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15.09.2021, Jamal Tuschick

Lady Moody

Warum rede ich über Lady Moody (1586– circa 1659)? Vorgestern Abend kam ich aus Ahrenshoop nach Berlin und fand einen Erzählband von Stephen Crane* (1871 - 1900) in der Post.

*„Die tristen Tage von Coney Island“, Geschichten, übersetzt von Bernd Gockel, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Hochbruck, Pentragon Verlag, 271 Seiten, 24,-

Die erste Geschichte spielt auf Coney Island, just auf jener Halbinsel, die historisch deshalb eine Sonderstellung einnimmt, da da Lady Moody als Landnehmerin eine in der amerikanischen Kolonialgeschichte singuläre Rolle spielte. Ich schiebe kurz den Anfang meiner Besprechung dazwischen.

Retrospektiver Überflug

Im ausgehenden 19. Jahrhundert präsentiert sich Coney Island als traditionsreicher Kurort mit Seebadflair. Während die Erschließungswalze die Superdiversity des Westens zugunsten des anglo-pietistischen Einerleis planierte, war man an der Ostküste früh zur europäisch-analogen Tagesordnung übergegangen. Wie ungemein urban das amerikanisch-atlantische 19. Jahrhundert bereits war, als man noch mit der Ausrottung der First Nation befasst war, erzählt Stephen Crane nebenbei. Als Zeitgenosse erlebt er den Status quo ohne die Überflugsgenehmigungen der Retrospektive.  

Kein Gast hält sich mit der historischen Dimension des Schauplatzes auf. Wer weiß, dass Coney ein niederländisches Wort ist und von dem alten Johannes Vingboon zum ersten Mal auf einer Karte eingetragen wurde. 1643 nahm Deborah Moody ihren Mut und ihr Money zusammen und gründete auf Coney Island Gravesend.

Den Ich-Erzähler der Titelgeschichte deprimiert die Stimmung am Saisonende. Die „leerstehenden Paläste, von krankhaft optimistischen Architekten in die Landschaft gesetzt“, stehen in einem schwermütigen Dunstkreis. 

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Um mit Lady Moody weiterzumachen. Lange ist sie eine superangepasste Untertanin der englischen Königin Elisabeth I. Nach dem Tod ihres Mannes konvertiert sie in eine protestantische Sekte, die in England als verdammungswürdiger Verein angesehen wird. Man lädt die Täuferin vor Gericht. Sie stellt sich aber nicht, sondern segelt ab nach Amerika. 1639 erreicht sie eine Siedlung der Massachusetts Bay ColonyBei ihren Landsleuten in der Neuen Welt kommt die Lady sauschlecht an. Die alten Neuengländer:innen exkommunizieren die Eigensinnige. Lady Moody schließt sich Willem Kieft* an, der Kolonist:innen anwirbt. 

*„Willem Kieft (1597 - 1647) war ein niederländischer Kaufmann und der fünfte Generaldirektor der Kolonie Nieuw Nederland.“ Wikipedia

Wie stets ist das Schlechte gut verteilt. Willem überzieht die eingesessenen Völker mit Krieg. Er erzeugt einen mobilen Sperrriegel, um seine illegalen Landnahmen unumkehrbar zu machen. Der Stratege ermüdet den Verteidigungswillen der ursprünglichen Bevölkerung. Er schafft facts on the ground. 

Natürlich können wir das Verhalten von Lady M. nur verurteilen. Sie nimmt Teil an einem straff organisierten Raubzug. Zugleich bleibt festzustellen, dass sie die erste Landräuberin der weißamerikanischen Geschichte ist. Jetzt sagen die einen so und die anderen sagen so. Die couragierte Täuferin buttert ihr Geld in die Erschließung der Südspitze von Long Island. Die gegenwärtige Topografie ruft Bensonhurst, Coney Island, Brighton Beach und Sheepshead Bay (Brooklyn) auf. 

Coney Island um 1700 © Jamal Tuschick

Elisabethanische Fundamentalopposition

Zur Welt kommt sie 1586 als Tochter eines bedeutenden Mannes. Walter Dunch übt ein Amt aus, das königliches Vertrauen unmittelbar voraussetzt. Er kontrolliert die heißeste Esse und wichtigste Prägestätte des Reiches, namentlich die königliche Münze aka The Royal Mint.

In Deborah Dunchs Geburtsjahr sitzt eine Tochter von Heinrich dem Blutsäufer auf dem englischen Thron. Ihre schärfste Rivalin, die schottische Königin Maria Stuart, hält the Virgin Queen Elisabeth I. gefangen. Sie entgeht der von Francis Walsingham aufgedeckten Babington-Verschwörung. Die Verschwörer:innen werden hanged, drawn and quartered. Hinrichtungen sind im Elisabethanischen Zeitalter Massenvergnügen mit Volksfestcharakter.  

„Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, sind wir in unserer Gegenwart nicht angekommen.“ Heiner Müller

Elisabeth I. (1533 – 1603) ging als „Jungfrau auf dem Thron“ in die Geschichte ein. Sie gab einem Zeitalter seinen Namen. Mit ihr endete die Herrschaft der Tudors. Das Gepräge ihrer Epoche kennen wir von Shakespeare. Epoche machte ein maritimer Paradigmenwechsel. Spanien scheiterte 1588 bei dem Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterlag der britischen Flotte und widrigem Wetter. Infolge des spanischen Desasters trat England als Großmacht in die Geschichte ein - Britannia rule the waves! Der britische Imperialismus startete mit avancierter Piraterie, Elisabeths Macht wurde von allen möglichen Ansprüchen erschüttert. Die Tochter Anne Boleyns stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung, während es mit Maria Stuart eine römisch legitimierte Konkurrentin gab. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Gemeinschaft, diesem konfessionellen Trollhaus nach dem Plaisir Heinrich VIII. Sie nahm auch Verwandte gefangen, so wie sie selbst eine Gefangene von Verwandten gewesen war.

Maria Stuart war nicht die Einzige, mit einem fundierten Machtanspruch. Weit vorn in der Thronfolge stand Mary Grey (1545 – 1578) als Großnichte Heinrich des Achten, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich heiratete sie den extrem unpassenden Thomas Keyes. Elisabeth fürchtete Nachwuchs von ihrem Blut, sie ließ Mary festsetzen.

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Auch für die erblühende Deborah Dunch ist Macht eine Herkunftsfrage. Sie pubertiert im Beat von Pest und Pocken, weggeschossenen Beinen, unhygienischem Beischlaf, offener Päderastie und anderen Kloaken. Jede Lady ist eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose spricht. Das Zeitalter hält sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo das Blut fließt und die Ratte rennt, da geht der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Jede Empfindung rauscht einfach auf, jeder Funke wirkt entzündend. Das Leben verspricht Unmittelbarkeit auch in der Frustration.

Der Stuhlgang rülpst nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet an die Tische kommen. Der Erdkreis stinkt nach Pisse, man serviert Schwanenfleisch in einem Nest aus Fasanenfedern.

Man rotzt in Hermelin. 

In Deborahs Klan verbindet sich Loyalität mit der Krone, egal, wer sie trägt. Ein Dunch, ob männlich oder weiblich, stützt die Monarchie und gehorcht der Church of England. Die Debütantin mausert sich zur Braut und heiratet 1606 einen Mann, der sie zur Lady macht.

Als Gattin von Sir Henry Moody steigt Deborah auf. Als Witwe erniedrigt sich die Lady. Sie wird Täuferin. Mit dieser Volte verbinden sich eine Menge Schismen. Lady Moody stellt sich so gegen alles, was in England gilt. 

Morgen mehr.