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12.09.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Das Hessische Kegelspiel

Vom antifaschistischen Schutzwall an einem geordneten Rückzug gehindert, entschließen sich Dagmar und Dieter Hestaskítur zur Flucht

Was zuvor geschah

Ich erzähle Ihnen einen Treppenwitz der deutschen Geschichte. 1959 ziehen Dagmar und Dieter Hestaskítur von Goslar nach Gera. Den Umzug gegen die Laufrichtung motiviert die totale Verwirrung. Die Niedersachsen sind wetterfeste Blindgänger; so nett wie doof; doch für die DDR nicht geschaffen. Vom antifaschistischen Schutzwall an einem geordneten Rückzug gehindert, entschließen sich Dagmar und Dieter zur Flucht. Während sie nicht besonders heimlich Pläne schmieden und sich an allen möglichen gesellschaftlichen Ecken und Kanten wundscheuern, tritt der Nachwuchs in Gestalt von Hanna und Heiner auf den Plan. Die Wänste wollen von Geburt an türmen. Sie sind Dissidenten vom ersten Schrei an. Sie bilden die dünne Intelligenzschicht unter den Verschworenen. 

Kommen wir zu Dagmars ambivalenten Onkel Willi. Der sächsische Grenzer (mit einer unter den Teppich gekehrten Vergangenheit als Wehrmachtslandser) ist seit 1945 im Dienst des neuen Deutschlands. Er fing bei der Volkspolizei an, kam dann zur Grenzpolizei. Er erinnert sich nicht gern an die Sause von Geisa im Ulstertal der thüringischen Rhön. Anfang der 1950er Jahre interpretierte man da den Begriff der Umsiedlung auf besonders drastische Weise. Man befahl zwei Dutzend unzuverlässigen Familien und ein paar Einzelgänger:innen ihren Kram binnen Stunden zu packen und sich zum Abmarsch bereit zu halten. Die Drangsalierten machten sich auch bereit, aber anders, als die Stasi und ihre Schergen es wollten. Sie formierten sich zu einer situativen Übermacht und schoben sich so, an ein paar Interventionsversuchen vorbei, in die Freiheit. Zehn Jahre später kommt so etwas nicht mehr vor. Die Grenze steht mit Signalvorrichtungen, Sperrgräben, Patrouillenwegen, Minenfeldern, Stacheldrahtverhauen, übersichtlichen Arealen und dem abschließenden Metallzaun. Noch gibt es keine Selbstschussanlagen. Die ersten Hundetrassen wurden gerade fertiggestellt. 

Willi denkt nie an Flucht. Zu sehr verwurzelt ist er in seiner Herkunftsregion. Er ist aus sentimentalen Gründen auf Linie. Die Indoktrinationen geheimer Grundsatzreden verfangen nicht so, dass er seiner dämlichen Nichte, deren noch dämlicheren Mann und den hellköpfigen Kindern nicht zu helfen bereit wäre. 

Willi versteht die Not der Verwandten, die in der DDR nicht Fuß gefasst haben und in einem Überwachungsstaat nur noch mehr Schaden nehmen können. 

Nun kommen wir ins Spiel - Im Geheimkanu auf der Ulster

Wir folgen der Ulster, Willis Enkelin Jane Jakarta, Arizona Coogan und ich, im Geheimkanu auf ihrem Lauf durch den Wartburgkreis. Das hätten Sie sich nicht träumen lassen, Highnoon-Jane als Willis Enkelin wiederzubegegnen. Die Schlümpfe des Herrn sind unerforschlich. Stay calm and boogie und harre der Dinge, die da kommen. 

Der Werrazufluss hat seinen Ursprung in der Rhön. 

Wir landen in Geisa. Die im Herzen hessische, bloß angeblich thüringische Stadt steht in der Landschaft des Hessischen Kegelspiels. 

Das Hessische Kegelspiel ist eine Anordnung kegelförmiger Vulkanberge im nordwestlichen, flachsten Teil der Rhön in Osthessen, Deutschland.“ Wikipedia

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