MenuMENU

zurück zu Main Labor

01.10.2021, Jamal Tuschick

#DieWeltneudenken

Nebenreiz

Rufus war einer jener sehnigen Rothaartrottel, die es zumal in irischen, schottischen und skandinavischen Ausgaben gibt. Er stammte von einer Kanalinsel, die normannischen Herzögen zu Eigen gewesen war. In den Augen einer History-Channel-Süchtigen bot sich das normannische Element als Nebenreiz an. 

Abendbunt an der Küste vor Cranstoun. Akira Conrady kennt den umhügelten Flecken auf einer Landzunge der Isle of Glan seit ihrer Kindheit © Jamal Tuschick

Meister der Monotonie

Michel Foucault zitiert irgendwo Demokrit, der den Geschlechtsverkehr mit „einem kleinen Schlaganfall“ vergleicht. „Die heftigen Bewegungen, die mit dem Koitus einhergehen“ gehörten nach Rufus von Ephesos „der Familie der Spasmen“ an.

Mein Rufus war ein Meister der Monotonie. Es gab keine Spielräume und vielleicht noch nicht einmal ein nennenswertes Vergnügen wenigstens auf seiner Seite. Mich kränkte kaum ein Überdruss, der mich zur Schuldigen erklärte. 

Rufus war einer jener sehnigen Rothaartrottel, die es zumal in irischen, schottischen und skandinavischen Ausgaben gibt. Er stammte von einer Kanalinsel, die normannischen Herzögen zu Eigen gewesen war. In den Augen einer History-Channel-Süchtigen bot sich das normannische Element als Nebenreiz an. 

Ich hatte Rufus dazu überredet, von St Andrews, „die University of  St Andrews, gegründet 1413, ist die älteste Universität Schottlands und drittälteste Großbritanniens“ (Wikipedia), nach Cranstoun zu ziehen. Ich kannte den umhügelten Flecken an der Westküste der Isle of Glan gut seit meiner Kindheit. Vom Strand trennte den Ort (ein Dutzend Häuser) eine Muschelsandwiese (Machair). Mein Tagesablauf vollzog sich so ereignisarm wie es mir gefiel. Frühmorgens half ich Fiona in der Hafenverkaufsstelle der Kooperative. Jeder Kooperierende schleppte seinen Fang an. Jeder redete mit jedem im Geist einer unverbrüchlichen Verbindlichkeit. Die meisten waren Söhne und Enkel von Fischern und hatten Eigenarten, die daran denken ließen, dass sie einem biblischen Beruf nachgingen. Die wenigsten sah man sonntags nicht in der Kirche von Gillcríst, einer seit 1164 urkundlich belegten Siedlung mit neolithischem Unterbau.

Gegen sieben schickte ich mich selbst zu Farquharsons Handelsposten, wo es Backwerk gab. Wir frühstückten getrennt, Fiona selten allein im Laden, ich stets allein im Haus. Die Küche ging direkt in den Garten. Dahinter ragte eine Gruppe Findlinge kolossal auf. Die Steine dienten als nautische Marken. In ihrem Schatten brach das Land ab. Am Klippenfuß brachen die Wellen. Das Meer hatte eine ständige Vertretung (akustisch/olfaktorisch) im Haus und sorgte für Stimmungen; so wie ein Haus neben der Autobahn Empfindungen wecken kann, als befände man sich auf der Autobahn. Manchmal verirrten sich Möwen und schrien in den Zimmern.     

Auf der Findlingswiese verströmte Schwalbenwurz Aasgeruch.

Ich habe ein paar Kinderjahre in Fiona's Taigh verbracht; damals als meine Eltern eine schwierige Zeit hatten, und Fiona als Lieblingstante meiner schottischen Mutter einsprang. Die Eltern rauften sich wieder zusammen, zerknirscht, angeschlagen, vorsichtig geworden. Ich lebte dann wieder bei ihnen in Deutschland, erst in Kehl am Rhein, später in Calmbach. Als ich alt genug war, um auszuziehen, zog ich nach St Andrew, um da zu studieren.  

Ich frühstückte am Schreibtisch, hufeisenförmig von Büchern eingemauert. Ich arbeitete über Mäßigung als einem die Prozesse der Zivilisation durchziehenden Leitfaden. Ich reagierte mich akademisch ab. Ich finde es nämlich gut, wenn Paare privat so zu Tisch gehen wie man in einem Restaurant tafelt; auch wenn Rufus und ich so nicht miteinander verkehrten. Es gab keine Dimension in unserer Beziehung, die einem Ideal von mir entsprach. Rufus war nicht nur ein geradezu idiotisch schlechter Liebhaber, er kam auch beinah ohne Manieren aus; dies unter einer Hornhaut aus Harmlosigkeit.   

Fionas Verlobter

Ich liebe Förmlichkeit. Die Art, wie Fiona sich zurückhielt und mir Trost spendete, erlaubte es mir, sie zu vergöttern. Nie fasste Fiona eine Salzstreuerin mit Fettfingern an.

Gegen zehn trank ich Kirsch- oder Pfirsichsaft aus einem beleibten Weinglas, das einen satten Kristallklang und seine eigene Geschichte hatte. Es war das letzte Andenken an Fionas früh verstorbenen Verlobten. Als junge Frau hatte sie sich in den Manager einer chemischen Reinigung auf dem Festland verliebt, einen gewandten Roasterrider. Er hatte Fiona an Hasch, LSD und Rotwein gewöhnt. Jahrzehnte hatte sie das Glas allen anderen Gläsern vorgezogen und in der Gesellschaft von Bekannten einen heimlichen Vorbehalt artikuliert, sobald sie den Toast erwiderte. Ohne ihre Gleich- und Regelmäßigkeit und ihren bürgerlich-moderat betriebenen Drogenkonsum und -handel (auf einer Insel mit zweihundertsiebzig Bewohner:innen) wären Grenzen und Chancen der Entgrenzung für mich schwerer zu erkennen gewesen. Von Fiona übernahm ich die ungerechte Neigung, Leute danach zu beurteilen, ob sie ihre Form zu wahren wissen, wenn ein rauer Wind sie anfasst.   

Ich war jung und dumm. So dumm, dass ich meinen anbetungswürdigen Körper einem Mann unterschob, dessen sexuelle Stoffeligkeit im Sagenhaften oszillierte. 

Wiedersprechen Sie mir nicht.