MenuMENU

zurück zu Main Labor

06.09.2021, Jamal Tuschick

Archetypische Eleganz

Ich reagiere auf die Ausstellung Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945. Sammlung der Nationalgalerie

*

Neunzig Jahre nach ihrer Entstehung in einem schwer zu beheizenden, die Phantasie von Generationen beflügelnden Pariser Atelier erscheint die Schreitende so elegant wie eine Damenhandtasche in der Ära ihrer Geburtsstunde. Ihr Schick ist zeitlos und passt zu jedem Milieu der Moderne, um nicht zu sagen, in jedes Wohnzimmer. Sie existiert in einer Spannung zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus. 

Im Übrigen steht das Idol viel mehr als es schreitet. Und zwar steht es genau so da wie ein Mannequin des XX. Jahrhunderts. Bedenkt man nun, dass jede intelligente Zeitgenossin Alberto Giacomettis Figurenkabinett als Illustration zu einem von Beckett gelieferten Diskurs auffasst, erstaunt beinah die dekorative Dimension. Einst erkannten Kritiker:innen in Giacomettis Gestalten die Verlorenheit des Menschen im Universum. Entfremdung war damals das, was heute Empowerment ist. „Warten auf Godot“ war die Lieblingsreferenz zu Giacomettis kosmischem Trauerspielensemble. 

“Estragon: We always find something ... to give us the impression we exist?

Vladimir: Yes, yes, we're magicians.”

Alberto Giacometti, Schreitende © Jamal Tuschick

Pressetext

Die Neue Nationalgalerie präsentiert nach sechs Jahren sanierungsbedingter Schließung erstmals wieder die Hauptwerke der Klassischen Moderne aus der Sammlung der Nationalgalerie. „Die Kunst der Gesellschaft“ zeigt circa 250 Gemälde und Skulpturen aus den Jahren 1900 bis 1945, unter anderem von Otto Dix, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner, Lotte Laserstein und Renée Sintenis.

Die in der Ausstellung versammelten Kunstwerke reflektieren die gesellschaftlichen Prozesse einer bewegten Zeit: Reformbewegungen im Kaiserreich, Erster Weltkrieg, „Goldene“ Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, Verfemung der Avantgarde im Nationalsozialismus sowie Zweiter Weltkrieg und Holocaust spiegeln sich in den Werken wieder. Über eine reine Geschichte der Ästhetik hinaus führt die Sammlung eindrücklich den Zusammenhang von Kunst und Sozialgeschichte vor Augen. Dabei bietet der offene Grundriss der ikonischen Architektur von Mies van der Rohe vielfältige Perspektiven auf die unterschiedlichen Strömungen der Avantgarde.