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21.10.2021, Jamal Tuschick

Geistreiche Brüste

Der Abstand zwischen Schwert und Robe - Irene Disches historisch verbürgte „Militante Madonna“ changierte zwischen Dragoner und Dame

Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont (1728 – 1810) gab einem Begriff seinen Namen – Eonismus. Seine Zeitgenoss:innen verwirrte die Vielseitigkeit seines Wesens so sehr, dass in seinem Fall der Leichenschau eine besondere Bedeutung zukam. Überrascht fand man die Anatomie des Verblichenen ganz und gar männlich. Damals stand das in einem eklatanten Widerspruch zu der von Beaumont zur Schau gestellten weiblichen Identität.   

Irene Dische, „Die militante Madonna“, Roman, auf Deutsch von Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe, 22,-

Lea de Beaumont erscheint der Welt als geistreiche Frau „mit kecken Brüsten“. Als Vertraute des französischen Königs rangiert sie hoch über den Hofschranzen. Sie spioniert für Louis XV. (1710 - 1774), der seine Agentin fürstlich entlohnt. Nach Belieben wechselt sie in die männliche Rolle, um kriegerisch-unverschämt als Chevalier d’Éon de Beaumont aufzutreten. Ferner kennt man sie/ihn als bedeutenden Juristen, Fechter und Schriftsteller.

In Irene Disches hinreißender Anverwandlung rühmt die Erzählerin (in einem furiosen „Vorspruch“) die Unbefangenheit der Akteure ihrer Epoche. Man äußere sich jederzeit frei und changiere im Geschlechtlichen; regiert nur von der Herrschaft seiner Launen. 

Irene Dische, „Die militante Madonna“, Roman, auf Deutsch von Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe, 22,-

Mit „fünfzig (französischen) Dragonern“ reitet der Chevalier gegen „siebenhundert Preußen“ bis zum Sieg. Erst führt er Krieg, dann arrangiert er den Frieden. Ob er nun den Offizier oder den Diplomaten herauskehrt, hängt von den Gelegenheiten ab, die sich einem freien Mann bieten, der jederzeit auch als fulminante Freifrau Furore macht.

Verführerisch wirkt er/sie so oder so. Natürlich ist das der Clou dieser Geschichte. Die Heldin erkennt ihre persönliche Baisse in Britannien, als die Wetten, die an der Londoner Börse wegen ihrer geschlechtlichen Doppelgesichtigkeit abgeschlossen werden, die Marke von zwei Millionen Pfund nach „heutige(m) Gegenwert“ übersteigen. Sie steigt aus und setzt sich nach Frankreich ab, wo sie mit einem nobilitierten Aushilfsjob gekränkt wird. Man akkreditiert das feudal-diverse Multitalent lediglich als Interimsbotschafterin. Wie schäbig ist das denn. 

Der König selbst verlangt, dass Lea in Paris als Dame reüssiert.  „Einen Trampel“ nennt sie den Außenminister, der ihr die Schmach eines „vorläufigen Amtes“ zufügte. Die aufgeflogene Spionin fühlt sich geknickt wie von einer herabsetzenden Geste. Im Gegenzug nennt sie den Minister einen „Trampel … gebenedeit mit der noblesse de race*“. 

*„Aufgrund ihres bürgerlichen Hintergrunds wurden die Familien der Noblesse de Robe zunächst von Adligen verachtet, die ihren Rang aus dem Militärdienst ( Noblesse d'épée ) und aus dem langjährigen Besitz ( Noblesse de Race ) ableiteten. Die Unterscheidung zwischen der alten und der neuen Aristokratie, zwischen Schwert und Robe, verschwamm im 18. Jahrhundert allmählich“. Quelle

Aus der Ankündigung

Ein atemberaubender Roman über Männer und Frauen – und eine außergewöhnliche historische Figur, die beides war. Irene Dische erzählt die wahre Geschichte des Chevalier d’Eon de Beaumont, der 1728 in Frankreich auf die Welt kam und 1810 in London starb. D’Eon war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion – und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war. Ein ebenso abenteuerlicher wie außergewöhnlicher Roman, der das brandaktuelle Thema der Identität völlig neu verhandelt.

Stimmen zum Buch

»Irene Dische wirft einen neuen, frischen Blick auf das Thema Identität (...).« Madame

»Das Interessanteste an diesem temporeichen, handlungs-prallen, manchmal wie eine Kutsche holpernden Roman ist das Zeitkolorit, das die Autorin mit wenigen Strichen erzeugt.« NDR Kultur

»Dische hat einen der bizarrsten, durchtriebensten Schelme Europas wieder ans Licht gehoben und belustigt-übermütig einen eigenen Beitrag zur heutigen Gender-Hysterie entworfen.« FAZ

»Was für ein umwerfend gutes Buch (...). Herrlich dekadent, spannend, witzig, mitunter anrührend und schlichtweg ein großer Genuss.« Dennis Witton

Zur Autorin

Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem ihr Bestseller Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007), der Roman Schwarz und Weiß (2017) sowie gesammelte Erzählungen mit dem Titel Zum Lügen ist es nie zu spät. 2021 erscheint ihr neuer Roman Die militante Madonna.