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11.08.2021, Jamal Tuschick

Andrea Heuser © Jürgen Bauer

Aus der Vorschau - Ein Gespräch mit Andrea Heuser über ihren Roman ›Wenn wir heimkehren‹

Dialogische Wesen

›Wenn wir heimkehren‹ ist eine groß angelegte, über mehrere Generationen hinweg erzählte Familiengeschichte, und sie hat dezidiert autobiografische Bezüge, sprich: Es ist zu einem Teil auch Deine Geschichte, wobei der Fokus auf der Großeltern- und Elterngeneration liegt. Was war der Anlass, Dein innerer Antrieb, Dich dieser Geschichte zu widmen und sie als Roman zu erzählen?

Diese Geschichte hat tatsächlich schon sehr lange in mir geschlummert. Und sie begann mit Fragen, die ich mir als Kind gestellt habe. Mein Bruder und ich, wir sind eng mit unseren Großeltern aufgewachsen, haben oft bei ihnen übernachtet. Es waren kleine, hartnäckige Irritationen; Rätsel, die man als Kind registriert, aber jahrelang einfach so hinnimmt. Zum Beispiel: Warum hat der Opa ein Gewehr im Wäscheschrank?

Andrea Heuser, „Wenn wir heimkehren“, Roman, Dumont Verlag, 24,-

Warum reibt er sich im Schlaf immerzu die Hände und sagt pausenlos »Jawohl!« Warum war die Oma als Mädchen reich – sie erzählte oft lustige Anekdoten von ihrem Hausmädchen, der Köchin, den zahmen Eichhörnchen – und ist jetzt so arm, dass wir uns in der Küche hinter dem Vorhang waschen? Und eines Tages sagt der Papa: »Weißt Du, der Opa ist gar nicht mein richtiger Vater.« Auf diese Fragen – verborgene, verschwundene Welten – gab es als Kind keine Antworten. Erst als ich selbst erwachsen war und anders, behutsamer nachfragen konnte, bekam ich einzelne Bruchstücke ihres Lebens zu fassen. Eine sorgsam ausgewählte Erinnerung hier und da, Fakten über das Was, Wann und Wo, die mein Vater beisteuerte. Aber spätestens mit dem Tod meiner Großeltern war klar, dass sich diese Puzzlestücke aller Tatsachen zum Trotz niemals zu einem vollständigen Bild zusammensetzen lassen werden: Wer waren sie? Und was haben sie mir hinterlassen? Elementare Fragen, die sich natürlich jede Generation rückblickend stellt und die gerade aufgrund ihrer Unabschließbarkeit niemals an Faszination verlieren. Der Auslöser, dieser Geschichte erzählerisch nachzugehen, war schließlich ein zweifacher: der Tod der Großeltern und die Geburt meiner eigenen Kinder. Der Wechsel der Generationen und Rollen und damit verbunden die Erfahrung, dass man sich selbst immer wieder neu erfährt und erfindet. Diese Gemengelage führte mich zwangsläufig in den Spannungsraum des Fiktiven.

Der Roman beginnt daher bewusst mit dem Wörtchen »Vielleicht«. Vielleicht war es so. Der Roman umspannt fast ein ganzes Jahrhundert: Du folgst Deinen Protagonist*innen von den frühen Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende, über Luxemburg und die Niederlande bis nach Deutschland, genauer Trier, Wiesbaden und Köln. Dein Debütroman ›Augustas Garten‹ ist ein sehr konzentrierter Text von knapp über 200 Seiten – bei ›Wenn wir heimkehren‹ haben sich erzählte Welt und Zeit nun enorm geweitet. Wie hat das Dein Schreiben beeinflusst; wie hast Du diese Menge an Stoff in den Griff gekriegt und was waren die größten Herausforderungen?

Am Schwersten ist mir das Loslassen gefallen. Gerade in Hinblick auf die heiklen Momente, in denen es um die Frage von Schuld geht: nichts zu analysieren, zu erklären, sondern »nur« zu erzählen. Den Personen ihren eigenen, teilweise blinden Blickwinkel auf die Geschehnisse zu lassen. Gegen die Skrupel anzugehen, irgendetwas anderem gerecht werden zu müssen als den Figuren selbst. Und da loszulassen, wo sich stoffmäßig mitunter noch so viel mehr angeboten hätte. Auf so etwas wie scheinbare Vollständigkeit zu verzichten und stattdessen der inneren Logik der Geschichte zu folgen, die ja trotz des autobiografischen Anlasses eine fiktive Geschichte ist, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Verläufe entwickelt. Genau da wird es für mich als Schriftstellerin ja erst spannend. Und herausfordernd zugleich. Bislang dachte ich immer: Das Epische liegt mir nicht. Und deswegen wollte ich nach der eher novellistisch-komprimierten Geschichte von ›Augustas Garten‹ dann genau das tun: episch schreiben. Es gab viele Krisen. Aber auch Glücksmomente, etwa wenn sich eine Figur aus dem Vagen herausschälte und mir dank eines kleinen, beiläufigen Details plötzlich klarer vor Augen stand, ich sie sozusagen »spüren« konnte. Die Hauptakteure des Romans sind Margot und ihr Sohn Fred sowie der junge Handwerker Wilhelm, Willi genannt, die im Köln des Jahres 1952 aufeinandertreffen. Alle drei sind sehr unterschiedliche Figuren, aus deren jeweiliger Perspektive erzählt wird. Man kommt den Figuren beim Lesen sehr nah – wie hast Du selbst Dich ihnen genähert? Hast Du eine Lieblingsfigur bzw. -stimme? Interessanterweise kamen sie mir tatsächlich dort näher, wirkten authentischer, wo ich sie mir schreibend neu erfunden habe, ich nicht strikt an meinem autobiografischen (Teil-)Wissen klebte, das die Person manchmal einengte, erstarren ließ. Also auch hier wieder: loslassen. Das war nicht immer leicht. Denn das, was auf Handlungsebene geschieht, ist ja sozusagen faktisch passiert. Aber gerade dort, wo ich in dem Wie, in den Details rein auf meine Erfindungs- und Vorstellungskraft setzte, sah ich die Figuren klarer, wirkten sie lebendiger. Die Wahrhaftigkeit, die Glaubwürdigkeit der Fiktion ist halt eine andere als die des Lebens. Natürlich mag ich all meine Figuren, weil sie das Mark der Geschichte sind. Selbst die Unsympathischen, die ich in der Wirklichkeit außerhalb des Romans im Umgang ablehne. Aber ja, es gibt natürlich dennoch eine Lieblingsstimme. Und gerade die ist mir am schwersten gefallen zu schreiben. Welche das ist, bleibt mein Geheimnis ... Bei aller Verschiedenheit gibt es bei den Hauptfiguren doch eine wesentliche Gemeinsamkeit: Sie alle drei sind gewissermaßen Verlorene, haben wesentliche Traumata durch den Krieg erlitten, mit denen sie zurechtzukommen versuchen. Was sind ihre jeweiligen Strategien im Umgang mit diesen Verletzungen? Und was ist in der Hinsicht der Bezug für Dich zu unserem Leben heute, gibt es Kontinuitäten bzw. worin liegen die Unterschiede?  Die Bewältigungsstrategie bei Margot, Willi und auch bei Fred ist sicherlich die, dass sie einfach immer weitermachen. Verdrängung fungiert bei ihnen als eine Art Schutzschild, der ihnen hilft, den Schmerz und die Selbstverwerfung abzuwenden. Die Kontinuität zu unserem heutigen Leben besteht darin, dass auch uns die Last der Verantwortung einerseits und der Selbsterhaltungstrieb andererseits, das Verharren in bewährten Verhaltensmustern, in Krisen weitermachen lassen. Allerdings sind wir – verallgemeinert gesprochen – insgesamt wohl weniger »spracharm«. Wir werden schon als Kinder dazu ermutigt, über uns und unsere Gefühle offen zu sprechen, und sind als Individuen mit unseren jeweiligen Bedürfnissen weit mehr im Fokus, gesellschaftlich. Wobei ich das Gefühl habe, dass unsere Elterngeneration im Alter oftmals eine gewisse ausgeprägte Egozentrik nachholt und auslebt. Vielleicht, weil ihnen anders als uns eine größere Beachtung in der Kindheit gefehlt hat; ihre eigenen Eltern waren zu sehr mit Überleben oder Durchhalten, mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Innerlich wie äußerlich.

Bei allen ernsteren Themen und Motiven, die im Roman verhandelt werden – Schuld, Trauma, individuelle wie gesellschaftliche Verwerfungen – gibt es doch immer wieder auch Momente der Hoffnung und des Glücks. Worin, würdest Du sagen, liegen diese Momente für die Figuren? Was lässt sie weitermachen, durchhalten?

Bei Margot, die sich gerade in den 40er- und 50er-Jahren in einer von Männern dominierten Welt behaupten muss und die ihre Attraktivität als Frau daher durchaus gezielt einsetzt, ist es sicherlich über lange Jahre hinweg ihre Mutterrolle, die sie antreibt. Sie verfolgt ein klares Ziel, das ihr Kraft gibt: eine sichere Bleibe für sich und ihren Sohn zu finden. Dazu kommt ein in ihrem Charakter grundsätzlich verankerter ausgeprägter Behauptungswillen, eine Lebenslust, die ihr Kraft gibt. Wenngleich ihre Erlebnisse sie zurückhaltend, in sich gekehrt und später auch menschenscheu gemacht haben. Bei Willi bleibt dieser lebensbejahende, positive Impuls bis zuletzt wirksam; er hat sich die Freude an den kleinen und großen Dingen des Alltags bewahrt, wodurch er vieles kompensieren kann. Fred wiederum lebt fast ausschließlich in seiner Geistes- und Wissenswelt, hat sich darin eine intellektuelle Enklave geschaffen, an der seine Frau und seine Kinder dann allerdings abprallen, da er Nähe nicht mehr richtig zulassen kann. Glück entsteht für alle Beteiligten immer wieder aus dem schönen Zufall einer Begegnung, der Kraft des Augenblicks, der sie unverhofft aus der Einsamkeit zieht: ein Picknick in der Sonne, ein schönes Lied im Radio, zu dem dann spontan getanzt wird, ein gutes Essen, sich gemeinsam an etwas zu erfreuen. Und Margot und Willi gelingt es, sich dieses Glück über große Strecken im Alltag zu bewahren, miteinander und füreinander. Neben der Prosa schreibst Du auch Lyrik sowie Libretti – wie beeinflussen sich die unterschiedlichen Kunstformen, sofern sie es denn tun? Profitieren sie voneinander?  Ob sie voneinander profitieren, das müssten im Grunde die Leserinnen und Leser beantworten. Ich selbst bemerke in meiner Prosa auf jeden Fall einen Hang zur Konzentration, zur Verdichtung, was sicherlich von der Lyrik her kommt, sowie eine ausgeprägte Freude am Klang, an der Musikalität eines Satzes. Vielleicht mache ich ja auch deswegen einen so üppigen Gebrauch von Satzzeichen jedweder Art. Das Coronavirus hält unser Leben noch immer völlig im Griff. Wie fühlt sich das für Dich als Autorin an, und wie kommst Du durch diese schwierige Zeit?  Ich versuche – phasenweise ist dies ziemlich mühsam – das implizite, noch recht ungenutzte Potential zu sehen, die persönlichen und gesellschaftlichen Chancen, die ja in jeder tiefen Krise stecken. Aber es ist nicht leicht, die Nerven nicht zu verlieren. Ruhe zu bewahren. Es ist eine globale Überforderung. Und es tut weh. Selbstverständliches, Eingefleischtes auf Basis des schnellen Handlungs-, des Pragmatismuszwangs überdenken zu müssen: Was macht unser Menschenbild im Kern wirklich aus? Was sind angemessene, was gefährliche Kommunikationsprozesse; was ist tragbar und was unzumutbar und was ist überhaupt noch gesund? Sehen wir unsere Kinder in erster Linie als zukünftige Leistungsträger oder was sind sie uns gesellschaftspolitisch eigentlich wert? Die Bedürftigen jedweden Alters? Ob wir uns nach dieser Krise noch wiedererkennen? Ich mache mir derzeit noch mehr als sonst bewusst, was wirklich zählt, befrage mich, was mir wichtig ist. Viele gesellschaftliche Probleme, die vorher schon eklatant waren, treten nun noch unkaschierter zutage. Unser Wohlbefinden ging schon so lange auf Kosten von anderen – nun können wir uns nicht länger in einer Blase einrichten. Ich versuche genügsamer, konzentrierter zu werden, mich an meinen Freundschaften zu wärmen. Solidarität im Alltag ist gerade so wichtig. Es ist eine kränkelnde, ideologieanfällige, verschattete Zeit, die aber auch das Lichte stärker hervortreten lässt. Das, was noch nachhaltig ist und Substanz hat. Am Schwierigsten finde ich es, im Privaten und auch als Künstlerin mit den mangelnden Rückzugsmöglichkeiten einerseits, den fehlenden vitalen Impulsen andererseits klarzukommen, der existenziellen Unsicherheit und der Sorge, dass meine Kinder seelisch möglichst unbeschadet durch diese Zeit kommen. Und ich weiß natürlich, dass all dies vergleichsweise noch Jammern auf hohem Niveau ist. Auch wenn es mir mitunter schwer fällt, in diesem gefühlten kulturellen Vakuum kreativ zu bleiben. Wir sind ja dialogische Wesen, brauchen ein Gegenüber, auf das wir zuhalten. Ich sehne mich nach Präsenz.

Aus der Ankündigung

Wer sind wir - und wer wollen wir sein? 

Köln 1952: Der Handwerker Wilhelm steht im Zimmer einer Wohnung, in das er eine Wand einziehen soll. Ein Auftrag, auf den er sich keinen Reim machen kann. Die Bewohner aber, Margot und ihr Sohn Fred, gehen ihm danach nicht mehr aus dem Kopf. Margot ist Luxemburgerin und stammt aus großbürgerlichem Milieu, doch als sie mit siebzehn ein uneheliches Kind erwartet, steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie muss ihre Heimat verlassen und ist mitten im Krieg auf sich allein gestellt. Als sie Jahre später nach Köln kommt, hat Margot Schuld auf sich geladen, und auch Wilhelm hat der Krieg traumatisiert. Wilhelm, Margot und Fred sind Verlorene –also suchen sie ein Zuhause beieinander, ohne zu wissen, ob dieses fragile Gebilde namens Familie halten wird. In  ihrem  autobiografisch  grundierten,  generationenübergreifenden  Ro-man erzählt Andrea Heuser von Schuld und Verdrängung, dem Wunsch nach  Verwurzelung  und  einem  Leben  im  Modus  des  Weitermachens. ›Wenn wir heimkehren‹ ist Gesellschaftsepos, psychologisch nuancierte Familien- und bewegende Liebesgeschichte. Ein großer, poetischer, ebenso tiefgründiger wie anrührender Roman.

Andrea Heuser wurde 1972 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Politik und Vergleichende Religionswissenschaften in Köln und Bonn und promovierte mit einer Studie zur deutsch-jüdischen Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Lyrik, Libretti und Romane. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis für Lyrik sowie 2016, 2017 und 2019 mit den Literaturstipendien des Freistaats Bayern, der Kunststiftung NRW und der Stadt München für die Arbeit an ›Wenn wir heimkehren‹. Bei DuMont erschien bislang ihr Romandebüt ›Augustas Garten‹ (2014). Andrea Heuser lebt mit ihrer Familie in München.