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13.10.2021, Jamal Tuschick

Konvolut der Selbstlosigkeit

Max Brod muss ein großartiger Freund gewesen sein. Er sicherte jeden von Franz Kafka beschrifteten Zettel und führte ihn einem Konvolut der Selbstlosigkeit zu, das ihn ins Exil begleitete. Brod war als Kafkas Nachlassverwalter zudem autorisiert, die Handschriften, Nebenerzeugnisse und Randnotizen des Erblassers den besten Zwecken zuzuführen. So versorgte er Kafkas Nichte Marianne Steiner, die 1939 nach England emigriert war, mit dem, was er als ihr Erbe ansah, das dann in Oxford der Auswertung zugänglich gemacht wurde.

Zitiert nach Benjamin Balints Untersuchung „Kafkas letzter Prozess“, aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag, 331 Seiten, 25.-

Die Übergabe umfasste fast alles, was Brod in einem Koffer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei außer Landes und weiter nach Jerusalem geschafft hatte. Während der Suezkrise 1956 flog der Schatz nach Zürich.  

Die Akademisierung Kafkas in Oxford bot sich einer Partei in der Auseinandersetzung als Keil an. Die englische Universitätsstadt als eine Zentrale der Kafka-Rezeption rückt das Werk dicht an ein Weltkulturerbe. In den Auseinandersetzungen vor Gericht argumentierte so die sich um den Nachlass geprellt fühlende Marbacher Literaturarchivleitung. Die Kanonisierung des deutschsprachigen Autors hat, von Deutschland ausgehend, eine europäische Dimension, während es in Israel noch nicht einmal eine Kafka-Straße gibt.

Devon bezeichnet eine englische Grafschaft und eine erdgeschichtliche Epoche. In geologischen Formationen setzen sich in diesem Landstrich Sedimentschichten besonders anschaulich voneinander ab. Manche Stellen rosten dramatisch. Gleichzeitig gibt es malerische Kleckse in Endmoränenschründen. © Jamal Tuschick

Verschlissener Zivilisationsteppich

Devon bezeichnet eine englische Grafschaft und eine erdgeschichtliche Epoche. In geologischen Formationen setzen sich in diesem Landstrich Sedimentschichten besonders anschaulich voneinander ab. Manche Stellen rosten dramatisch. Gleichzeitig gibt es malerische Kleckse in Endmoränenschründen. Arthur Conan Doyle kolorierte seinen „Hund von Baskerville“ mit Devon-Dartmoor-Farben. Die Ironbloods queren die Heide. Gasoly fährt sich und ihre Töchter zu einem Quartier nahe einer Ferienkoppel. Die Pensionswirtin kreuzt als schwer an sich selbst tragende, albern bramarbasiere Hochstaplerin auf. Billie Fontainebleau behauptet, Romane unter dem Pseudonym Karen Kafka zu schreiben.

Es gibt keine Erlösung, seit Gasolys Ehe hin ist. Inzwischen misslingt oft genug das kleine Glück am Küchentisch. Gasoly rumort im Leben ihrer Töchter. Da sucht sie die Normalität, die ihren Kindern mit der Scheidung der Eltern genommen wurde.

Gasoly fühlt sich gefangen, so nah den Fängen der vermaledeiten Billie Fontainebleau. Es gibt kein Entkommen. Gasoly fürchtet, ihre Zukunft zu sehen, wenn Billie Fontainebleau ihr unter die Augen tritt. 

Gasoly versäumt es, einem genretypisch das Ensemble erweiternden Dauergast die kalte Schulter zu zeigen. Sie sieht Allen Buckminster-Mulligan wie einen weißen Schatten ständig in einem Saunabademantel über die Treppen schleichen. Krampfadern beanspruchen ein Recht auf Hässlichkeit. An sich kommt Allen Buckminster-Mulligan nur noch als Kasper in Betracht. Gasoly begeht den nächsten Fehler auf einem Vorhof der Reue. Sie schreibt: 

„Wenn der Rausch ausbleibt, der Kater sich aber einstellt.“

Der Satz zeigt, warum es sich lohnt, Gasoly Ironblood zu lesen. Sie ist Jahrgang Siebenundsechzig. Ihr Herz schlägt noch den guten alten Babyboomerbeat.

For Those About to Rock (We Salute You)

Eingebetteter Medieninhalt

Gasoly hat die Höllenhunde auf sich selbst losgelassen. Zum Glück liegt Selbstmitleid ihr fern. Das Gefühl einer soliden Herkunft verbindet die Australierin mit dem Mutterland ihrer Ahnen. Gasoly beschreibt ein englisches Dorf wie eine Puppenstubenlandschaft. In den Miniaturen empfindet sie sich als generationelles Glied; mit allen Zugangsberechtigungen einer Weißen aus der Anglosphäre.

Gasoly Ironblood wurde als drittes von sieben Kindern in Hobart geboren, verbrachte den Großteil ihrer Kindheit jedoch in Brisbane. Mit zwölf Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Großbritannien. Dort studierte sie Germanistik und Fleuristik am New College der Universität Oxford. 

*

Zurückgeworfen auf ein seelisches Barackendasein, sucht Gasoly Halt (bei Allen Buckminster-Mulligan und) in der Erinnerung an ihre Geschichtslehrerin Jane Breed. Gedankenprächtig hielt Mrs Breed im frühen Mittelalter Hof. Sie warf die Frage nach der Bedeutung von Rückschritten auf. Darin steckte die Forderung, keine historische Phase mit dieser Zuschreibung zu denunzieren. All die Jahrhunderte, in denen niemand mehr wusste, wie man eine Fußbodenheizung installiert; in denen das imperiale Vertragsrecht vergessen war; das post-romanische Britannien verschliss den Zivilisationsteppich ohne nennenswerten technischen Fortschritt in Machtkämpfen mit vielen überseeischen Akteuren. Zugleich war da ein Fortdauern der klösterlichen Stille und graswurzelnden Einfalt: jedenfalls soweit es Mrs Breed beliebte, die Epoche zu tapezieren.   

Morgen mehr.