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26.08.2021, Jamal Tuschick

Was die Künstlerin in ihrem Inneren ausdruckslos zurückhält, das ist sie nicht. Ungefähr GWF Hegel

Jedes Kunstwerk beginnt da, wo die Intentionen seiner Urheberin aufhören. Ungefähr TW Adorno

Der Anschein von Immanenz ergibt sich manchmal nur in einem Mangel an Wissen. Ungefähr TNT Thunderbold

Gehen Sie nicht in sich, da ist nichts. Ungefähr RH Müller

Rührender Lebenslauf

Adorno erinnert daran, dass Hölderlin nicht gleich als das verunglückte Genie verstanden wurde, sondern erst einmal als ein „stiller und feiner Nebenpoet“ mit rührendem Lebenslauf. 

„Manie als Nachkrankheit der Krätze“, diagnostizierte Johann Heinrich Ferdinand von Autenrieth.

„Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!“ Hölderlin

Nebenpoet - Das verkürzt den Rhein zum Tamina. Es verkehrt das Verhältnis von tributär und ozeanisch.     

Adorno ermüdet sich nicht als zurechtrückende Instanz. Er liefert allerdings ein schönes Beispiel für konkrete Poesiebetrachtung, weit weg von „der Beliebigkeit marktgängerischen Tiefsinns“. 

Er bezieht sich auf Friedrich Beißner, d'accord mit einem Kollegen, in dem er leicht einen Gegner erkennen könnte; der auch ein Lehrer seines Verlegers ist.

Die dem Werk immanente Wahrheit löscht die Intention. Das Feuer der Absichten brennt bis auf die Glut herunter, die dann dem Schirm der Wahrheit einen Schein gibt. Dies am Beispiel eines wenig dunklen Gedichts:

Der Winkel von Hahrdt

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.
Da nemlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksaal
Bereit, an übrigem Orte.

„Am Stoff klärt sich das Dunkle auf“, sagt der Meister. Der jäh ins Spiel gebrachte Name gehört dem Herzog Ulrich von Württemberg. „Er war der erste protestantische Fürst seines Territoriums.“ Wikipedia 

Der Choleriker Ulrich erschlug den Gatten seiner Geliebten und zog im Ganzen so viel Unmut auf sich, das er endlich als Geächteter in die Verbannung ging. Er gewann sein Erbe zurück, wenn auch nicht mit den Bauern und Schweizer Söldnern, die er gelegentlich in den Stuttgarter Landkreis führte. 

Adorno bestimmt den Winkel im Gedicht. „Die nachlebende Natur wird zur Allegorie des Schicksals:“ so erklärt sich die Zeile „nicht gar unmündig“. 

Adorno stellt fest, dass Hölderlin auf nichts Rätselhaftes spekuliert habe. Die ganze Immanenz war mal äußerlich. Die „tragenden Sachverhalte“ sind einfach nur „untergegangen“. 

Aus der Ankündigung

Die »Noten zur Literatur« enthalten — im emphatischen Sinne —Essays. Sie setzen neue Standards der literarischen Kritik und Deutung. Sie geben — z. B. mit den Arbeiten über Hölderlin, Eichendorff, Heine, Balzac, Proust, Valéry — Modelle für ein reflektiertes Verhältnis zur geistigen Vergangenheit und liefern auch Modelle für ein produktives Verhältnis zum Ästhetischen, das immer auch ein Gesellschaftliches ist, etwa mit den Arbeiten über »Lyrik und Gesellschaft«, über »Engagement«, über Becketts »Endspiel«. Alle diese materialen Studien sind nicht nur Vorarbeiten, sondern praktisch Bausteine zu Adornos großer »Ästhetischer Theorie«. Im vierten Teil des Bandes werden diejenigen Aufsätze zusammengefaßt, die Adorno selbst für einen Band »Noten zur Literatur« IV vorgesehen hatte. Der Anhang enthält weitere literarische Aufsätze, die nicht in die »Noten zur Literatur« eingegangen sind.

Zum Autor

Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 06. August 1969 während eines Ferienaufenthalts in Visp/Wallis an den Folgen eines Herzinfarkts. Von 1921 bis 1923 studierte er in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft und promovierte 1924 über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie. Bereits während seiner Schulzeit schloss er Freundschaft mit Siegfried Kracauer und während seines Studiums mit Max Horkheimer und Walter Benjamin. Mit ihnen zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der »Frankfurter Schule«, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. Sämtliche Werke Adornos sind im Suhrkamp Verlag erschienen.