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13.08.2021, Jamal Tuschick

Aktion als Hauptwort der Reaktion

Um 1920 wechselten ästhetisch aufgeladene Zentralbegriffe die Seite und beflügelten die politische Prosa der Demokratiefeind:innen

In der Hierarchie der Künste folgt die Dichtung der Malerei. Daran erinnert Victor Klemperer unter der Überschrift „Grenzverwischung“. Der Philologe scheidet den Impressionismus vom Expressionismus, um den Expressionismus als ästhetischen Willensakt zu charakterisieren.

Victor Klemperer, „LTI – Notizbuch eines Philologen“, Reclam

Sie ahnen schon, was Klemperer reizt. Expressionist:innen befanden sich dies- und jenseits des faschistischen Limes, und dann gab es auch noch Zinnenläufer:innen. „Der linkeste Flügel (und) die hungrigste Boheme“ des eingeläuteten XX. Jahrhunderts warfen sich gemeinsam auf den Expressionismus. Die Fanaltitel ihrer Periodika, „Der Sturm“, „Die Aktion“, boten sich nationalsozialistischen Thesen als Überschriften an. Um 1920 wechselten ästhetisch aufgeladene Zentralbegriffe die Seite und beflügelten die politische Prosa der Demokratiefeind:innen.

Aktion wurde zum Hauptwort der Reaktion.

Eine nostalgische Konnotation beschwor den „Stuhlbeinkämpfer“ eines heroischen Frühzeitphantasma. Die Militarisierung des Sturms zog sich hin bis zum Reitersturm der Sturmstaffel.

Was kann Sprache? Was macht sie mit den Angesprochenen?

Klemperer untersucht die Fragen am Beispiel von Synonymen „nazistischer Allmacht“. Die Abbreviaturen der Prätorianergarden SA und SS emanzipieren sich von den Stummelregimentern „abkürzender Vertretungen“. Sie gewinnen eigene Wortbedeutungen. 

Der von den Ereignissen überrannte Beobachter weiß gewiss wenig von der prophetischen Kraft seiner Analyse. Jahrzehnte nach der Erfindung dieser Akronyme funktionieren sie noch immer auf Folien kritischer Geschichtsbetrachtungen. Sie lassen sich aus ihrem staatlichen Kontext buchstäblich herauslesen. Für ihr Überleben brauchen sie keinen historisch gesicherten Resonanzraum.