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29.08.2021, Jamal Tuschick

Staatspolitisch ausschlaggebend - Der Chefsanitäter Frankreichs

„1884 wird (Marcel Prousts Vater Adrien Achille) Generalinspekteur des französischen Gesundheitswesens, im Folgejahr begegnet er Robert Koch bei der Internationalen Sanitätskonferenz in Rom und erhält den Lehrstuhl für Hygiene an der medizinischen Fakultät in Paris.“

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Die Welt erinnert Marcel Prousts Romanfiguren vom Schlage eines Baron Charlus oder des seelisch feingliedrigen Ehetölpels Charles Swann besser als MPs in der III. französischen Republik staatspolitisch ausschlaggebenden Vater. Der Epidemiologe stand dem Gesundheitswesen seines Landes mit leidenschaftlicher Autorität vor, während sein Erstgeborener von Geburt an kränkelte und in der handfesten Realität nie richtig Fuß fasste.

Die koloniale Dynamik der Cholera-Pandemien findet in der Recherche keinen Widerhall.

Das Regime der Krankheiten/Avancierte Kokotte

Didier Eribon unterstellt Marcel Proust eine Gesellschaftsbetrachtung „durch das Prisma der sexuellen Inversion“. In der Suche nach der verlorenen Zeit erscheinen die Signaturen der Fortpflanzungsgemeinschaften als Fassaden. Schwule und Lesben wahren den Schein in heterosexuellen Konstellationen und betreiben Fassadenkletterei.

„Die Homosexuellen waren gute Familienväter und hielten sich eine Geliebte nur, um den Schein zu wahren.“ Baron Charlus über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. 

Proust lässt Charlus grotesk altern: als Repräsentationspopanz einer Generation von Gestern, die in der Gegenwart nichts mehr zu bestellen hat. Zwischen Rollen und Identitäten schwankt Prousts Personal durch ein Panoptikum der Inkohärenz. Der seelisch feingliedrige Ehrenmann Charles Swann führt eine Ehe mit der avancierten Kokotte Odette de Crécy. Die unpassende Angelegenheit schildert Proust „als schweren, unaufhaltsam in die Unheilbarkeit übergehenden Krankheitsverlauf“.

Prinzessin des Laumes mokiert sich deshalb im Salon von Madame de Saint-Euverte.   

„Ein Mann von Geist solle nur wegen einer Frau unglücklich sein, die das auch verdiene.“

Der Gatte schweigt dazu, wie Lothar Müller in

„Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

bemerkt. Doch lässt es sich der Erzähler nicht nehmen, die Vorlaute zu erstechen.

„Mit dem gleichen Recht wundert man sich, daß sich jemand herbeiläßt, wegen einer so unscheinbaren Kreatur, wie der Kommabazillus es ist, an Cholera zu erkranken.“ 

Die Referenz kommt nicht von ungefähr. Als Sohn eines staatspolitisch ausschlaggebenden Mediziners liegt sie für Proust auf der Hand. Für die Aristokratin ist es noch lange kein Allgemeinplatz, „das unscheinbare, nur unter dem Mikroskop sichtbare Bazillen ihre Opfer unabhängig von (deren) sozialen Rang erfassen“.

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In einer der Recherche vorangehenden Miniatur beschreibt der Debütant den „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern als ein „Feuerwerk von Leben“.   

Vielleicht ist das eine Indolenzfeststellung ex negativo. Marcel Proust kam leidend auf die Welt. In der Gegenwart der Werkgenese leidet er mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzieht er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen geben militant den Takt an. Die Mutter stellt die fadenscheinige Gesundheit ihres Erstgeborenen in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährt die Dünkel dieses Sohns und formt seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

Madame Proust reist mit dem Hinfälligen. Die Frau eines Titanen seines Fachs, der schon mit knapp dreißig Chef der Pariser Charité war, und im Augenblick der Kindheit eines Genies General des nationalen Gesundheitswesens ist, liefert ihrem Mann Anlässe für die Vermutung, Neurasthenie sei eine Folge mütterlicher Fürsorgeexzesse.

Adrien Achille Proust (1834 - 1903) ist ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Stammhalters, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wird. Professor Proust findet in der Hygiene einen Zivilisationsschlüssel. Seine herkulische Natur versichert Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vorschleicht. Unter anderem verfasst er ein Standardwerk zur Behandlung von Neurastheniker:innen.

Die Mutter hält an ihrer (das Kind überthronenden) Praxis fest. Sie ist für Marcel, was Adrien Achille für Frankreich ist. Übrigens schließt Marcels jüngerer Bruder Robert zum Vater auf. Er reüssiert als Erfinder eines ambulanten Operationssaals und wirkt als Urologe so durchgreifend, dass französische Mediziner:innen eine perineale Prostatektomie als Prousstatektomie bezeichnen.

Philippe Soupaults Bruder Robert, selbst Chirurg, Sohn eines Arztes und Bruder eines Schriftstellers, widmete Robert Proust eine Abhandlung. Die Kollegen begegneten sich zuerst in dem von Marcel Proust besungenen Kurtort Cabourg-Balbec (Quelle). Der Künstler als Knabe gibt in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkt „unfreundliche“ Hügel am Strand von Balbec. Den Bahnhofsvorsteher verortet er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigt er „einer kosmopolitischen Kindheit“.

In der Sommerfrische dient eine Großmutter als Ambulanz gegen die Panik. Es steht nicht zu befürchten, das sie mit der Unwillkürlichkeit einer Ahnungslosen Schäden am Enkel anrichtet. Die Ahne verabredet mit dem vielschichtig Leidenden eine Reihe von emergency measures, darunter so archaische wie Klopfzeichen. Die Stunden der Abgeschiedenheit im Bett stellen für sich genommen bereits einen Notfall dar. Im Regime der Krankheiten ist Marcel fern der Mutter stets nah dem Tod. Der Schlaf bringt die Gespenster der Angst. 

Aus der Ankündigung

Ein Unbekannter wird entdeckt: Der Arzt und Seuchenbekämpfer Adrien Proust tritt an die Seite seines Sohnes Marcel Proust. Ein faszinierender Einblick in die verborgenen Beziehungen zwischen Medizin und Literatur um 1900.

Ein Schwarm von Ärzten und Kranken durchzieht Marcel Prousts Romanzyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Seerosen werden mit Neurasthenikern verglichen, Liebeskranke hoffen, durch Impfstoffe immun zu werden, und im Salon von Madame de Saint-Euverte taucht der Komma- Bazillus, die Cholera, auf. Trotz dieser Überfülle an medizinischen Motiven in Prousts Werk rückte dessen Vater Adrien, seinerzeit als Pionier der Epidemiologie durchaus eine prominente Figur, kaum in den Blick.

Lothar Müller bringt Sohn und Vater wieder zusammen und wirft davon ausgehend ein neues Licht auf die Wechselwirkung zwischen moderner Literatur und Medizin. Er zeigt, wie sich der Sohn durch die Forschungswelten des Vaters inspirieren ließ und dass umgekehrt der Vater in seinem Kampf gegen die scheinbar aus dem Orient hereinbrechende Seuchengefahr auf die Formulierungskünste und die Vorstellungskraft seines Erstgeborenen zurückgriff.

So entsteht ein meisterhaftes Panorama des flirrenden gesellschaftlichen Lebens einer als Belle Époque verklärten Zeit, in der die psychischen Innenwelten literarisch neu erschlossen wurden und Europa den Globus nach seinen – politischen, kulturellen und hygienischen – Vorstellungen.

Lothar Müller, geboren 1954 in Dortmund, Kultur- und Literaturwissenschaftler, bis 2020 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin, ist Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für seine feuilletonistische Arbeit wurde er u. a. mit dem Alfred-Kerr-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis ausgezeichnet.