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10.10.2021, Jamal Tuschick

Inzwischen bewirtschaftet Silvia eine Schutzhütte in einem alpinen Biosphärenreservat. Den Bergwander:innen erscheint sie als alte Häsin. Sie illustriert die Postkartenansichten. Da liegt „der Monte Viso, dort liegt Turin. Und diese blaue Linie ist kein Dunst, sondern der Apennin. Dahinter liegt das Meer“. Mare e monti. © Jamal Tuschick

Das Salz der Freiheit

Nein, Fausto hat kein Abschiedsgeschenk in jenem Trennungsfrühling nach einem leidenschaftlichen Winter zwischen Kneipenküche und Wirtshausmansarde. Silvia überreicht dem Geliebten die 36 Ansichten des Berges Fuji von Katsushika Hokusai

Eingebetteter Medieninhalt

Jeden Winter verwandeln sich die Leute von Fontana Fredda in einem Akt „kollektiver Kostümierung“ in agricoltura-di-montagna-basierte Kunstschnee-, Schneepflug-, Skilift- und Bergrettungsexpert:innen. Der im Ort locker hängengebliebene Fausto Dalmasso mischt mit, froh darüber, einer Mailänder Misere entgangen zu sein. In der Einsamkeit seiner Klause kostet er vom „Salz der Freiheit“.  

Fausto verfestigt seine lokalen Bindungen als ungelernter Koch in der Schankwirtschaft der gleichfalls zugezogenen Babette. Von Babettes Gastmahl  ist der Weg ins Bett der Kellnerin Silvia nicht weit. Auch sie zählt zur binnenmigrantischen Riege.

Manche Eingesessenen begegnen Fausto mit halsstarriger Skepsis. Santorso nennt den Hereingeschneiten einen Möchtegern-Koch. Der Deklassierte lächelt listig; doch wirkt seine Überlegenheit ausgedacht. 

Santorso erscheint als verwurzelter Gegenspieler des unsteten Fausto. Mit ihm sprechen die Steine. Ihm offenbaren sich die Wälder, Höhen und Täler seiner Heimat, die sich in der Gegend des Colle delle Finestre lokalisieren lässt. „Der (piemonteser) Pass liegt im Parco naturale Orsiera.“ Wikipedia

Santorso beobachtet rivalisierende Birkhähne, die sich Jahr für Jahr an derselben Stelle frühabends streiten. Entre chien et loup heißt auf Französisch der Augenblick des Übergangs. „Santorso (gefällt) die Redewendung. Zwischen Hund und Wolf, zwischen Dämmerung und Dunkelheit (kommen) die Birkhähne hervor, um wie verrückt aufeinander loszugehen.“ 

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Aus Viehtränken wurden Brunnen, die einer touristischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit dienen. Die Fremden verzichten auf jede realistische Vorstellung von der alpinen Schwergängigkeit, die seit Jahrhunderten das Tagwerk und die Traditionen der Montagnards bestimmt. Im Gegenzug gefallen sich die Arbeiter:innen von Fontana Fredda in ihrer Einfallslosigkeit. Sie begrüßen den Stundenschlag der Wiederholung, während sie Abwechslung mit Protest quittieren.

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Die Wege von Silvia und Fausto trennen sich im Frühling. Der vierzigjährige Stoffel hat kein Abschiedsgeschenk für eine Siebenundzwanzigjährige, der er nicht zu alt war in einem leidenschaftlichen Winter zwischen Kneipenküche und Wirtshausmansarde. Silvia überreicht dem Geliebten die 36 Ansichten des Berges Fuji von Katsushika Hokusai. „Unter dem Wetterdach einer Tankstelle“ finden die beiden eine Bar für die letzten gemeinsamen Getränke. 

Transgenerationales Milieuwissen

Inzwischen bewirtschaftet Silvia eine Schutzhütte in einem alpinen Biosphärenreservat. Den Bergwander:innen erscheint sie als alte Häsin. Für ihr Publikum illustriert sie die Postkartenansichten. Da liegt „der Monte Viso, dort liegt Turin. Und diese blaue Linie ist kein Dunst, sondern der Apennin. Dahinter liegt das Meer“. Mare e monti.

Paolo Cognetti, „Das Glück des Wolfes“, Roman, aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, Penguin Verlag, 22,-

In einer ungetrübten Idylle obliegt es Silvia das „Toilettengebäude nach hundertzwanzig Bergsteigern zu betreten, die überwiegend unter Bauchkrämpfen (gelitten haben)“. Zur anschließenden Kontemplation bietet sich ein „buddhistischer Altar“, errichtet von Silvias nepalesischem Verehrer. 

Es bieten sich Touren an, etwa zum Punta Valnera (2754 m). Der Gipfel ragt kaum dreihundert Meter über dem Rifugio Arp  auf.  

„Das Rifugio Arp ist eine Schutzhütte im Aostatal in den Walliser Alpen ... (sie) wird von Anfang Juni bis Ende September bewirtschaftet und bietet ... Bergsteigern Schlafplätze.“ Wikipedia

In diesem Gebiet leben wieder Wölfe. Sie reißen (auf Almen weitgehend sich selbst überlassenes) Nutzvieh. Sie richten Massaker unter Wehrlosen an.

Die neuen Räuber sind alte Bekannte der Bergbauern/Bergbäuerinnen. Sie sind einfach nur in ein angestammtes Territorium zurückgekehrt, vielleicht hundert Jahre nach ihrer letzten durchgreifenden Vertreibung; ausgestattet mit einem transgenerational weitergereichten Milieuwissen.

Die Wölfe kennen ihr Revier.

Sie haben es schon bejagt, bevor der Mensch domestizierte Tiere um sich scharrte, um sein Leben zu vereinfachen. 

Ich füge eine passende Geschichte ein

Mare e Monti

Wir folgten dem Apenninen-Kamm nach Norden auf einer Wolfsroute. Luigi Boitani erklärte, wie man reine Wölfe von Mischlingen und den vielen verwilderten Haushunden unterschied. Damals schätzte man die Zahl italienischer Vaganten auf zweihunderttausend. Die Hälfte war zu den Modalitäten echter Wildhunde zurückgekehrt; sie verhielt sich, als hätte es Domestikation für sie nie gegeben. Absolute Menschenscheu war in manche Verbände zurückgekehrt. Boitani behauptete, dem afrikanischen Wildhund sei der Sprung über das Mittelmeer gelungen. Hauke, die selbst viel vom Hund hatte, so wie Mara kätzisch und ich kauzig war, bezweifelte die Anwesenheit des afrikanischen Wildhundes auf dem europäischen Kontinent.

„Ich wüsste es, wäre er da“, sagte sie so schwelgerisch, als träumte ihr Blut von der Ankunft des afrikanischen Wildhundes. Hauke beschnüffelte Dinge und sagte dann erst, was sie von der Sache hielt.

Die Streuner:innen richteten größere Schäden an als alle Wölfe, aber die Hirt:innen und Bäuerinnen/Bauern brauchten für ihren Aberglauben blutige Wolfslefzen. Die Regierung entschädigte sie für jedes gerissene Schaf.

Wölfe paaren sich nur selten mit Hunden, doch geschieht dies immer wieder zum Nachteil der Wölfe.

Man konnte Italien durchqueren, ohne je den grünen Korridor verlassen zu müssen. Ich war obsessed von solchen Extravaganzen. Eine Erregung steigerte mein Dasein, man findet Erklärungen bei Michel Leiris. Il n’est pas que l’activité passionelle (ou, plus spécialement: génitale) qui connaisse pareilles tensions, auf die unmittelbar Entspannung folgt, ein solches Nacheinander von Annäherung und Entfernung, geradezu Berg- und Talfahrten von Auf- und Abstiegen … Gewisse Orte, Ereignisse oder Gegenstände, gewisse sehr seltene Umstände erwecken in uns das Gefühl, wenn sie plötzlich vor uns auftauchen oder wir in ihnen verstrickt sind, dass ihre Funktion im allgemeinen Weltlauf darin besteht, uns mit dem in Kontakt zu bringen, was es in uns am Ureigensten gibt und was gewöhnlicherweise völlig verschwommen …

In den Bergen durfte einem wenigstens vorübergehend egal sein, was Behörden sagten. Unter dem Vorwand der Forschung näherte sich Boitani seiner zweiten Natur, manchmal heulte er vor Sehnsucht nach den Schwestern. Er wollte ein Reservat einrichten, um seine Familie zu schützen.

Die Kontakte zur sturen Bevölkerung waren Lehrstunden. Zwischen hospitalité und hostilité lag nichts.

Die Bäuerinnen/Bauern hassten uns. Wir waren Städter:innen, wir hatten einen Brüsseler Spitzenauftrag und Superequipment. Zur Gruppe gehörten junge Frauen, die außerdem Wissenschaftlerinnen waren. Das schlug dem Fass den Boden aus. Diese Frauen waren gut zu Fuß. Sie redeten englisch, dass jeder sie verstand; außer den Bauern/Bäuerinnen, die an Wölfen kein gutes Haar ließen.

Hauke erwartete, Gott im Gebirge zu treffen, erleuchtet zu werden, endgültig aus dem Kunterbunt der Beliebigkeit zu kommen. Letztlich erwartete sie die Erlösung von mir. Ich war bereit.  

Mailänder Misere

Was zuvor geschah

Der Schriftsteller Fausto entgeht einer Mailänder Misere in die Berge des Trentino. Er verdingt sich als ungelernter Koch in einem Gasthof, der wie ein Magnet auf Zugezogene wirkt und zugleich eine Basis für die Eingesessenen ist. Fausto bezieht soziale Prügel und lernt seine Lektionen. Obwohl er kaum die Last der eigenen Existenz zu stemmen vermag, wirkt er anziehend - so auf die viel jüngere Kellnerin Silvia, mit der einen schönen Winter verlebt. Im Frühjahr trennen sich die beiden Versprengten. Jeder folgt einer anderen Bahn. 

So geht es weiter

„Die Steigeisen müssen auf millimeterdünnem Eis Halt finden“.

Faustos Geliebte Silvia klettert auf eigene Faust, wenn auch nicht allein, bis zum Rifugio Quintino Sella (Felikjoch) in den Walliser Alpen. Der Schutzraum erscheint „wie eine Basisstation in der Arktis … auf einem Plateau am Ausläufer des Gletschers“. „Die Form eines auf dem Kopf stehenden Trapezes“ kennzeichnet ihn auf avantgardistische Weise. Silvia genießt eine Aussicht auf „die östlichen Gipfel des Monte-Rosa-Massivs“. 

In der Zwischenzeit verdingt sich der Mailänder Schriftsteller Fausto in den Bergen des Trentino als Camp-Koch für Holzfäller. An einem Julitag entdeckt er „seinen heiligen Ort“ in der Sphäre eines zurückweichenden Gletschers. Noch haften dem Fels weder Moos noch Flechten an. Fausto betrachtet einen unkartografierten, womöglich hunderttausend Jahre von einem Eisschild geschützten Flecken. Im nächsten Augenblick liegt im Silvia in den Armen. 

Silvia und Fausto nehmen den Paarbetrieb wieder auf. Sie arbeiten und leben sich in ein in den Alpen.  

Aus der Ankündigung

Fausto und Silvia begegnen sich das erste Mal im Bergdorf Fontana Fredda. Gemeinsam erleben sie, wie der Winter sich über den kleinen Ort und seine Anwohner legt. Während Fausto die Stille fernab der Stadt genießt, ist Silvias Blick immer auf den höchsten Gipfel, den nächsten Gletscher gerichtet. Trotzdem sind sie einander nah und glücklich wie nie zuvor. Bis Fausto eines Tages beschließt, die Berge und damit auch Silvia hinter sich zu lassen. Doch zurück in der Stadt kreisen Faustos Gedanken noch immer um Silvia; um das Leben, das er sich so dringlich wünscht …

Nach seinem internationalen Weltbestseller »Acht Berge« kehrt Paolo Cognetti zurück in die atemberaubende Hochgebirgswelt Italiens. Er nimmt uns mit auf eine Reise zu den höchsten Gletschern und konfrontiert uns mit den essentiellen Fragen unseres Lebens. Wer möchten wir sein? Wo gehören wir hin? Eine poetische Liebesgeschichte über das, was uns einander näherbringt. 

Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo alla traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Dieses Buch wurde übersetzt dank einer Übersetzungsförderung des italienischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und internationale Kooperation.

»Unvergesslicher Gipfelkuss auf dem Felikhorn (4086 m), diesem nicht zu den offiziellen 4000ern zählenden Gipfel zwischen dem Castor und dem Liskamm West.«

Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt seine Zeit am liebsten im Hochgebirge, und seine Erlebnisse in der kargen Bergwelt inspirieren den Mathematiker und Filmemacher zum Schreiben. Für seinen internationalen Bestseller »Acht Berge« (2017), der ins Aostatal führt, erhielt er u. a. den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. »Acht Berge« wird gegenwärtig verfilmt. In seinem neuesten Buch, »Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen« (2019), erzählt Cognetti von seiner Reise in die Dolpo-Region, eine der abgeschiedensten Gegenden im Himalaja.