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12.10.2021, Jamal Tuschick

Lob - Lob - Lob

Lieber Herr Tuschick,

toll, vielen Dank!

Herzliche Grüße sendet

Frauke Müller

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Sachbuch | Publicity Nonfiction

Penguin|C. Bertelsmann|Deutsche Verlags-Anstalt|Pantheon|Siedler

Imperiale Afrika-Sehnsucht

Kolonialgeschichte von innen. Tom Buk-Swientys Blixen-Biografie gibt einmal noch dem weißen Kolonialgefühl Raum. Man kann das Buch nicht lesen, ohne mit Erstaunen festzustellen, wie tief die imperiale Afrika-Sehnsucht im kulturellen Gedächtnis ankert. Generationen wurden nicht zuletzt mit Abenteuergeschichten auf die Ausfüllung der Herrenmenschenrolle vorbereitet. Man reagierte erfrischt auf die Schilderungen einer überwältigenden Natur voller steinzeitlicher Einschüsse, die dem Publikum Zeitkapselerlebnisse in Wohnzimmern verschafften.  

The Man-eaters of Tsavo

There are not lions, the are the ghosts of the darkness ... Auf dem Weg nach Nairobi hört die frisch vermählte Baronin Blixen zum ersten Mal die Geschichte von menschenfressenden Löwen.

“The Man-eaters of Tsavo is a semi-autobiographical book written by British ... author John Henry Patterson, published in 1907 ... it has also been the basis of numerous films, the best known being the The Ghost and the Darkness.”  Wikipedia

Eingebetteter Medieninhalt

Karen und ihr jüngerer Bruder Tommy © Rungstedlundsammlung der Königlichen Bibliothek (KB), Kopenhagen, RSKB

Lunatic Line

Sie sieht Löwen in die Augen und schläft unter dem Kreuz des Südens. Vor allem jedoch baut Karen Blixen mit ihrem Mann eine Kaffeeplantage im nairobischen Hochland auf. Das landwirtschaftliche Unternehmen basiert auf keiner Tradition. Alles steht auf Anfang. Nairobi war ursprünglich lediglich eine versumpfte Zeltlager-Etappe am Saum des britischen Protektorats Uganda. Das Camp gewann Bedeutung im Zuge eines Eisenbahnbaus durch das Hoheitsgebiet der Massai und Kikuyu. 1899 entstand da der Hauptsitz von Uganda Railways, von Kritiker:innen Lunatic Line genannt.

Nairobi ist Hauptstadt von Britisch-Ostafrika und Zentrum des Jagdtourismus, als Karen sich akklimatisiert und Afrika zu lieben beginnt. 

Royale Entourage

Nach den Maßstäben der Epoche bleibt Karen Christentze Dinesen lange unverheiratet. Die achtundzwanzigjährige Braut reist schließlich als gleichermaßen gute und späte Partie zu ihrer Hochzeit nach Afrika.

Karens Standesdünkel schimmern durch einige Charakterisierungen im Arrondierungsmilieu. Der Bräutigam und Cousin Baron Bror Frederik von Blixen-Finecke (1886 - 1946) entspricht als Spross „altnobler Familien“ den Erwartungen.

“His family background was two old noble families.” Quelle

Dass er nichts an den Füßen hat, scheint Karens Kernfamilie nicht zu kratzen. Man stattet die Braut mit einem Vermögen als Mitgift aus.

Dem in Karens Augen hochsympathischen Massenmörder Paul von Lettow-Vorbeck hält die Verehrerin eine grandios-norddeutsche Herkunft zugute.  

Karen bleibt den Begriffen ihrer Zeit verhaftet. Ihre Weltbetrachtung erfolgt auf einer konservativen Folie. Auf ihrer Reise in ein neues Leben an der Seite eines herausragenden Mannes im kenianischen Hochland erleichtert es sie ungemein, dass der Verlobte vorausschauend einen Diener der Braut entgegensendet. Nun reüssiert Karen mit einem kleinen Gefolge. Das Gesinde komplettiert ein gesetztes Hausmädchen, das von Karen auf hoher See angeworben wurde. Deshalb folgen der Nobilitierten immerhin zwei Dienstschatten. Karen konkurrriert an Deck unter anderem mit skandinavischen Hochwohlgeborenen, die bis zur Abstumpfung daran gewöhnt sind, jeden Wunsch umgehend erfüllt zu bekommen. 

Noch ein Wort zu Blixen:

“He hated the trivialities of repetition. Whether in love or work. He was not cut out for the quiet life at home, nor to stick to only one woman. His immense vitality and energy required constant challenges for his mind and courage.” Quelle

*

Die Hitze erschlägt sie beinah. Karen Christentze Dinesen erreicht Mombasa im Gefolge eines schwedischen Prinzen, dessen alles überstrahlender Auftritt Karens Ankunft und dann auch ihre Hochzeit mit Baron Blixen ins Randgeschehen drängt. Die Eheschließung vollzieht sich unter Ausschluss jedweder Feierlichkeit und fast auch der Förmlichkeit als schweißgetränkt-profaner Akt zu einer Zeit, in der man dem standesamtlichen Aspekt die geringste Bedeutung schenkt. Die Trauung nimmt der Distriktkommissar und stellvertretende Gouverneur des britischen Protektorats Christian William Hobley vor. Ein Beobachter schildert ihn als ermatteten, vom Alkohol und von der Malaria zersetzten Zausel; eine traurige Figur, die nicht weiß, wie man der Angelegenheit mit Witz beikommt.   

Tom Buk-Swienty, „Die Löwin. Tania Blixen in Afrika“, Biografie, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Penguin Verlag, 32,-

Als Karen sich in ihr afrikanisches Abenteuer stürzt, unterscheidet man allgemein drei Typen von Kolonist:innen: Aristokrat:innen, Südafrikaner:innen und Exzentriker:innen. Quelle

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Eine Kategorie für sich bildet William Northrup McMillan (1872-1925), der reichste Mann weit und breit, auch körperlich ein Schwergewicht.  

“Northrup, the American Big Game Hunter, Gentleman Buccaneer and Philanthropist with money to burn, did not quite fit into any of these categories. He was a one-off, but a prominent member of that early pioneering group, whose input was so important in shaping the future of Kenya.”  Judy Aldrick

Northrup erweitert die royale Entourage. So begegnet er Karen, die mit ihrem Bräutigam im Potentaten-Tross tendert. Man reist im Privatzug des Gouverneurs von Mombasa nach Nairobi und stößt im Pyjama mit Champagner an. Allein Karen besteht auf angemessene Kleidung. 

„Mit Sicherheit lässt sich ... sagen, dass sie nicht im Nachthemd erschien. Bei eher formellen Anlässen hielt sie es für eine schlimmere Strafe als den Tod, nicht korrekt bekleidet zu sein.“  

Unterwegs, und so auch auf dem Weg nach Tsavo, unterhält ein Graf die Gesellschaft mit der Geschichte von den Man-eaters of Tsavo.

Eine reiche Braut

Ich glaube, mein Haus war eine Art Zufluchtsstätte für Reisende und Kranke und für die Schwarzen das Zentrum hinsichtlich eines friendly spirit.“ Tania Blixen an ihre Mutter, Ngong, am 17. März 1931

“I am going to prove to you all that (Africa) is a white man's country.“ Lord Delamere

Nicht der Vater trägt als Patriarch das Familienzepter. Chef im Generationenring ist Adolph Wilhelm Dinesen (1807 - 1876) ein „Artilleriemajor, Kommandeur der Batterie Dinesen während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1848 - 51 und freiwilliger Artilleriehauptmann im französischen Heer in Algerien 1837“. Karen Christentze Dinesens Großvater überstrahlt das Gros des Klans. Auch der jüngere Bruder Tommy kämpft in fremden Reihen.  

„Eines hat (Karen) Blixen mit ihrem Bruder gemein, der sich auf britischer Seite am Großen Krieg ... freiwillig beteiligte und für seinen Einsatz ... mit dem Victoriakreuz, dem höchsten Tapferkeitsorden des Empire, ausgezeichnet wurde: Sie hat überhaupt keine Angst vor dem Tod.“

Tom Buk-Swienty, „Die Löwin. Tania Blixen in Afrika“, Biografie, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Penguin Verlag, 32,-

1913 fährt sie als Braut mit einer Mitgift im Gegenwert von 3,4 Millionen Euro auf einem deutschen Dampfer von Neapel nach Mombasa. An Bord wirkt sie auffällig „in ihrer Verlorenheit. Sie nimmt einen gewissen Raum ein, obwohl ihre Gestalt eher schmächtig ist. ... Graf Carl Gustaf Lewenhaupt, beschreibt sie in seinem Reisetagebuch als ‚arm, einsam und seit Italien malariakrank‘“. 

Das eklatante Missverhältnis zwischen den sozialen Tatsachen und der Erscheinung könnte mit einem modischen Malade-Begriff verbunden sein. Karen federt auf einer Wippe wechselnder Absichten und Vorlieben. In ihrer Gesellschaft reisen ein Baron Goldschmidt-Rothschild, der Abenteurer und Arzt Maximilian Zupitza und Wilhelm von Schweden, der ein Buch über seine afrikanischen Erlebnisse schreiben wird: Wild African Animals I Have Known. Eine Freundschaft zu Paul von Lettow-Vorbeck nimmt ihren Anfang im Rahmen der I.-Klasse-Belustigungen. 

„In der Kolonie Deutsch-Südwestafrika nahm (Lettow-Vorbeck) zwischen 1904 und 1906 als Erster Adjutant im Stab des Kommandeurs der Schutztruppe Lothar von Trotha und als Kompaniechef am Völkermord an den Herero und Nama teil.“ Wikipedia. 

Der Akteur in einem völkermörderischen Feldzug gibt den reserviert-zuvorkommenden Ritter pommerischer Provenienz.

Am Bestimmungsort heiratet Karen einen Cousin zweiten Grades, Baron Bror Frederik von Blixen-Finecke (1886 - 1946). Ernest Hemingway schreibt über den schwedischen Aristokraten:

„Der Baron war kein Mann, den man vergisst.“

“Bror was the toughest, most durable white hunter ever to snicker at the fanfare of safari or to shoot a charging buffalo between the eyes while debating whether his sundown drink would be gin or whiskey.” Beryl Markham

Hemingway nahm nicht zuletzt an Blixen Maß für den Helden in Das kurze glückliche Leben von Francis Macomber.

„1934 reiste (der Schriftsteller) zu einer Safari nach Kenia, die von den Großwildjägern Baron Bror von Blixen-Finecke und Philip Percival  (The Dean of Hunters) geleitet wurde. Es gilt als gesichert, dass Blixen-Finecke und Philip Percival gemeinsam die Vorlage für die Figur des Robert Wilson bildeten.“ Quelle 

Eine weitere Galionsfigur dieses Genres ist Charles Markham. Mit ihm botanisiert Blixen für das British Museum of Natural History. Die Männer durchqueren die Sahara von Kano nach Algier in sechzehn Tagen mit einem Lastwagen. Sie führen personell herausragende Safaris, so mit Edward Prince of Wales und Theodore Roosevelt. Eine weitere Schlüsselfigur unter den heavy few der Superscouts ist Karens Liebhaber Denys Finch Hatton.   

Aus der Ankündigung

Die dramatische Geschichte von Tania Blixen, die als erste Frau eine Kaffeeplantage betreibt und mit dem Memoir »Jenseits von Afrika« Weltruhm erlangt

Tom Buk-Swienty zeichnet das vielschichtige Bild einer Frau, die mit wahrer Leidenschaft ihren Traum lebt, im kolonialen Kenia mit der Karen Coffee Company das erste weiblich geführte afrikanische Großunternehmen gründet, als wahre »Löwin«, wie sie bald genannt wird, Dürren, Krankheiten und Kriegen trotzt und dann, nach Dänemark zurückgekehrt, zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts avanciert. Die wahre und höchst abenteuerliche Lebensgeschichte von Tania Blixen, deren mit Meryl Streep in der Hauptrolle verfilmtes Memoir »Jenseits von Afrika« ein Weltbestseller als Buch wie als Film wurde, ist zugleich die erste große Biografie seit Jahrzehnten.

Tom Buk-Swienty, 1966 in Eutin geboren und im dänischen Sønderborg aufgewachsen, war nach seinem Studium der Geschichte zehn Jahre lang USA-Korrespondent der Wochenzeitung Weekendavisen. Er ist heute freier Autor und Dokumentarfilmer und veröffentlicht seit 2006 Sachbücher, die vielfach ausgezeichnet wurden. Ein Schwerpunkt seines Werks gilt der deutsch-dänischen Geschichte (u.a. »Schlachtbank Düppel«, 2015), ein weiterer der Familie Dinesen/Blixen, der er schon vier Bücher gewidmet hat (u.a. »Feuer und Blut. Hauptmann Dinesen«, 2014). »Die Löwin« ist die erste große Biografie Tania Blixens seit knapp vier Jahrzehnten, wurde in Dänemark zum Nr.-1-Bestseller und wird derzeit als Biopic verfilmt.