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13.10.2021, Jamal Tuschick

Mit fünfzig beginnt die Freiheit

„Keineswegs gebe ich mich der Illusion hin, als könne ich an die Wurzeln der Erscheinungen dringen.“ Hans Magnus Enzensberger in einem Brief an Theodor W. Adorno 1965

„Geliehen“ nennt Enzensberger den „(von Adorno kreierten) Fond seiner Untersuchungen“. Das beschreibt ein Standardverfahren der Literaturproduktion. Enzensberger spielt den Trabanten im Kraftfeld einer pontifikalen Potenz. Der Ältere lässt sich die Artigkeiten des Pseudo-Adoranten gefallen. Enzensberger geht nicht auf die Knie. Er schmiert lediglich den Inhaber der weit und breit größten Reichweite. 

Caroline Rosales, „Das Leben keiner Frau“, Roman, Ullstein, 22,-

In Caroline Rosales' Roman überrennt eine fünfundzwanzigjährige Praktikantin die gestandene Redakteurin Melanie Moosburger ohne Anlauf. Eilika kassiert die Position der Älteren mit ihrer körperlichen Vorzüglichkeit nicht zuletzt. Sie schmeichelt Melanies Chef Werner. Das reicht, um Melanie abzuhängen. Und doch. Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. Melanies (sich tot rauchende) Lieblingskollegin Chérie weiß es: „Mit fünfzig beginnt die Freiheit.“ 

Alterssegregation

Melanie, 50, wird zurückgesetzt und herabgestuft. Der Verlust ihrer Welt kündigt sich breitflächig an. Die Kohortensolidarität endet, die Alterssegregation beginnt. Den miesen Vorgesetzten Werner und August bleiben noch ein paar Jahre der effektiven Selbsttäuschung. Ihre geschlechterbasierten Vorsprünge erscheinen Melanie als Limes. Die Männer präsentieren sich als Macher. Melanie schillert und schliert bloß noch als Altgediente. Sie steht auf dem Abstellgleis. 

Wenn man mit fünfzig nicht mehr weiß, wie man aussieht, dann erzählt man sich so:

„Mein Haar ... ist blond, voluminös und makellos.“ S. 12

„Mein Haar (ist) trotz Voluminizer und Stufenschnitt spröde und ohne jede Energie.“ S. 35

Metaphysische Dignität

Irgendwo erwähnt Adorno Heideggers Hölderlin-Deutung. Heidegger messe seinem Helden zwar „metaphysische Dignität“ zu, zeige sich aber dem „spezifisch Dichterisches (gegenüber) ... höchst gleichgültig“. 

Caroline Rosales verfährt mit ihrer Heldin kaum anders. Abstrakt spricht sie der geschiedenen Journalistin Melanie Moosburger jede denkbare Größe zu, um das Sondervolumen mit allen Beispielen aus Melanies Alltag zu bestreiten. Melanies Biografie liefert das Gravitationsfeld nicht, dass man ihr haltlos zu unterstellen geneigt ist. Melanie definiert sich über Männer und leidet unter ihnen. Sie behauptet lediglich etwas anderes. Melanies Lösungen sind konventionell und eben nicht geeignet, eine Ikonografie weiblicher Stärke zu begründen. 

Redaktionsalltag in der Post-Print-Periode

Melanie rutscht auf einem absteigenden Ast dem Nichts entgegen. Das Nichts erscheint schrecklich, solange man es in Aussicht hat. Ist man da erstmal zuhause, geht es einem auch wieder okay.

Schlimm sind die Zwischenlagen. Man ist kein Fleisch mehr und noch nicht Fischfutter. Oder anders falsch. Man hängt noch am Redaktionsgalgen und fürchtet den Fall in Anbetracht der Abgehängten. Wie sie in der Gleichgültigkeit dem Greisentum entgegen gären, bieten sich die Vorgänger:innen als Vorbilder nicht an. Melanie malt sich aus, wie sie als Ausgemusterte Ex-Kolleg:innen von ihrer „Gartenparzelle am Tegernsee“ erzählt und die unangenehm Berührten sich indigniert abwenden. 

Melanie hadert ausschweifend mit der an ihre Stelle gesetzten Premiumpraktikantin Eilika. Kein gutes Haar möchte sie an der geschmeidigen Aufsteigerin lassen, um deren Vorzüglichkeit doch anerkennen zu müssen - und zwar beim Betriebsyoga.    

„Eilikas dunkelblonden Haare sind glatt und weich, wie einst meine. Straffe Oberarme, kleiner Busen, vielleicht eine Spur zu viel Hintern.“ 

Eine Sichtung wie auf dem Pferdemarkt. Melanie nennt es „Feindbeobachtung“. Sie vergleicht den Vorgang mit  martialischen Investigationen und gibt den antiken Bushi-Betrieb als Referenz an. Das ist hochgegriffen. 

Post-Print-Depression

Chefredakteur (und Lebemann, sprich Säufer aka Alterweißermann) Werner rempelt Melanie an. Er disst sie und drückt sie weg von den prestigereichen Pfründen. So grob gebärdet er sich, um sich noch einmal mit der hoffnungsstarken Zugänglichkeit einer jungen Frau zu konnekten, die als Praktikantin gleich in der Beletage einsteigt. Mit einer eigenen Kolumne fängt Eilika an, sich einen Namen zu erschreiben. Die Kolumne zählte bis eben zu Melanies Marken. 

Mit Melanies Namen verbinden/verbanden sich Markenprodukte im Qualitätsjournalismus. Nun schlägt Werner der Versierten vor, ihre Erfahrungen als Großmutter einer neokonservativ sozialisierten Enkelin publizistisch zu verwerten. Das ist ein Angriff auf Melanies feministischen Status - ein Affront. 

Melanie: „Ich bin erst fünfzig, meine Tochter ist fünfundzwanzig, ich bin gar nicht repräsentativ.“

Werner: „Aber du bist doch Oma.“ 

*

Caroline Rosales beschreibt den Redaktionsalltag in der Post-Print-Periode. Die Depression formt und höhlt die Matrix. Sie steckt im Gewebe. Ich habe so viele und so vieles im Journalismus sterben sehen und zwar stets mit der Idee, den Niedergang der Anderen mit Solostunts zu überleben. Melanie agiert nicht weniger unverfroren in den Arenen der Todgeweihten.   

Sie weiß, dass man sich seinen Wert nicht von anderen vorsagen lassen darf; zumal nicht von „Arschlöchern“. Alle männlichen Vorgesetzten sind „Arschlöcher“, während in die Jahre gekommene Kolleginnen einen interessanten Stil kultivieren. 

Zu a) „Werner ist ein Arschloch. Aber das ist nichts Neues.“

Zu b) „Chérie ist einundsechzig Jahre alt, kinderlos ohne Gram, ist weitgereist, belesen, gepflegt und anscheinend ohne jede Anspannung und Verbissenheit.“

Melanie bewundert Chérie, da jene „mit sich im Reinen“ sei. Fast erscheint ihr die Ausgeglichene zu „aufgeräumt“. Melanie möchte auch in der zweiten Lebenshälfte noch richtig steamen. 

Lächeln mit der Oberlippe

„Der Schluchtenscheißer von der schlagenden Verbindung“ leckt das „Poloch“ der Erzählerin ohne Vertraulichkeitsvorlauf. Auf dem Hochplateau einer dominanten Position erkennt er keine Notwendigkeit für Reserve und Reflexion. August, ein Schwabe mit Schmiss, spielt den ungestümen Liebhaber im Best-Ager-Modus am Ende einer Party. Er verstimmt die Gastgeberin. Sie entscheidet, den Vorgang unter „miesem Sex“ abzulegen. Doch dann überlegt sie es sich und akzeptiert eine schmierenkomödiantisch galant ausgesprochene Einladung.  

Selbstoptimierung versus Hedonismus

Über ihre Mutter sagt Melanie Moosburger:

„Ihre Welt ist verschwunden.“

Die Tochter trauert selbst einem unbekümmerten Lebensstil nach, den sie im Orkus des letzten Jahrtausends verschwinden sah. Die Journalistin bemerkt ängstliche Selbstoptimierer:innen da, wo früher Hedonist:innen, rauchend und haarig, ihren Spaß hatten. Dann verliert Melanie auch noch ihre Kolumne an eine beinah noch adoleszente „Pissnelke“, die magisch über Handke schreibt. Eilikas Beine machen Melanies Chef zum Feministen. 

Caroline Rosales erzählt das so:

„Ich nehme einen großen Schluck Wein. Dass sich Werner nun plötzlich für Feminismus interessiert, wird mehr mit Eilikas Beinen als mit meinem Reden zu tun haben.“

Melanie, 50, wird zurückgesetzt und herabgestuft. Der Verlust ihrer Welt kündigt sich breitflächig an. Die Kohortensolidarität endet, die Alterssegregation beginnt. Den miesen Vorgesetzten Werner und August bleiben noch ein paar Jahre der effektiven Selbsttäuschung. Ihre geschlechterbasierten Vorsprünge erscheinen Melanie als Limes. Die Männer präsentieren sich als Macher. Melanie schillert und schliert bloß noch als Altgediente. Sie steht auf dem Abstellgleis. 

Überlebende des digitalen Yucatáns - Was zuvor geschah

Wenn Urgestein Melanie Moosburger ruft, dann erscheinen Münchens Dinosaurier:innen; die letzten Überlebenden des digitalen Yucatáns. Manche sind Nutznießer: innen dubioser Artenschutzabkommen; andere wurden bereits von der Bildfläche geräumt und vegetieren als ihre eigenen Widergänger:innen weiter in Revieren des vergilbten Renommees. Nehmen Sie Werner zum Beispiel. Für ihn ist Melanie das, „was Merkel für Kohl war – sein Mädchen“.

Das verrät die Gastgeberin, während sie sich feiern lässt. Sie begeht ihren fünfzigsten Geburtstag im Kreis der Konkurrent:innen. Die Spitzenprädator:innen der Medienbranche belauern sich. Den Champagner-Soundtrack liefert George Michael: Ladies & Gentlemen.

Eingebetteter Medieninhalt

Für Werner sieht Melanie schwarz. Sie prophezeit ihm ein elendes Ende.

„Eines Tages wird man ihn in seinem Erbrochenen in seiner Zweizimmerwohnung in der Maxvorstadt finden, und nur fünf alte Weggefährten, die befürchteten, das Karma würde sie auf die gleiche Art erschlagen, erscheinen bei seiner Gedenkfeier auf dem Bogenhausener Friedhof.“

Tochter Mona, 25, taucht auf; schwanger bereits zum zweiten Mal. Die Abtreibungsgegnerin lebt eingespannt im Joch des Neokonservatismus. Mit ihrem „Master in Business Administration“ weiß sie nichts Besseres anzufangen, als „Süßkartoffelchips für ihren Zweijährigen“ zu backen. Das regt Melanie furchtbar auf. Sie vergleicht sich mit Mona zum Nachteil der Tochter. Sie erinnert ihre Durchsetzungswucht als junge Frau, das große Kaliber im Kampf um einen Platz an der Arbeitsmarktsonne. 

Melanie reagiert gereizt auf Mona. Sie verteilt ihre Aufmerksamkeit lieber unter „Gazellen … die nur mit ihren Oberlippen lächeln“ und den „Magnolien aus Stahl aus dem Wissenschaftsressort“. Mit einem Schwaben-August sondert sie sich zunächst nur kurz ab. Er geht Melanie zu rustikal an die Wäsche. Sie hebt ihn sich aber für später auf. 

Melanie weiß: „Der erste Sex ist immer die Begegnung mit der Frau vor dir.“  

Aus der Ankündigung

Melanies Fünfzigster ist ein rauschendes Fest. Sie lässt sich feiern, der Champagner fließt in Strömen, ein Flirt liegt in der Luft. Doch dann wendet sich das Blatt. Ihre Mutter, zu der sie nie ein gutes Verhältnis hatte, braucht ihre Hilfe, sie ist alt geworden. Ihre erwachsene Tochter, die nie so werden wollte wie Mel selbst, ist gerne Hausfrau und will auf keinen Fall Karriere machen. Ja, und die Männer. Der Flirt, ein Kollege, redet im Büro schlecht über sie. Mels Chef fördert eine jüngere Kollegin. Ihr Exmann wird Vater, bekommt mit seiner neuen Frau ein Kind. Das Kind, das er mit ihr nie wollte. Mel hat in ihrem Leben alles richtig gemacht. Bis auf die Dinge, die kolossal schiefgelaufen sind. Und heute ist sie nur noch wütend. Ein Buch über die Fallstricke der Emanzipation und den Fluch, alles zum ersten Mal zu machen.

„Das Leben keiner Frau“ ist direkt, manchmal laut und auch hart, ein Roman, dem man sich nicht entziehen kann.

»Die willigsten Helfer des Patriarchats sind oft die Frauen selbst. Davon erzählt Caroline Rosales in ihrem herrlichen Liebesroman so ehrlich und selbstironisch wie keine andere deutsche Schriftstellerin vor ihr.« Maxim Biller

»So zynisch, ehrlich und schonungslos durften bislang nur Männer, Teenie-Mädchen oder Greisinnen in der Literatur sprechen. Eine schöne fünfzigjährige Erzählerin, die derart konsequent Sex, Alter, Beziehungen und Karrieren seziert, ist für mich eine Offenbarung.« Alina Bronsky

»Gefälligkeit ist ein Gefängnis aus dem wir Frauen uns befreien müssen. Melanie ist nicht gefällig. Sie ist unbequem. Wir brauchen mehr unbequeme Frauen.« Maria Furtwängler

»Endlich ein wirklich fundiertes Buch darüber, dass man besser keine Frau sein sollte, die im Medienbereich arbeitet.« Josef Hader

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, ist Autorin mehrerer Sachbücher und Redakteurin der ZEIT-Magazine bei ZEIT ONLINE. Im Jahr 2019 erschien ihr autobiografisches Buch "Sexuell verfügbar", in dem sie über ihr Aufwachsen als Mädchen und ihr Frausein im Spiegel von Alltagssexismus und Missbrauch schrieb. Das Leben keiner Frau ist ihr literarisches Debüt. Rosales lebt mit ihrer Familie in Berlin.