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14.09.2021, Jamal Tuschick

Prophetisches Unbehagen

Im Sommer 1917 entzieht sich der Freigestellte dem deutschen Trauerspiel. Walter Benjamin verlegt seine Existenz in die Schweiz und immatrikuliert sich an der Universität Bern. Er ist verheiratet und kurz davor, Vater zu werden. Zu seiner Unterhaltung tragen Paul Klee, Ernst Bloch und Hugo Ball bei. 1918 kommt Gershom Scholem dazu, eine Weile wohnt man gemeinsam. Benjamin promoviert über den Begriff der Kunstkritik bei den Romantikern, übersetzt Baudelaire und gründet mit Scholem zum Spaß die Universität von Muri.

Die Freunde schreiben sich Briefe, in denen sie ihre absoluten geistigen und moralischen Programme formulieren und weiter entwickeln, sogar dann, wenn sie zusammen sind. Scholem ist Zionist, er hat den Wehrdienst mit vorgetäuschtem Wahnsinn verweigert. Nachdem sie sich bereits von ihren übermächtigen leiblichen Gründer-Vätern distanziert haben, distanzieren sich Benjamin und Scholem in Bern auch von ihren geistigen Vätern.

Benjamin und Scholem sind Produkte eines säkularisierten Judentums. Aufgewachsen mit den hochgespannten Teilhabe-Erwartungen der Ahnen, gehört ihr prophetisches Unbehagen an der Assimilation zur ödipalen Reibung. Die Krise des Generationenkonflikts befeuert die Abwehr auf beiden Seiten.

Aber nur eine Seite behält Recht. Die schwachen Söhne wissen es besser als ihre virilen Väter. Ihr Unbehagen in der Kultur betrifft eine Kultur, die, nach Adorno, „den Mord gebiert“.

Das Antizipationsvermögen nutzt Benjamin nichts. Er gerät in die Falle, die aufgehen zu sehen, er die Luzidität besitzt. Scholem sichert sich mit Tauen der Zugehörigkeit. Er wendet sich der Religion zu, so den Vater negierend, der seine Zigarre mit dem Licht einer Chanukka Kerze in Brand setzt.

Während die Patriarchen mit vollen Segeln im Deutschen aufgehen wollen, markiert der indolente Nachwuchs den Trail of Hope als Holzweg. Die Söhne wissen alles und können nichts verhindern. Die Scholems, Kafkas und Benjamins widersetzen sich intuitiv (sowie auf einer Wolke des geistigen Ethos) jenem Anpassungsdruck, den die Alten als Fortschritt erleben. Das bleibt important als Marke des Begreifens; dass das Folgende keine zivilisatorische Entgleisung ist, sondern das es seine Dynamik aus bürgerlichen Begriffen des aufgeklärten 19. Jahrhunderts bezieht.

*

Scholem, der Jüngere im Bund, ganz Jung Juda, will Eretz Israel in Palästina wieder aufbauen, während Benjamin sich stets an die Wand gestellt fühlt und in jeder Parteinahme nur sein unpassende Teilnahme (Außenseiter noch unter Außenseitern) erkennt. Trotzdem ergreift er Partei, er wendet sich dem (als degoutant empfundenen) Brecht zu. In Briefen, die er sehnsüchtig Gretel Adorno schreibt, erklärt er sein Konzept. Benjamin richtet sich im Verhältnis zu einem Gegenpol aus, der es ihm erlaubt, seine Gedanken zu formulieren. Benjamin braucht Brecht, um sich einmal wieder zu distanzieren. Am Ende wird die Karawane des Exils ohne den Distanzierten weiterziehen, nachdem Benjamin sich doch noch das Rauchen abgewöhnt hat - kaum mehr als zwanzig Jahre nach dem Berner Glück.

Aus der Ankündigung

Mit Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels legen die suhrkamp taschenbücher Wissenschaft eines der kanonischen Werke der neueren Ästhetik vor. Von der Analyse der deutschen Trauerspiele des 17. Jahrhunderts ausgehend, liefert Benjamin einerseits die Geschichtsphilosophie der Barockepoche, auf der anderen Seite eine stringente Abgrenzung der klassischen Tragödie vom Trauerspiel als literarischer Form sui generis. Die Rettung der Allegorie - das Zentrum des Trauerspielbuches - eröffnete erstmals den Blick für lange verkannte Bereiche der poetischen wie der theologischen Sprache.

Walter Benjamin wurde am 15. Juli 1892 als erstes von drei Kindern in Berlin geboren und nahm sich am 26. September 1940 in Portbou/Spanien das Leben. Benjamins Familie gehörte dem assimilierten Judentum an. Nach dem Abitur 1912 studierte er Philosophie, deutsche Literatur und Psychologie in Freiburg im Breisgau, München und Berlin. 1915 lernte er den fünf Jahre jüngeren Mathematikstudenten Gershom Scholem kennen, mit dem er zeit seines Lebens befreundet blieb. 1917 heiratete Benjamin Dora Kellner und wurde Vater eines Sohnes, Stefan Rafael (1918 –1972). Die Ehe hielt 13 Jahre. Noch im Jahr der Eheschließung wechselte Benjamin nach Bern, wo er zwei Jahre später mit der Arbeit Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik bei Richard Herbertz promovierte. 1923/24 lernte er in Frankfurt am Main Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen. Der Versuch, sich mit der Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels an der...