MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.08.2021, Jamal Tuschick

1918 wirft Odemar Müller den kaiserlichen Soldaten wie einen alten Rücksack ab und kommt als Revolutionär vom Friseur. 

Als Stadt „des Todes“ erscheint ihm Berlin. „Vereist wie die Augen Sterbender“ sind die Fenster, „der Boden (klafft) wie der Schoss einer Gebärenden“. Mit herabsetzenden Absichten vergleicht der Erzähler den überbordenden Brandenburger Mark-Flecken mit der „kochenden Verrücktheit“ Siziliens.

Yvan Goll, „Sodom und Berlin“, Roman, aus dem Französischen von Gerhard Meier, mit einem Nachwort von Hanns Zischler, Manesse, 182 Seiten, 20,-

„Ein Milchgesicht“ mit angeklebtem „Attila-Schnurrbart“ - das ist Berlin in den Augen eines im Referenzreich der Klassik gleichermaßen aasenden und äsenden Chronisten. Eifrig eitert die Stadt, die auch als „Kinderfresserin mit schlackerndem Euter“ angesprochen wird. 

Yvan Golls grotesker Bildersturm erinnert an Anklagen von Otto Dix und George Grosz. Herkulisch, wenn auch in seiner linkischen Überheblichkeit nur, wirkt der spießbürgerliche Pantoffelpatron im Vollwichs grandioser Engstirnigkeit.

Hoch kam dem zwischen Sprachen und Kulturen pendelnden, deutsch-französischen Europäer Goll der kaisertreue Untertan. Der 1929 erstmals veröffentlichte Roman transportiert eine Brandrede gegen den im Wilhelminismus verhafteten, seiner Gegenwart nachhinkenden Preußen. Er zeigt sich konkret als Sohn eines thüringischen Oberförsters. Odemar Müllers idealtypische Provinzprägung lässt ihn vor den „in Leder gebundenen, wie Grenadiere … im Paradeschritt“ aufgereihten Klassiker in der väterlichen Bibliothek strammstehen. Vom Steingutseidel bis zur Paukbrille versäumt Goll in seiner Zeichung kein Detail. Sein Strich ätzt. Wie zuwider ihm die stramme Hybris eines jeden Odemar Müllers war. Wie deutlich Goll im Verein mit seinen Kolleg:innen etwas sah, was sich hinter den Paravents der Selbstverständlichkeit verbarg: den Militarismus als deutsche Amme. Der Soldat, das Kind. Die Armee, eine Zuflucht. Im Gegensatz dazu erlebt der Blödmann in Stiefeln die Großstadt als Beunruhigung. Die akademische Ausbildung erschöpft sich als Verbindungsangelegenheit im Kasinoton. Man schnarrt. Odemar bewegt sich so zielstrebig wie ein Mondsüchtiger über den Korps-Parcours der Vorschriften. Die Risiken eigener Entscheidungen vermeidet er. Als Fechter glänzt er. 

Aus der Ankündigung

Exklusive Manesse-Entdeckung: Eine bilderreiche Hauptstadtbesichtigung in der turbulentesten Epoche Berlins

Berlin, 1918 ff. Lebenskünstler, Tagediebe, Kriegsheimkehrer, Vergnügungssüchtige, Schieber und andere Halbweltexistenzen drängen sich in der deutschen Nachkriegsmetropole. Das liebe Leben, das so schnell an sein Ende kommen kann, will schließlich gelebt werden. Immer mit dabei: Dr. Odemar Müller, der Wandelbare: »naiver Student, mittelalterlicher Mystiker, überzeugter Krieger, wilder Revolutionär, Inflationsgewinnler, Romantiker auf der Suche nach der blauen Blume, Stammgast in Spielhöllen und Betrüger«, einer von Abertausenden zugezogener Provinzteutonen, erst Salonbolschewist, dann Spekulant, prinzipienlos aus Prinzip, Hauptsache, der Weltgeist schreitet voran ... 

Mit großer Lust an der satirischen Überzeichnung komponiert, gelang dem deutsch-französischen Grenzgänger Yvan Goll mit seinem Berlin-Roman eine groteske Zeit- und Stadtbesichtigung, ein unterhaltsames Panorama deutscher Absurditäten und Phantasmagorien.

»Goll schuf den Prototyp des pulsierenden Großstadtromans ... Ein geniales Panoptikum, orgiastisch, satirisch und ernüchternd zugleich.« Kleine Zeitung (A), Literatur-Newsletter, Werner Krause (21. August 2021)