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04.09.2021, Jamal Tuschick

Europa als Geisteszustand und Hygienebollwerk

„besonders dankbar bin ich ihnen für die warnungen vor jener »verblödung mit den mitteln geschärfter rationalität«. vor leuten wie popper und topitsch habe ich mich bisher allzu unzureichend, nämlich dadurch geschützt, daß ich nie etwas von ihnen las.“ Enzensberger in einem Brief an Adorno, heute in der FAZ, Quelle

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„Selbst wenn der französisch gebildete Arzt Tholozan den Schah dazu bringt, eine Gesundheitsverwaltung auf der Basis der europäischen Medizin einzurichten, wird er am Aberglauben und den religiösen Vorurteilen der Mullahs scheitern.“

Seuchen-Topografie

In seinen Analysen geht Adrien Proust vehement über die Schranken der Medizin. Er mischt die Disziplinen in seinem eurozentrischen Kartenhaus. Seine Hygiene-Kartografie basiert auf Geografie, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, den Sagen des Altertums, der „Odyssee“ und eben auch der Medizin.

Adrien Proust ist Rassist, ohne Antisemit zu sein. 

„Es sind die Arier, an die sich Europa direkt anschließt … (von den Ariern hat es seinen) durch ein angemessenes Gespür für das Wirkliche gemäßigten Idealismus, die charakteristischen Eigenschaften seines Genius.“

„Adrien Proust zitiert ... den Linguisten und Mediziner Émile Littré, den Autor des großen Wörterbuchs der französischen Sprache. Der vergleichenden Sprachwissenschaft verdankt er sein Bild der arischen Rasse.“

Lothar Müller, „Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

Der Gelehrte gelangt von der Philologie, zumal von der Paläolinguistik zu Darwin, in dem er einen gnädigen Erklärer und keinen Weltbildzertrümmerer sieht. Adrien Proust ist ungeheuer modern und außerdem ein Herkunftssnob von seltener Güte. 

Adrien Proust fragt: Wie kann ein Mensch kein Franzose sein?   

Die Völker des Orients findet der erste Arzt Frankreichs in seiner Paraderolle als Expeditionsleiter zu den Quellen der Cholera schlaff und erbschuldig-untüchtig. Als Referent erklärt er den Pariser:innen, das fucking Klima und die zersetzenden Sitten stünden einer Entwicklung zum Guten totalitär im Wege. Deshalb könnten die Zurückgebliebenen in Nordafrika nicht zum europäischen Hygienestandard aufschließen. 

Der erste Arzt Frankreichs und das erste Haus von Paris

Im Mai 1883 spricht Adrien Proust vor einem erlesenen Auditorium beim Festbankett der 1859 von Paul Broca gegründeten Société d’anthropologie im Hôtel Continental.  Das erste Haus der Stadt entwarf Henri Blondel. Es übertrifft an Luxus alles auf der Meile eines Straßenzugs.  

„Mohammedanischer Fatalismus“

Adrien Prousts Sicht auf den Orient basiert auf einer antiromantischen Anschauung, fern den Sehnsuchtskulissen und der Odalisken- und Haremspoesie, die nicht erst das europäische 19. Jahrhundert tapeziert. Den exotischen Ausstattungsfetischismus findet man bereits bei Rembrandt.

Adrien Proust betrachtet „eine Zivilisation der Unveränderlichkeit“ und diagnostiziert „mohammedanischen Fatalismus“. Der Chefarzt Frankreichs und Vater eines leidend auf die Welt gekommenen Stammhalters, sowie Ehemann einer die Hyperempfindsamkeit ihres ältesten Sohnes feiernden Gattin, freut sich vermutlich, dass jene naturwissenschaftliche Nüchternheit, die in seinen eigenen vier Wänden so wenig verfängt, auf der freien Wildbahn der Pariser Salons und Bankette als Signatur des Fortschritts gewürdigt wird.  

Adrien Proust bezieht sich auf Montesquieu, wie er überhaupt in seinen Arbeiten, die alle Essai sur l’hygiène heißen könnten, erstklassige Quellen zu einem Meer der elegant komponierten Kompetenz unter rassistischen und eurozentrisch-bornierten Vorzeichen zusammenfließen lässt.