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13.09.2021, Jamal Tuschick

Bundesrepublikanisches Morgenrot

Der Vater lächelt so selten, dass der lächelnde Vater für den Sohn zu einer Figur wird, die ab und zu zum Vorschein kommt.

Am Anfang der Fernsehunterhaltung war der TV-Apparat im Wohnzimmer etwas so Elementares wie die stumme Schrankwand. Man nutzte solche Gegenstände zu Anlässen, die über den schieren Alltag hinausgingen. Jedes Komfort- und Wohlstandssujet schien mit den Gesten eines eigenen Genres auf sich hinzuweisen, obwohl das meiste in Wahrheit nur giftig riechende Presspappe und Massivholzimitat, kurz zukünftiges Gerümpel war.

In dieser Stimmung, in der die Unwahrscheinlichkeit des Überlebens auf der Folie der letzten Kriegsjahre im Verein mit dem Wahnsinn des Wirtschaftswunders die unschöne Perversion einer George-Grosz-Figur beim Stangentanz evozierte, siedelt eine Pütt-Indigenen*-Geschichte von Ralf Rothmann.  

*Der Autor verwendet das I-Wort. Die Texas Team Tuschick-Redaktion ersetzt I... durch First Nation of America. 

© Brain 'The Jet' Thunderbolt

Verträumtes Nasebohren

Das Kind setzt sich seine Mündelexistenz zusammen aus elternstrengen Redewendungen und kaum begriffenen Reklameslogans. Obwohl von Worten die Rede ist, dringt kaum Sprachliches in die Dunkelkammer des beinah bewusstlosen Erlebens. Ob Ermahnungen oder Erinnerungen: alles löst sich in einem Reigen der Flüchtigkeit auf. Bedeutungsschemen wischen vorbei. Ahnungen werfen Schatten und verdunkeln die Unwissenheit. Zu erkennen geben sich „Wünsche mit Zuckerrand“.

Ralf Rothmann variiert in „Auch das geht vorbei“ den Typus einer proletarisch-pubertären Randerscheinung. Marlies fehlt die Siedlungshärte. Gedankenlos nimmt sie einen unfassbaren Alltag hin. Manchmal setzt es mütterliche Hiebe für „verträumtes Nasebohren“. Da lässt sich nichts verstehen und keine Regel ableiten. Es geschieht lediglich.  

Marlies trägt einen toten Spatz in der Butterbrotdose heim und versteht kaum, wie ihr das passiert ist. Sie verliert Urin, wenn man sie zu hart anfasst. 

Ralf Rothmann, „Hotel der Schlaflosen“, Erzählungen, Suhrkamp, 22,-

Der Mutter rutscht wieder die Hand aus. Man soll sich nicht so anstellen. Man muss aufessen allein schon wegen des Kohldampfs, der bis gestern von so gut wie allen Leuten geschoben wurde. Gelobt sei, was hart macht. Was uns nicht umbringt, macht uns härter. 

Natürlich versteht Marlies die Verbissenheit der Erwachsenen nicht.  

Zärtlicher Zynismus

„Wie viele Erinnerungen haben zwischen zwei Herzschlägen Platz?“  

Ein Augenblick wie ein Schnappschuss von früher, als die Zeit das Dokument vom Ereignis trennte. Die Entwicklung der Fotos erfolgte im Labor. Markenbewusste wählten Kodak.

Nicht, dass das Bild erfröre, obwohl es einfach wäre, es so zu sagen. Es ist zu warm für eine Kältemetapher. Mühelos könnte ich mich um die Erfassung des Spitzenwertes der Szene drücken und Ihnen einfach vorenthalten, was Sie eh nicht besser wissen. Der Fehler ließe sich nicht nachweisen. Ich vermeide ihn trotzdem zugunsten einer äußerst flüchtigen Wahrheit.  

„Wir im Schilf“ heißt die erste Geschichte. Sie handelt von dem einen Schritt bis ans Ende der Welt. 

Ich las die Geschichte gestern im Café einer Buchhandlung in Ribnitz-Damgarten. Es herrschte eine Atmosphäre wie im letzten Jahrtausend in einer westdeutschen Kleinstadt. Seit drei Stunden war ich weg von Berlin. Nun holte mich die Stadt wieder ein, da Rothmann ihr eine Rolle gegeben hatte.   

Emilia steigt in einen abgetakelten Mercedes. Das suspekte Taxi fährt ein arabischer Einwanderer mit viel Gold im Mund. Er erkennt die berühmte Musikerin und macht ihr ein Kompliment von zweifelhafter Güte. Vermutlich erlaubt das soziale Gefälle Emilia den Gnadenakt einer wohlwollenden Aufnahme. Vielleicht beruhigt sie aber auch nur die robuste Performance des Migranten am Steuer.  

Emilia registriert Valeurs der Potsdamer Straße. Eine Fehlermeldung irritiert die Feinhörige.

„Irgendetwas schleifte unter dem Bodenblech oder im Radkasten“, erzählt der alte Handwerker Rothmann, der bekanntlich etwas Richtiges gelernt hat und deshalb mit Chassis nicht bloß ein Wort verbindet.

„In der Neuen Nationalgalerie, dem durchsonnten Glaskubus, wurde eine große Cy-Twombly-Ausstellung gezeigt.“

Emilia identifiziert die Leerstelle des aufgeräumten Bierhimmels. Ich sage Ihnen nicht, was da jetzt verkauft wird. 

„Mit Bierhimmel und Café Jenseits hat die Oranienstraße in Kreuzberg zwei Institutionen des Nachtlebens verloren. Der Verlust ist eine Begleiterscheinung der rasanten Aufwertung des Kiezes.“ Quelle 

Emilia gerät in die Umgebung ihrer Kindheit und Jugend. Sie hatte das Glück, Iggy Pop in der Intimität jenes Berliner Milieus, das mit den bedeutenden Brit:innen und Amerikaner:innen abhing, verbunden gewesen zu sein. 

„Esther, eine Fotografin, war mit James Osterberg zusammen gewesen, Iggy Pop, und manchmal hockte der kleine Mann mit hochgezogenen Knien wie eingetopft in sein übergroßes Ego auf einem ihrer Küchenstühle und schniefte ihnen das Koks weg.“

Emilia rutscht aus einer desolaten, von einer tödlichen Diagnose markierten Gegenwart in die Ära ihrer frontstädtischen Konzerterlebnisse. Iggy Pop trat im Metropol auf und sang Calling Sister Midnight.

Eingebetteter Medieninhalt

Im nächsten Durchgang ließen die wilden jungen Frauen die wilden jungen Männer ziehen und gründeten ihre Hausstände mit den Gesellschaftsfähigen, die büffelten, während die Krassen burnten. Eine Freundin sprach das in altkluger Voraussicht an, gerade als ein äußerster Punkt des juvenilen Nonkonformismus erreicht war.

Wir werden unseren Sturm und Drang nicht heiraten. 

Der „zärtliche Zynismus (kam für Emilia) zu spät.“  

Aus der Ankündigung

»Fear is a man’s best friend« lautet das Motto von Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband Hotel der Schlaflosen, und tatsächlich ist es oft die Angst, die seinen Figuren aus der Not hilft. Der alternde Dozent, dem während einer Autopanne in der mexikanischen Wüste die Logik der Liebe aufgeht, die Geigerin, die eine finale Diagnose erhält, oder das Kind im Treppenflur, das seine Prügelstrafe erwartet – sie alle erfahren Angst auch als spiegelverkehrte Hoffnung. Und sogar in der erschütternden Titelgeschichte, dem Gespräch des Schriftstellers Isaak Babel mit Wassili Blochin, seinem Moskauer Henker, für den eine Pistolenkugel die letzte und höchste Wahrheit ist, lässt uns der Autor teilhaben an der Einsicht, dass es eine höhere gibt.

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.