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19.10.2021, Jamal Tuschick

Detonationen an der Sinnesperipherie

Die ersten Kampfhandlungen wirken kaum alarmierend. Ab und zu mal ein Schusswechsel oder eine Detonation an der Sinnesperipherie organisieren Gewöhnung und helfen dem Trotz auf die Sprünge. Niemand gibt seiner Angst einen Job als Ratgeberin. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Ein ausgebranntes Fahrzeug gewinnt als Wegmarke Bedeutung. Ein Viertel verliert seinen permissiven Charakter. Die Topografie wird abenteuerlich, zumal unter dem Einfluss von Halluzinogenen. Apocalypse now. Angeturnt bewegen sich zwei nach den Spielregeln der Liebe aufeinander zu. Nadia tarnt ihre innere Unabhängigkeit mit den Erkennungszeichen religiöser Ernsthaftigkeit. Ihre Einraumwohnung hat sie sich mit der Lüge erschlichen, eine Kriegerwitwe zu sein. Sie fährt mit einer Geländemaschine durch die Stadt und nimmt täglich Drogen.

Mohsin Hamid, „Exit West“, Roman, Dumont, 224 Seiten, 22,-

Die Emanzipation erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Saeed erscheint viel säkularisierter als Nadia. In Wahrheit sind seine traditionellen Bindungen stärker und seine Bereitschaft zur Anpassung größer. Er arbeitet in der Werbung und wohnt bei den Eltern. Während Saeed ein typisches Produkt seine Klasse ist, repräsentiert Nadia nur sich selbst. Ihre Freiheit verträgt kein Forum. In den „sozialen Medien“ verwendet sie „Online-Entsprechungen ihrer schwarzen Gewänder“. Sie bestellt ihre berauschenden Kahlköpfe (Psilocybe mexicana) im Internet bei einem Händler, der außerdem Spitzenrestaurants mit teuren Schlauchpilzen beliefert. Ihn erwartet ein furchtbarer Tod in nächster Zukunft.

Das erzählt Hamid im Eingangsbereich des Romans wie hinter vorgehaltener Hand. Die Stadt und das Land der frühen Ereignisse haben keinen Namen, die Milizen werden mit ihren allgemeinsten Merkmalen charakterisiert. Der Bürgerkrieg schweißt das Paar zusammen, wer weiß, ob Nadia und Saeed zusammengeblieben wären ohne die sie vereinende Not. Durch die lange Schlucht eines Versorgungsengpasses gelangen die Liebenden in Saeeds ewiges Kinderzimmer. Seine Mutter stirbt, der Vater verfällt, am vorläufigen Ende der Geschichte geht eine Tür nach Europa auf.

Hamid variiert die Türmetaphorik von William Blake über Aldous Huxley bis zu Jim Morrison und den Doors. Ernst öffnen Rauschpilze „die Pforten der Wahrnehmung“, später dreht sich ein Lagertor auf Mykonos in den Angeln der Freiheit. Nadia und Saeed erreichen London. Feinde der Flüchtlinge eskalieren, in besetzten Villen schließen sich Migranten landmannschaftlich ab. So weit weg von Zuhause sucht Saeed Trost im Gebet. Für Nadia ist das keine Lösung.

Hamid beschreibt eine Dystopie in unserer zeitlichen, räumlichen und seelischen Reichweite. Der Autor schildert im Spiegel biografischer Verwerfungen das Verhalten der saturierten Gastgeber von Teilnehmern einer Völkerwanderung. Kein Mensch betritt mehr einen Flughafen ohne Katastrophenempfindungen im Abraum des Zugelassenen. Abweichungen von vertrauten Kursen erscheinen rasch vertraut als neue Wege. Lauerte der Weltbürgerkrieg nicht schon immer unter der Friedensfirnis? Natürlich nicht. Was da stattfindet, das sind Kriegsvorbereitungen, die mentale Einrüstung empfindlicher Wesensteile in Prozessen der Anpassung an ein neues Grauen.

Aus der Ankündigung

In einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, in einem muslimisch geprägten Land, das am Rande eines Bürgerkriegs steht, in einer Stadt, die namenlos bleibt, lernen sie sich kennen: Nadia und Saeed. Sie hat mit ihrer Familie gebrochen, fährt Motorrad, lebt säkular und trägt ihr dunkles Gewand nur als Schutz vor den Zudringlichkeiten fremder Männer. Er wohnt noch bei seinen Eltern, ist eher schüchtern und nimmt die Ausübung seiner Religion sehr ernst. Doch während die Stadt um sie herum in Flammen aufgeht, sich Anschläge häufen und die Sicherheitslage immer prekärer wird, finden die beiden zusammen. Sie wollen eine gemeinsame Zukunft, in Freiheit. Und da sind diese Gerüchte über Türen, die diejenigen, die sie passieren, an ferne Orte bringen können. Aber den Weg durch diese Türen muss man sich mit viel Geld erkaufen. Als die Gewalt weiter eskaliert, entscheiden sich Nadia und Saeed, diesen Schritt zu gehen. Sie lassen ihr Land und ihr altes Leben zurück ...
›Exit West‹ ist ein überaus berührender Roman, der sich mit den zentralen Themen unserer Zeit beschäftigt: Flucht und Migration. Mohsin Hamid beweist, dass Literatur poetisch und zugleich politisch sein kann.