogen ihre Posten. Da erschienen kleine dicke Männer, die wie Pinguine watschelten und einen bürgermeisterlichen Habitus hatten. Sie ließen sich und ihre Familien von israelischen, südafrikanischen und britisch ausgebildeten Söldner:innen bewachen. In aller Gemütlichkeit trachteten sie der kolumbianischen Justizministerin Mónica de Greiff nach dem Leben. Ausgesetzt war ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar. Die Lebensspanne der Politikerin lieferte einen Wettgegenstand. De Greiff übte ihr Amt vorübergehend in Washington aus, wo ihre Familie jahrelang als Verfolgte lebte. Das Thema begegnete Georg in seiner Glockenburger Lieblingsbroilerei, wo man ihm seine Stellung im Gefüge des Drogenhandels handgreiflich erklärte. Danach war er für nichts mehr zu gebrauchen. Als nächstes wurde sein Bruder belehrt und konnte noch von Glück sagen, wie glimpflich er davongekommen war. 

Plötzlich war Sascha wieder da. Der Angeber aus dem Westen nistete sich in Renates Gunst ein. So ging das los.