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18.10.2021, Jamal Tuschick

Duellrevier mit Flussattrappe

Napoleon III. hatte das fürstliche Jagd- und Duellrevier des Bois de Boulogne in der Regie seines Präfekten Georges-Eugène Haussmann mit einer Flussattrappe und einer künstlichen Insel ausstatten lassen. Der Kaiser fungierte als Unterhaltungschef seines Volkes. Er musste es bei Laune halten; so unbefestigt war seine Macht. 

Eiterndes Genie

In Erwartung einer amourösen Unterhaltung fiebert der Erzähler tagelang einem von Robert de Saint-Loup arrangierten Rendezvous entgegen. Schauplatz der Begegnung soll eine Insel im Bois de Boulogne werden. Sie zählt zu den Sensationen der Künstlichkeit aus der Louis Bonaparte-Ära. Der Kaiser hatte das fürstliche Jagd- und Duellrevier in der Regie seines Präfekten Georges-Eugène Haussmann mit einer Flussattrappe ausstatten lassen. Der halbwegs misslungene Wassergraben wurde mit Pavillons, Restaurants und einem Vergnügungspark bestückt. Vieles dreht sich da um Erfindungen, die schlechte Nachahmungen der Natur sind. Darauf verweist Proust indirekt, ohne ein Hehl daraus zu machen, selbst den künstlichen Paradiesen wie ein(e) OpiumraucherIn dem Rauschgift verfallen zu sein. 

Marcel Proust, „Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken“, aus dem Französischen von Christina Viragh, Hanno Helbling, Menasse, 24.90 Euro

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„Bei Der gewendete Tag handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und Die Suche nach der verlorenen Zeit eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen.“ (Aus dem Pressetext)

Im beiläufigen Aufbau der Nebenstelle steckt das narrative Echo einer Verdopplung. Der Erzähler profitiert nicht zum ersten Mal von Saint-Loups legerer Aufgeschlossenheit. Der Großzügige öffnete bereits Türen, als der empfindliche Freund für Madame de Guermantes (Saint-Loups Tante) bis zum Wahnsinn entbrannt war. Saint-Loup agiert mit perfekten Antennen für die besonderen Belastungen, denen der Hypernervöse vom banalsten Alltag ausgesetzt wird. 

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Die Vicomtesse Alix de Stermaria gibt dem Erzähler einen Korb. Mlle de S. speist das pubertär eiternde Genie ab, indem sie eine Verabredung zum Abendessen ins Wasser fallen lässt. Hochnäsig lässt sie verlauten:

„Ich bin untröstlich; es ist etwas dazwischengekommen, ich kann heute ... nicht mit Ihnen auf der Ile du Bois essen.“

Proust lässt die sein zweites Ich ungerührt Versäumende auf einer Allee des Spotts defilieren und die Person von geringer Bedeutung für das Große und Ganze erscheinen. Alix figuriert als Tochter eines bretonischen hobereau. Das kann ein Baumfalke oder ein Krautjunker sein. Die dritte Konnotation ruft einen Rittergutsherrn auf. Für den erzählenden Snob spricht sich so oder so Provinz aus; auch wenn das Milieu, in dem er zuhause ist, nicht umhin kommt, in Alix eine gute Partie zu erkennen. 

Zum ersten Mal gesehen hat der Erzähler Alix im Grand-Hotel von Balbec, wo er mit seiner Großmutter eine Sommerfrische durchzustehen hatte.   

Der Künstler als Knabe gibt in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkt „unfreundliche“ Hügel am Strand von B. Den Bahnhofsvorsteher verortet er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigt er „einer kosmopolitischen Kindheit“.