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11.10.2021, Jamal Tuschick

Gewöhnliche Genies

Adorno in einem Brief an Thomas Mann: „Im Sommer 1921 bin ich einmal, in Kampen, unbemerkt einen langen Spaziergang hinter Ihnen hergegangen und habe mir ausgedacht, wie es wäre, wenn Sie mit mir sprächen.“

Theodor W. Adorno/Thomas Mann, Briefwechsel 1943–1955, Suhrkamp

„Den Traum einer von Zwecken nicht entstellten Welt“ in den Prozessen der Desillusionierung nicht verloren zu haben. Auch das hält Adorno Thomas Mann zugute. Die Genies verehren sich mit viel intellektueller Myrrhe & Weihrauch auf den gediegenen Flächen des Edelexils. Sie schwärmen füreinander. Sie separieren sich und feiern ihre Sonderrollen. Denn sie sind anders als die gewöhnlichen Genies à la Feuchtwanger und Remarque. Sie sind ausführlich die guten Deutschen (good Germans, gGs). As it concerns Thomas Mann muss man das nicht ausführen, dieser Triumph des 19. Jahrhunderts, König der Biedermeier, Kaiser von Krähwinkel, erkannte fern allen Rock'n'Rolls im Hitlerismus eine Abortvariante. Aber auch Adorno bringt es fertig zu sagen:

„Als ich Sie, hier an der entlegenen Westküste, treffen durfte, hatte ich das Gefühl, zum ersten und einzigen Mal jener deutschen Tradition leibhaft zu begegnen, von der ich alles empfangen haben: noch die Kraft, der Tradition zu widerstehen.“

Hier an der entlegenen Westküste. Freund:innen der Nacht, das bedeutet, Adorno denkt die Welt snobistisch von Deutschland aus. Amerika ist ihm zu klein, hat keine Kultur, hat keinen Goethe und keinen Beethoven. Kann einpacken und nach Hause gehen.

Noch die Kraft, der Tradition zu widerstehen. Da kommt die Rede auf den preußischen Militärprotestantismus und das leidenschaftliche Exerzieren. In jedem Krieg kämpft ein Kleist und dichtet im Pulverdampf auf Champions-League-Niveau.   

An der kalifornischen Küste auf den Exilspuren von Adorno und T. Mann © Jamal Tuschick

Selbstvergessene Produktion

Das Wort von der „ununterbrochenen Arbeit und selbstvergessenen Produktion“ findet sich in einem Brief von Adorno an Thomas Mann vom 3. Juni 1945. Mann schätzt Adorno nicht zuletzt als „erstaunlichen Kenner“. Adornos Einwände führen zu Bearbeitungen von Passagen. Das will uns selbstverständlicher erscheinen als es ist. Zwei Genies begegnen sich nicht nur zu herausragenden Anlässen im Exil. Vielmehr suchen sie sich und sind stets auf die gleiche Weise angenehm füreinander.

Der Mangel an Rivalität ist rar unter den „Großkopfeten“ … „Heute Abend bei Max (Horkheimer) mit ein paar Großkopfeten, darunter Thomas Mann.“ Da vernimmt man noch die Krise der Konkurrenz und die im Raum stehende Frage nach dem eigenen Rang.

Aus der Ankündigung

Im Dezember 1945 schrieb Thomas Mann jenen berühmten Brief an Theodor W. Adorno über das Prinzip der Montage in seinem Roman Doktor Faustus, verbunden mit der Einladung, gemeinsam »darüber nachzudenken, wie das Werk – ich meine Leverkühns Werk – ungefähr ins Werk zu setzen wäre«. Die enge Zusammenarbeit an den Spätwerken Adrian Leverkühns – Adorno verfaßte detaillierte Entwürfe, die im Anhang des Bandes abgedruckt sind – wurde zur Grundlage dieser Korrespondenz, die in einer sehr ungewöhnlichen Begegnung von Tradition und Moderne entstand und in diesem Spannungsfeld bis zum Tode des Dichters andauerte. – Thomas Mann schrieb Adorno über die »faszinierende Lektüre« der Minima Moralia und kommentierte ausführlich den Versuch über Wagner, ein Buch, das er lesen wollte, »wie jemand in der Apokalypse ein Buch ißt, das ihm ›süß wie Honig schmeckt‹«. Adorno begleitete die letzten Werke Thomas Manns, den ErwähltenDie Betrogene und die Wiederaufnahme des Felix Krull, mit eingehenden Kommentaren und nicht selten mit begeistertem Zuspruch. Selbst sehr private Fragen von entscheidender persönlicher Bedeutung, wie die mit großer Aufrichtigkeit geführte Diskussion um die Rückkehr aus der Emigration, bleiben im Briefwechsel nicht ausgespart.

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Während Thomas Mann auf Adornos Kritik mit bedienendem Zustimmungsaplomb reagiert, zeigt sich der Zauberer im Weiteren reserviert. Aufsätze liest er mit „nachdenklicher Zurückhaltung“, selbst wenn sie geeignet sind, dem Urheber eine Professur einzutragen.

Thomas Manns schnelle Urteile gleichen Abtastresultaten in einem noch immer gültigen Rahmen. Mann reagiert begeistert auf die von Adorno in der Zeitschrift für Sozialforschung publizierte Analyse Spengler Today. Er teilt mit Adorno eine Abneigung gegen Oswald Spenglers „kindische Romantik der Raubtier-Bewunderung“. In der Ableitung Goethe – Schopenhauer – böser Oberlehrer erkennt er eine Litanei.