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05.10.2021, Jamal Tuschick

Der Stundenschlag der Wiederholung

Nein, Fausto hat kein Abschiedsgeschenk in jenem Trennungsfrühling nach einem leidenschaftlichen Winter zwischen Kneipenküche und Wirtshausmansarde. Silvia überreicht dem Geliebten die 36 Ansichten des Berges Fuji von Katsushika Hokusai

Eingebetteter Medieninhalt

Jeden Winter verwandeln sich die Leute von Fontana Fredda in einem Akt „kollektiver Kostümierung“ in agricoltura-di-montagna-basierte Kunstschnee-, Schneepflug-, Skilift- und Bergrettungsexpert:innen. © Jamal Tuschick

Das Salz der Freiheit

In der Einsamkeit seiner Klause kostet Fausto vom „Salz der Freiheit“

Jeden Winter verwandeln sich die Leute von Fontana Fredda in einem Akt „kollektiver Kostümierung“ in agricoltura-di-montagna-basierte Kunstschnee-, Schneepflug-, Skilift- und Bergrettungsexpert:innen. Der im Ort locker hängengebliebene Fausto Dalmasso mischt mit, froh darüber, einer Mailänder Misere entgangen zu sein. In der Einsamkeit seiner Klause kostet er vom „Salz der Freiheit“.  

Paolo Cognetti, „Das Glück des Wolfes“, Roman, aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, Penguin Verlag, 22,-

Fausto verfestigt seine lokalen Bindungen als ungelernter Koch in der Schankwirtschaft der gleichfalls zugezogenen Babette. Von Babettes Gastmahl  ist der Weg ins Bett der Kellnerin Silvia nicht weit. Auch sie zählt zur binnenmigrantischen Riege.

Manche Eingesessenen begegnen Fausto mit halsstarriger Skepsis. Santorso nennt den Hereingeschneiten einen Möchtegern-Koch. Der Deklassierte lächelt listig; doch wirkt seine Überlegenheit ausgedacht. 

Santorso erscheint als verwurzelter Gegenspieler des unsteten Fausto. Mit ihm sprechen die Steine. Ihm offenbaren sich die Wälder, Höhen und Täler seiner Heimat, die sich in der Gegend des Colle delle Finestre lokalisieren lässt. „Der (piemonteser) Pass liegt im Parco naturale Orsiera.“ Wikipedia

Santorso beobachtet rivalisierende Birkhähne, die sich Jahr für Jahr an derselben Stelle frühabends streiten. Entre chien et loup heißt auf Französisch der Augenblick des Übergangs. „Santorso (gefällt) die Redewendung. Zwischen Hund und Wolf, zwischen Dämmerung und Dunkelheit (kommen) die Birkhähne hervor, um wie verrückt aufeinander loszugehen.“ 

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Aus Viehtränken wurden Brunnen, die einer touristischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit dienen. Die Fremden verzichten auf jede realistische Vorstellung von der alpinen Schwergängigkeit, die seit Jahrhunderten das Tagwerk und die Traditionen der Montagnards bestimmt. Im Gegenzug gefallen sich die Arbeiter:innen von Fontana Fredda in ihrer Einfallslosigkeit. Sie begrüßen den Stundenschlag der Wiederholung, während sie Abwechslung mit Protest quittieren.

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Die Wege von Silvia und Fausto trennen sich im Frühling. Der vierzigjährige Stoffel hat kein Abschiedsgeschenk für eine Siebenundzwanzigjährige, der er nicht zu alt war in einem leidenschaftlichen Winter zwischen Kneipenküche und Wirtshausmansarde. Silvia überreicht dem Geliebten die 36 Ansichten des Berges Fuji von Katsushika Hokusai. „Unter dem Wetterdach einer Tankstelle“ finden die beiden eine Bar für die letzten gemeinsamen Getränke. 

Aus der Ankündigung

Fausto und Silvia begegnen sich das erste Mal im Bergdorf Fontana Fredda. Gemeinsam erleben sie, wie der Winter sich über den kleinen Ort und seine Anwohner legt. Während Fausto die Stille fernab der Stadt genießt, ist Silvias Blick immer auf den höchsten Gipfel, den nächsten Gletscher gerichtet. Trotzdem sind sie einander nah und glücklich wie nie zuvor. Bis Fausto eines Tages beschließt, die Berge und damit auch Silvia hinter sich zu lassen. Doch zurück in der Stadt kreisen Faustos Gedanken noch immer um Silvia; um das Leben, das er sich so dringlich wünscht …

Nach seinem internationalen Weltbestseller »Acht Berge« kehrt Paolo Cognetti zurück in die atemberaubende Hochgebirgswelt Italiens. Er nimmt uns mit auf eine Reise zu den höchsten Gletschern und konfrontiert uns mit den essentiellen Fragen unseres Lebens. Wer möchten wir sein? Wo gehören wir hin? Eine poetische Liebesgeschichte über das, was uns einander näherbringt. 

Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo alla traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Dieses Buch wurde übersetzt dank einer Übersetzungsförderung des italienischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und internationale Kooperation.

»Unvergesslicher Gipfelkuss auf dem Felikhorn (4086 m), diesem nicht zu den offiziellen 4000ern zählenden Gipfel zwischen dem Castor und dem Liskamm West.«

Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt seine Zeit am liebsten im Hochgebirge, und seine Erlebnisse in der kargen Bergwelt inspirieren den Mathematiker und Filmemacher zum Schreiben. Für seinen internationalen Bestseller »Acht Berge« (2017), der ins Aostatal führt, erhielt er u. a. den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. »Acht Berge« wird gegenwärtig verfilmt. In seinem neuesten Buch, »Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen« (2019), erzählt Cognetti von seiner Reise in die Dolpo-Region, eine der abgeschiedensten Gegenden im Himalaja.