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29.09.2021, Jamal Tuschick
#DieWeltneudenken 

Wie erzählt man den Schmerz aus ursprünglich namenlosen Erfahrungen, die in der unerträglichen Kindergewissheit kulminieren, kein Vertrauen in jene setzen zu dürfen, denen man anvertraut ist?

Familiäres Zerstörungswerk

Sie geht gern schwimmen, morgens vor der Arbeit. Ihre beruflichen Aufgaben bewältigt sie „kompetent und präsent“. Doppelkopf spielt sie mit Leidenschaft. Bei den Erkundungen jener Verletzungen, die ihr Leben überschatten, gewann Doris eine Dimension des Begreifens von plastischer Plausibilität. Eine Traumatherapie führte sie zu der Einsicht: Ihre Schlafstörungen sind Folgen verbrecherischer Störungen. Als unlöschbare Signale eines familiären Zerstörungswerks, gewähren sie der Traumatisierten keine durchgreifende Ruhe.  

Die Störungen des kindlichen Schlafs quittiert die von einem vergewaltigenden Großvater Verstörte mit lebenslangen Schlafstörungen.

Doris Wind, „Eine unfassbare Sehnsucht“, Autobiografische Erzählung, Christel Göttert Verlag, 17,-

Wie erzählt man den Schmerz aus ursprünglich namenlosen Erfahrungen, die in der unerträglichen Kindergewissheit kulminieren, kein Vertrauen in jene setzen zu dürfen, denen man anvertraut ist?

Als Autorin baut Doris Wind auf Unmittelbarkeit. Sie macht ihre Leser:innen zu Zeug:innen von Prozessen im Spektrum zwischen Bewältigung und Scheitern. Sie exitiert in einem Regime der Zweifel und der Verzweiflung. Gleichzeitig gelingen ihr soziale Stunts. Als beinah Vierzigjähre schafft sie sich eine berufliche Basis als Gas-und Wasserinstallateurin. In einem Ausbildungsmarathon qualifiziert sie sich zur Energieberaterin und Fachkraft für Solartechnik. 

In Doris vereint sich Power mit Panik. Sie setzt auf Chancen der Neuroplastizität, affiziert von den neurobiologischen Aussichten auf epigenetisches Wachstum bis zum Schluss.

Aus der Ankündigung

An die ersten zehn Jahre ihrer Kindheit kann Doris Wind sich lange nicht erinnern. Plötzlich auftretende Panikattacken und Angststörungen massivster Art zwingen die junge Frau mit Anfang 20 dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. In einer Art bruchstückhaft zusammengesetztem Vexierbild zeigt "Eine unfassbare Sehnsucht" eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit einer Kindheit und Jugend, die durch sexualisierte, psychische und physische Gewalt geprägt und fast zerstört wurde. Was sie rettet, ist die Hilfe von TherapeutInnen und Freundschaften - und das Schreiben. Sie findet die richtige Sprache, um das auszudrücken, was ihr auf der Seele brennt. Auf mehreren Erzählebenen transportiert sie eine vorsichtige Botschaft: Überleben ist möglich - mehr noch: auch Glücklichsein.

Doris Wind, geb. 1962, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt heute in Bremen. Ihren Berufseinstieg konnte sie erst spät angehen, denn viele Jahre ihres Lebens musste sie der Traumatherapie widmen. Doch was sie ihr Leben lang begleitete, was ihr half zu überleben, ist das Schreiben. "Eine unfassbare Sehnsucht" ist nun ihr erstes veröffentlichtes Werk, in dem sie ihr Können zeigt, autobiografisches Erzählen mit lyrischer Prosa und Gedichten zu verweben.