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29.08.2021, Jamal Tuschick

„Ich habe keine Lust, über das Wesentliche zu reden.“ Colette Peignot in einem Brief an Bataille   

Blutige Operette

Vergessen habe ich, von wem Antonin Artaud (1896–1948)  spektakulär geohrfeigt wurde, noch zu der Zeit, als er rund lief im Kreis der Surrealist:innen. Artaud überwarf sich mit André Breton. War es Breton, der jenen schlug, der dem Pariser Spiel seinen intrinsischen Ernst einimpfen wollte? 

Die Bretons und Batailles nutzten die Produktivkräfte des Wahnsinns, ohne sich in dessen Labyrinthen zu verirren. Die Kontrollierten wirkten magnetisch auf Grenzgänger:innen. Batailles Lebensgefährtin Colette Peignot (1903 - 1938) behauptete: „Der ganze Mensch ist bloß eine Krankheit.“ 

Im Referatspräsens

Peignot arbeitet sich in ihren Schriften an der katholischen Kirche und ihrem Personal ab. Man fragt sich nicht, ob sie in einer säkularen Gesellschaft glücklich geworden wäre. Zu offensichtlich ist der Zug zum Krawall und zur pompösen Geste. Doch variiert dieser Karneval des Obszönen stets nur den Kopulationsveitstanz von Troppmann und Dirty in einer spanischen Kirche als einem Batailles Darstellungshöhepunkt. Siehe Das Blau des Himmels.

Peignot ...

„Erzengel oder Hure/.../Alle Rollen/sind mir gegeben“ 

... geht weiter. Sie ruft sich bei ihrem Künstlernamen Laure. Sie beruft sich auf diesen Namen im Titel einer Geschichte, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer neben anderen „unbekümmert in einen Weihwasserkessel scheißt“. 

„Dann wuschen sie sich den Hintern mit dem Abendmahlstuch, das mit Weihwasser angefeuchtet war.“ 

„Sie stieg am folgenden Tag auf den Altar, um allen Gläubigen ihren Arsch zu zeigen ... (Endlich) versorgt ein heiliges Zäpchen den Arsch.“  

Das liest sich wie ein Kommentar zu Artauds Heliogabal oder Der Anarchist auf dem Thron. Wie die Faust aufs Auge passt der Fanal- und Abrechnungscharakter von Peignots Schriften zu Artauds Ansichten der heiligen Stadt als Schauplatz olympischer Orgien in einem Wettstreit von Wüstlingen aller Geschlechter. 

Bei aller Inszenierungsopulenz und Freude an blutigen Operetten bleibt Artaud ein luzider Betrachter des historischen Panoptikums. Auf den Vater kommt es nicht an, sagt er beinah im ersten Satz, zumal es jeder gewesen sein könnte, der den kaiserlichen Titelhelden zeugte. Belangreich ist allein die Mutter als irdische Agentin einer orientalischen Sonnengöttin, die mit ihrem syrischen Lifestyle die Leute am Tiber verstört. 

Heliogabal aka „Elagabal (204 - 222) war vom 16. Mai 218 bis zu seiner Ermordung römischer Kaiser. Ursprünglich hieß er Varius Avitus Bassianus. Als Kaiser nannte er sich Marcus Aurel(l)ius Antoninus, um wie sein angeblicher Vater Caracalla an die Antonine anzuknüpfen. Der Name Elagabal, den der von ihm verehrte Gott trug, wurde dem Kaiser erst lange nach seinem Tod beigelegt.“ Wikipedia