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15.08.2021, Jamal Tuschick

Die DDR war für ihre Schriftsteller:innen eine Druckkammer, der sie sich nicht einfach verschließen konnten. Der Staat scheiterte, seine Literatur gelang jedenfalls da, wo ästhetische Redlichkeit nur für einen hohen sozialen Preis zu haben war. Der geächtete Heiner Müller sagte: „Du kannst DDR zu mir sagen.“  

Ein Blick durch das Schlüsselloch der Zeit

Nun forderte Brecht Eisler auf, sein Lieblingslied zu singen. Bald sangen die beiden „Bal i mal stirb“, und so kam es dann auch. Bis dahin fand Brecht das Lied so kitschig, „dass es schon wieder schön sei“.

Eingebetteter Medieninhalt

„Reuig irrt Faust durch die Stadt. Hanswurst beschimpft ihn als Verräter. Tricks und gute Taten helfen ihm nicht mehr. Als er gegen Mitternacht schwächelt, erscheint Mephisto als Arzt und nimmt ihn mit.“ Wikipedia

„Gott, wenn’s einen gibt, ist ein Lächler … (er) lacht den ganzen Tag über seine … Dummheiten.“

Die Dummheiten, das sind wohl wir in den Augen von Brecht, der bei vielen Gelegenheiten Gott einen Lächler nannte. Einmal traf er sich mit Erwin Strittmatter bei Hanns Eisler.

Wieder vollzog sich das Wunder einer zutreffenden Prophezeiung. Brecht versprach Eisler, dass jener mit seinem Faust-Versuch durchfallen würde. Nun forderte Brecht Eisler auf, sein Lieblingslied zu singen. Bald sangen die beiden „Bal i mal stirb“, und so kam es dann auch. Bis dahin fand Brecht das Lied so kitschig, „dass es schon wieder schön sei“.

Strittmatters Fazit spielt mit der Idee von der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

„Manchmal denke ich, wir hätten die beiden noch haben können, wenn sie ihn nicht mit dem Schmachtfetzen gereizt hätten. Vielleicht mag er Kitsch auf den Tod nicht, der Tod.“

Das ist nice, aber auch sehr vorhersehbar als Pointe in einer Manier des sozialistischen Realismus. 

„Brecht starb, um sich nicht länger verhalten zu müssen“, sagt Heiner Müller, der sehr gern Brecht aus der Perspektive betrachtet und gewiss auch ausgeweidet hätte, die Strittmatter privilegierte.

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Zitiert aus Erwin Strittmatter, „Schulzenhofer Kramkalender“. Zum ersten Mal erschien die Beifang-Sammlung im Aufbau Verlag 1966 als Einblick in eine „Werkstatt des Schreibens“. Im halbierten Jahrhundertabstand ist der Blick auf die Verließe einer Produktion durch ein Schlüsselloch der Zeit viel mehr als jene bloße Zugabe, mit der die billig abgespeisten DDR-Bürger:innen im Geist einer veredelten Staatsapologetik rechnen durften. Die DDR war für ihre Schriftsteller:innen eine Druckkammer, der sie sich nicht einfach verschließen konnten. Der Staat scheiterte, seine Literatur gelang jedenfalls da, wo ästhetische Redlichkeit nur für einen hohen sozialen Preis zu haben war. Der geächtete Heiner Müller sagte: „Du kannst DDR zu mir sagen.“