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31.08.2021, Jamal Tuschick

Das Idol des Vaters

Der Geheime Kommerzienrat Louis Reichenheim verkörpert einen Epochentypus. Doch behält der zur Assimilation strebende Gründervater seine Kraft für sich. Die Schwäche seiner Söhne schlägt ihn. Sein ungeheurer Optimismus und die Bereitschaft, Brücken hinter sich abzureißen, die weit in die Vergangenheit ragten, lässt ihn wie einen Baal im Frack erscheinen. Die (zu Beginn der Geschichte elfjährige) Erzählerin Anna erkennt in dem Großkaufmann das Idol ihres Vaters; einem vor lauter Ordnungsliebe mitunter rappeligen Unternehmer. 

Constanze Neumann, „Wellenflug“, Roman, Ullstein, 22,-

Annas Vater handelt mit Stoffen erster Güte. Isidor Eisner trägt sich elegant stets nach der neusten Mode. Ein Fleck auf dem Anzug treibt ihn in die Fassungslosigkeit. Er hat sich aufgeschwungen und aus eigenem Witz nach oben gebracht. Im Augenblick lebt der Schlesier mit seiner Familie beinah fabelhaft in Leipzig. Die Waren kommen über den Brühl. Drei Messen gliedern jedes Jahr. Die Branchenhöhepunkte führen Reichenheim mit einer Auswahl an Angehörigen zu seinem ehemaligen Kontoristen, der ihn wie einen Fürsten bewirtet. Gern bringt der europaweit agierende Mogul seiner „kränkelnden“ Söhne mit. Ihre Hinfälligkeit ist ein jiddisch diskutiertes Küchenthema. Dabei steht Jiddisch auf der Verbotsliste im Haus Eisner.  

Im Anpassungsfuror gilt die Verleugnung des Hergebrachten als hausherrische Obsession. Die Augurinnen (und Hüterinnen des Herds) warnen: „Gadles ligt ojfn mist. - Hochmut liegt auf dem Mist.“

1867 verliert Anna eine Schwester.  

*

Die Meister einer neuen Zeit ignorieren Unkenrufe der Subalternen. Sie werfen die Marken ihrer Herkunft ab, nehmen christliche Namen an und tanzen um die Goldenen Kälber der Berliner und Leipziger Hipster:innen. Die soziale Wahrheit schleicht sich von hinten durch die Faust ins Auge der Betrachterin Anna. Zig Mal war eine Schulfreundin namens Clara bei ihr zuhause, Anna aber noch nie zu Besuch in Claras Elternhaus. 

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

»Das faszinierende Doppelporträt zweier höchst unterschiedlicher Frauen. Genau recherchiert und opulent erzählt Constanze Neumann das Schicksal einer zerstreuten Familie, deren Geschichte mit der deutschen untrennbar verbunden bleibt.« Julia Franck

Als ihr Sohn Heinrich 1881 zur Welt kommt, setzt Anna Reichenheim große Hoffnungen auf diesen Erstgeborenen. Doch Heinrich schert sich nicht um die Konventionen seiner großbürgerlichen jüdischen Familie. Er erliegt den Verlockungen des Berliner Nachtlebens und verliebt sich in die ganz gewöhnliche Marie, die seine Mutter nicht akzeptieren kann. Gemeinsam suchen Heinrich und Marie in den USA ihr Glück, bis der Erste Weltkrieg sie zurück nach Deutschland holt. Sie bleiben ausgeschlossen aus der Familie, auch als die Schatten der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus sich über das Land legen. Anna stirbt 1932 unversöhnt mit Heinrich, nicht ahnend, was ihrer Familie bevorsteht. Während seine Geschwister fliehen oder vertrieben werden, bleibt Heinrich in Deutschland zurück. Wieder ist es Marie, die ihm Halt gibt, als sie ums Überleben kämpfen.

***Ein feinfühliger Roman über zwei ganz unterschiedliche Frauen, über zwei Leben reich an Liebe und Verlust in einem Jahrhundert voller Extreme.***

Constanze Neumann, geboren in Leipzig, studierte Anglistik, Romanistik und Germanistik. Sie lebte mehrere Jahre in Palermo und arbeitete dort als Übersetzerin. Heute leitet sie einen Berliner Literaturverlag. Ihren ersten Roman Der Himmel über Palermo (2017) zählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den schönsten Romanen der Saison.