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14.08.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Glamourauge

Die grausten Bergwerkseminenzen passieren den Straßenausschnitt, den das Glamourauge en passant kontrolliert

„Gewöhnliches Leben interessiert mich nicht. Ich suche nur die Höhepunkte.“

Das hält Anaïs Nin (1903 -1977) nicht davon ab, den Pariser Vorkriegsalltag aufzusaugen. Sie verliert sich in nächtlichen Café-Séancen. Im Kreis begabter Freund:innen, einem Kraftfeld origineller Perspektiven, hegt sie antipodische Erwartungen an den physischen Morgen. Während ihre übernächtigte Gesellschaft in Stehgreif-Feuilletons vor der Geschichte Zeugnis ablegt, beobachtet Nin die Kommunion der Werktätigen mit einer rauen Realität. Sie sieht Arbeiter:innen an der Bar „ihr Glas Weißwein“ frühstücken ... und Handwerker:innen mit ihren „Werkzeugen und Frühstückspaketen“.

Die Zitate stammen aus Anaïs Nins Tagebüchern.

Flaschenoffenbarungen

Die Chronistin schildert Szenen wie von Brassaï dokumentiert und vielleicht auch, nicht zuletzt wegen der langen Belichtungszeiten jener Ära, inszeniert. Nin greift in das Sujet- und Genre-Portfolio jener expatriierten Kulturkiebitze, die nach der Devise verfahren: Besuchen Sie Europa, solange es Europa noch gibt. Ein lächerlicher Hochmut begleitet die Ansichten. Man selbst changiert semi-kolonial zwischen erschöpft und betrunken in Anbetracht von Kindern, die „in schwarzen Kitteln“ zur Schule wie zu irgendeiner niedrigen und letztlich unvorstellbaren Arbeit gehen. Die grausten Bergwerkseminenzen passieren den Straßenausschnitt, den das Glamourauge en passant kontrolliert. Gleichzeitig präsentiert Nin die verkorksten Schwadroneur:innen an ihrer Seite, die Junes, Henrys und Freds mit ihren Flaschenoffenbarungen, als vulkanische Erscheinungen.  

Unbegehbare Allgemeinplätze

In Nins Umgebung atmen alle Akteure den Geist der Revolte. Die Autorin notiert das Dekor der verschiedenen Misfits-Interpretationen. Die Paris-ein-Fest-fürs-Leben-Pastellzeichnungen werden ihre Schöpferin als gähnende Brachen und unbegehbare Allgemeinplätze überleben. 

„Aus alldem werden große Dinge entstehen. Ich fühle, wie es gärt.“

Erfüllt sich die Prophetie im Werk von Henry Miller?

Besteigt Nin einen Zug, ist das öffentliche Verkehrsmittel nicht nur „hinfällig“, sondern auch „ein proustscher Zug, der die Pläne für ein zukünftiges Buch in mir durcheinanderschüttelt“. Durch ihren Coupé-Evokationsrausch geistern Bilder von Henry als Kind.

Der „rohe“ Henry dient Nins Begierde als Objekt. Sie will ihn schleifen und sich an seiner Schmirgelhaut reiben.

„Henry stürmt dahin wie ein Riese“.

Seine Bemerkungen sind diabolisch, seine Plagiate köstlich. Er prahlt mit Intensität, gibt das Raubein. Angeblich amüsiert den Infantilen June Smerths  „Grausamkeit“. Nin ventiliert ihre Eifersucht psychoanalytisch.

Materieller Mangel und körperliche Vorzüglichkeit bestimmen Junes Performance. Da ist kein Ennui, kein Leiden an Empfindungsnebeln. June haut ihre Zähne in das Fleisch der Pariser US-Hautevolee.