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10.08.2021, Jamal Tuschick

Emma Cline erzählt mit seltener Finesse. Die Clous ihrer Geschichten lassen sich leicht überlesen. Sie entfalten eine verzögerte Wirkung. Ihre Ladungen detonieren wie Feuerwerkskörper auf der Lichtung eines Sommertages. Sie verfehlen jene Effekte, auf die schlechtere Erzähler:innen spekulieren. Nie erlauben sie eine vollständige Aufklärung.  

Der Blindgänger als Liebhaber

Ein Mann macht sich was vor. Warum sollte Richard als Liebhaber jenes Gardemaß erreichen, dass er als geschiedener Vater gleich zweimal verpasst? Er zahlt das Schulgeld, hat aber nichts zu melden. Seine Exfrau informiert ihn nach Gutdünken. Pam rächt sich mit Versäumnissen. Sohn Rowan spiegelt die Verachtung seiner Mutter für den Blindgänger.

Ein Mann für gewisse Stunden

Der „Northeast Regional“ Express verkehrt zwischen Boston und Washington DC. Die Linie liefert einer Geschichte den Titel, deren Held sich als Mann für gewisse Stunden geriert. Richard Hagood hält sich an verheiratete Frauen, die es ihm erst einmal leicht machen und mit ihren Schwächen sein Selbstbewusstsein heben. Er beobachtet Unsicherheiten, die gewiss mühelos behoben werden könnten, aber offenbar eine andere Art der Beachtung nahelegen. So als läge ein besonderer Reiz der Überschreitung in einer unbeholfenen, den Gigolo ködernden Manier. 

Emma Cline, „Daddy“, Kurzgeschichten, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Roman, Hanser, 22,-

Warum sollte Richard als Liebhaber jenes Gardemaß erreichen, dass er als geschiedener Vater gleich zweimal verpasst? Er zahlt das Schulgeld, hat aber nichts zu melden. Seine Exfrau informiert ihn nach Gutdünken. Pam rächt sich mit Versäumnissen. Sohn Rowan spiegelt die Verachtung seiner Mutter für den Blindgänger.  

Richard weiß, dass ihn seine Exfrau nicht respektvoll auf dem Laufenden hält. Sie lässt ihn hängen und zappeln. Trotzdem glaubt Richard, an manchen Stellen des Lebens Überlegenheit herausschinden zu können. Seine Schöpferin führt ihn vor. Cline zeigt den Tropf, der sich mit Antidepressiva und Affären über Wasser hält.

Die Autorin folgt Ecken und Kanten eines beliebigen Anfangs. Die Immobilienmaklerin Ana, beauftragt mit dem Verkauf des Hauses von Richards verstorbener Mutter, verfängt sich bereitwillig in der Verstrickungsroutine ihres Auftraggebers.

Ana legt ihre Armbanduhr nie ab. Sie rezensiert die Details des Anbahnungsinterieurs. Die Spannweite ihrer Aufmerksamkeit erscheint Richard melodramatisch. Energisch unterscheidet Ana zwischen ihrem „eigentlichen Leben“ und der Affäre. 

Leere Stauseebetten

„Blauer Himmel und nackte Arme.“

Für Alice symbolisiert diese Mischung die Stadt, in die sie gerade gezogen ist. „Los Angeles“ heißt die zweite Geschichte. Sie spielt ebenda in der Vorweihnachtszeit. Wieder lotet Emma Cline die Differenz zwischen dem schneewinterlichen und dem kalifornischen Heiligen Abend in seiner feierlichen Umgebung aus. 

Alice bemerkt „Fensterscheiben mit künstlicher Schneekruste, so als wäre Kälte bloß ein Witz“. Sie antizipiert eine Dystopie mit verdunstenden Pfützen in leeren Stauseebetten und braunen Rasenflächen. Die Zukunft spricht sich schon in der Gegenwart gegen den kalifornischen Traum aus. Es fehlt nur noch Adornos vielleicht auch in Kalifornien zur Welt gekommene Edelbinse „Fun ist ein Stahlbad“.

Das antike Surferparadies ist perdu. Alice verkauft teuren Ramsch in einem Laden ohne männliches Personal in der Publikumssphäre. Ein Gefühl von „resignierter Kameradschaft“ verbindet sie mit der schönsten Kollegin im Betrieb. Oona lässt sich die Aufmerksamkeit von Männern gefallen, die sich ihr unter durchsichtigen Vorwänden nähern. Oona spekuliert darauf, dass sie in die Aufrechterhaltung des Anscheins eines regulären Interesses nennenswerte Summen investieren. Für jedes verkaufte Stück kassiert die Begehrte eine Provision. 

Das Narrativ der Häuslichkeit 

Für fünfzig Dollar überlässt Oona einem Freier ihre Unterwäsche. Bald vertickt auch Alice Lingerie. Geklaute Sachen. Die Erzählerin suggeriert, dass die Dealerin ungetragene Regalware weiterreicht. Der persönliche Touch erschöpft sich in Frischhaltebeuteln, die das Narrativ der Häuslichkeit bedienen. 

Die Transaktionen vollziehen sich nicht jedes Mal unkompliziert. Ein Käufer verwickelt Alice in ein Beschämungsdrama. Er gestaltet den Austausch von Geld und Ware für Alice maximal peinlich. Seine Kontrolle ist total, da der Exzess in einer Fahrzeugkabine über die Bühne geht, und Alice als Gefangene auf dem Beifahrer:innensitz keine Möglichkeit hat, sich dem Zugriff zu entziehen. 

Emma Cline verrät nicht, ob Alice mit dem Schrecken davonkommt. - Oder ob sie, gerade als die Geschichte endet, in eine lebensgefährliche Falle gerät.    

Aus der Ankündigung

„Der sehnsüchtig erwartete Erzählband ‚Daddy‘ ist ein würdiger Nachfolger von Emma Clines Debüt ‚The Girls‘.“ Esquire

In ihrem Haus in Südkalifornien erwarten Linda und John sehnsüchtig die Ankunft ihrer Kinder. Es könnte ein idyllisches Familienfest werden – wären da nicht die Gespenster von Zorn und Traurigkeit. Emma Cline erzählt von Männern, die gefangen sind in mühsam errichteten Selbstbildern, von Frauen auf der Suche nach dem Reiz der Grenzüberschreitung, von Familienvätern, die die Vergangenheit einzuholen droht. „Daddy“ ist ein funkelndes Psychogramm unserer Gegenwart: Erzählungen über die andauernden Widersprüche unserer Beziehungen, den Kampf gegen den männlichen Blick, das Ausloten von Weiblichkeit. Nach ihrem fulminanten Debüt „The Girls“ beweist Emma Cline erneut die ganze Bandbreite ihres Könnens.

Zur Autorin

Emma Cline wuchs in Kalifornien auf. Für ihr schriftstellerisches Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Plimpton Prize for Fiction der Paris Review. Ihre Erzählungen erschienen u.a. im New Yorker, Granta und der Paris Review. Sie wurden wiederholt in die Best American Short Stories-Anthologie aufgenommen. Bei Hanser erschien zuletzt ihr gefeiertes Debüt The Girls (Roman, 2016).