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15.08.2021, Jamal Tuschick

Die wahre Beschaffenheit der Dinge

Deutschland 1952 - Drei Menschen schenken einander Hoffnung im Themenpark des Trümmeralltags. Es stellt sich die Frage: Was ist ein geglücktes Leben?  

Andrea Heuser, „Wenn wir heimkehren“, Roman, Dumont Verlag, 24,-

Aus einem Verlagsinterview mit der Autorin

„Diese Geschichte hat tatsächlich schon sehr lange in mir geschlummert. Und sie begann mit Fragen, die ich mir als Kind gestellt habe. Mein Bruder und ich, wir sind eng mit unseren Großeltern aufgewachsen, haben oft bei ihnen übernachtet. Es waren kleine, hartnäckige Irritationen; Rätsel, die man als Kind registriert, aber jahrelang einfach so hinnimmt. Zum Beispiel: Warum hat der Opa ein Gewehr im Wäscheschrank?“

Vager Einstieg

In der Rezeptionsgeschichte spielt das Yes am Ende des „Ulysses“ eine leitmotivische Rolle. Yes, I will.

“And then I asked him with my eyes to ask again yes and then he asked me would I yes to say yes my mountain flower and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.”

Andrea Heusers Roman beginnt mit dem Wort „Vielleicht“.

„VIELLEICHT war es das Licht.“

Der vage, zugleich bindende Einstieg geht von einer Situation im siebten Nachkriegsjahr aus. Die Böllstadt Köln liefert den Schauplatz. Wolfgang Weyrauch bezeichnete Böll einst als exemplarischen Vertreter jener „um den Preis der Poesie“ entstanden Kahlschlagliteratur, die sich wiederum in besonderer Weise mit der Rheinkapitale verband.

Köln ist die wahre Hauptstadt der rheinisch-katholischen Adenauer-Republik. Nur der Dom überragt die Schuttberge. In der zerschlagenen Metropole zeigt sich das Wirtschaftswunder zunächst zaghaft. Zivile Fronten verlaufen zwischen „Aufschwung“ und „Materialknappheit“.  Nun wollen die Leute „nicht mehr hausen, sondern wohnen“. In der Sehnsucht steckt der Wille zur Selbstexkulpation. 

„Wilhelm Koch, Willi genannt, ein auffallend großer Mann“, steht als Praktiker des Wiederaufbaus in der ersten Linie der Verdrängung. Seine Arbeit erfüllt ihn. Willi genießt Konturenschärfe. In „Umrissen, die für Klarheit“ sorgen, vermutet er nichts weniger als die Wahrheit.

„Die wahre Beschaffenheit der Dinge“  

Willis Lebensgefühl formuliert sich in struppigen Binsen, volkstümlichen Redensarten und handfesten Weisheiten à la „et hätt halt nit immer jot jejange.“ Der Maurermeister im eigenen Betrieb „liebt Wände. Ihr stoisches und daher umso nachhaltigeres Versprechen von Standfestigkeit“. 

Betonte Bürgerlichkeit

„Ich lebe, um zu rauchen“, bekannte Robert Musil. Auch die alleinerziehende Luxemburgerin Margot inhaliert als sei Rauchen ein ebenso natürlicher Vorgang wie die Atembetriebstätigkeit. Ihr Sohn Fred sieht sie so: „am stillen Küchentisch, in Rauch gehüllt“. Willi begegnet Margot in seiner Paraderolle als Erzeuger von Wohnwelten. Er berät sie wegen einer Zwischenwand. Der Roman beginnt mit dem ersten Gespräch.   

Der flüchtigste Kontakt schafft eine Verbindung.

Margot und Willi drehen beinah synchron schon Kreise der sentimentalen Lichtempfindlichkeit. 

Margot erinnert „das Morgenlicht hinter den schweren Brokatvorhängen“ in den elternhäuslichen Verhältnissen ihrer französisch konnotierten Kindheit. Deutsch kam an letzter Stelle; noch hinter dem Dialekt, der bei Tisch nicht gesprochen werden durfte, um der betonten Bürgerlichkeit Rechnung zu tragen.

*

Andrea Heuser geht der Frage nach: „Wie schreiben sich Traumata über Generationen hinweg fort?“

Aus der Ankündigung

Wer sind wir - und wer wollen wir sein? 

Köln 1952: Der Handwerker Wilhelm steht im Zimmer einer Wohnung, in das er eine Wand einziehen soll. Ein Auftrag, auf den er sich keinen Reim machen kann. Die Bewohner aber, Margot und ihr Sohn Fred, gehen ihm danach nicht mehr aus dem Kopf. Margot ist Luxemburgerin und stammt aus großbürgerlichem Milieu, doch als sie mit siebzehn ein uneheliches Kind erwartet, steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie muss ihre Heimat verlassen und ist mitten im Krieg auf sich allein gestellt. Als sie Jahre später nach Köln kommt, hat Margot Schuld auf sich geladen, und auch Wilhelm hat der Krieg traumatisiert. Wilhelm, Margot und Fred sind Verlorene –also suchen sie ein Zuhause beieinander, ohne zu wissen, ob dieses fragile Gebilde namens Familie halten wird. In  ihrem  autobiografisch  grundierten,  generationenübergreifenden  Ro-man erzählt Andrea Heuser von Schuld und Verdrängung, dem Wunsch nach  Verwurzelung  und  einem  Leben  im  Modus  des  Weitermachens. ›Wenn wir heimkehren‹ ist Gesellschaftsepos, psychologisch nuancierte Familien- und bewegende Liebesgeschichte. Ein großer, poetischer, ebenso tiefgründiger wie anrührender Roman.

Zur Autorin

Andrea Heuser wurde 1972 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Politik und Vergleichende Religionswissenschaften in Köln und Bonn und promovierte mit einer Studie zur deutsch-jüdischen Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Lyrik, Libretti und Romane. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis für Lyrik sowie 2016, 2017 und 2019 mit den Literaturstipendien des Freistaats Bayern, der Kunststiftung NRW und der Stadt München für die Arbeit an ›Wenn wir heimkehren‹. Bei DuMont erschien bislang ihr Romandebüt ›Augustas Garten‹ (2014). Andrea Heuser lebt mit ihrer Familie in München.