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27.08.2021, Jamal Tuschick

Baden gehen im Reimfluss

Auf den ersten Ton hört man in Norbert Langes Lyrik den Zweitausendeins-Sound von Wolf Wondratschek und das leise Lachen am Ohr eines andern in jenem fulminanten Früher, als jeder Tag mit einer Schusswunde begann in der „Geschichte von Orpheus“ nach einem Bericht Jack Spicers, aufgeschrieben von NL.

Norbert Lange, „Unter Orangen“, Gedichte, Verlag Das Wunderhorn, 20,-

Langes Verse sind episch grundiert. Ein lyrisches Erzählen treibt den Silbenfluss über die Kaskaden der Einfälle. Man könnte von Gesängen reden und die Sache mit Giacomo Joyce* vergleichen. Die Assoziationen passen in keine Klammer. Die Agent:innen des Textes schwanken zwischen furios und pastell.

Verdunkelt da eine zu ihrem Vergnügen?

Dichtet jemand die Fenster vor dem Begreifen ab, obwohl es mit mehr Licht (Letzte Worte eines Großmeisters angeblich) noch viel mehr zu begreifen gäbe? 

Das Zauberwort erscheint im Titel. Es gewährt Einlass da, wo sich alles vollzieht wie auf einer Bühne.

*James Joyce war an der Welt immer weniger interessiert als an seinem Werk

Als im August 1914 die gültige Fassung einer kleinen, manchmal der Lyrik unterstellten Prosa entstand, waren Armeen schon in Marsch gesetzt. Das Bürgerliche hatte den Reservistenstatus aufgegeben. Flaneure übten Stechschritt. Die Belle Époque lag in Agonie. Es war ihr letzter Sommer. Der Text hebt eine Wehmut auf, mit der sein Autor nur die eigene abgelebte Jugend meinte. James Joyce, 32, Sprachlehrer in Triest, war an der Welt immer weniger interessiert als an seinem Werk.

Giacomo Joyce ergab sich nach einer Anregung von Italo Svevo als Liebesgedicht, das nie aufgesagt wurde (Richard Ellmann). Deutlich wie in einem Roman erscheint ein von lunatischer Sehnsucht animiertes Lehrer-Schülerinnen-Verhältnis. Joyce betet eine junge Person aus gutem Haus an.

Ein Reisfeld bei Vercelli unter cremigem Sommerdunst spielt Hintergrund. Grünfleckige Zitronen, edelsteinerne Kirschen, schändliche Pfirsiche mit eingerissenen Blättern spielen Obst. Mit dem Abstand von hundert Jahren sinkt das Schwüle hinter eine Ahnung von einem anderen Dasein: ohne das Katastrophenwissen, zu dem wir verurteilt sind.

Gescheiterte Mimikry

In einem Anschlag, der den Titel Orangen 17 trägt, weiß sich ein versprengtes Ich aufgewühlt und gedrückt wie bei einer steinzeitlichen Ausdauerjagd vom „neuen Menschen“. Dessen Sprache will es zu seinem Schutz lernen. Es versucht sich in „syntaktischen Sprüngen, ob durch sie ein Ausweg denkbar wäre … (es wird indes lediglich) zum Relikt einer Besserwisserei, die sich (zu ihrem Nachteil zu lange) ausgeruht (hat) auf ihrer Gewohnheit“.

Die Orangensaftmaschine

dreht sich & Es ist gut, daß der Barmann
zuerst auf die nackten Stellen eines
Mädchens schaut, das ein Glas kalten

Tees trinkt.  

Rolf Dieter Brinkmann

Aus der Ankündigung

Die Orange ist die lauteste unter den Früchten. Als Signalfarbe leuchtet sie in weite Ferne, setzt ihr Licht als Zeichen von Enthusiasmus, Diesseitigkeit. Als Farbe der holländischen Kicker wie der tanzenden Bagwan-Jünger*innen ist sie notorisch mit ihrem ausgestellten Optimismus.
Der mythische Sänger Orpheus & andere – Orangen? In 3 Kapiteln und 3 Variationen des Orpheus-Mythos stellt Norbert Lange sich wagemutig der Frage nach dem lyrischen Subjekt.
Der Band beginnt mit einer Transkreation von Gedichten des US-amerikanischen Kultautors Jack Spicer, die spotlightartig die Stationen der Orpheus-Geschichte wiedergeben, gefolgt von einer Komödie, die in die Gegenwart führt und ganz und gar nichts Göttliches an sich hat: ein episches Langgedicht, in der Tradition lyrischer Epen von den Suren des Korans und den Terzinen Dantes über die rhythmische Prosa französischer Autoren (Aloysius Bertrand, Victor Segalen). Große Übertreibungen findet man in diesen Texten, die von Orangen und Parasiten erzählen, die man für groteske Spiegelbilder des Sängers Orpheus halten kann, deren Lächerlichkeit aber zunehmend einen höllischen Narzissmus aufdeckt, dem selbst die Zerstörung des Planeten eine willkommene Bühne ist. Das 3. Kapitel greift das danteske Schreckensszenario der Orangen wieder auf und schlägt den Bogen zurück zu den tragischen Orpheusgedichten am Anfang: eine Künstlernovelle in Briefen und mit essayistischen Passagen des 1965 verstorbenen Dichters Jack Spicer an Norbert Lange. Eine Parabel über das Leiden an dem Egoismus und selbstgenügsamen Narzissmus des Dichterstandes.
Norbert Lange führt in diesem epischen Kraftakt seine »Arbeit am Mythos« aus, als Abbrucharbeit direkt am Fundament. Ein erregendes und anregendes Stück Poesie. 

Norbert Lange, 1978 in Gdynia geboren, Kindheit- und Jugend an Rhein, Mosel und Lahn, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Sein Tätigkeitsfeld sind Übersetzungen und Herausgaben von Dossiers zu größtenteils US-amerikanischen und britischen Dichter*innen in der Zeitschrift Schreibheft und in Buchform. Zuletzt: Jerome Rothenberg und Charles Bernstein. Norbert Lange ist als Übersetzer von Charles Bernstein mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet worden.