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23.10.2021, Jamal Tuschick

Verstörendes Signal

Pressemitteilung

Druck aus China: Veranstaltung zum Buch »Xi Jinping« abgesagt

Eine für Mittwoch, den 27. Oktober, angekündigte Veranstaltung des Leibniz-Konfuzius-
Instituts Hannover und des Konfuzius-Instituts an der Universität Duisburg-Essen zu dem
Buch »Xi Jinping -der mächtigste Mann der Welt« wurde auf chinesischen Druck kurzfristig
abgesagt. In Hannover intervenierte die Tongji-Universität Shanghai, die das Institut
gemeinsam mit der Leibniz-Universität betreibt. In Duisburg schaltete sich der
Generalkonsul Chinas in Düsseldorf, Feng Haiyang, persönlich ein, um die Veranstaltung zu
verhindern. Eine Mitarbeiterin der Konfuzius-Institute fasste die Begründung so zusammen:
„Über Xi Jinping kann man nicht mehr als normalen Menschen reden, er soll jetzt
unantastbar sein und unbesprechbar.“ Das sei nicht die Position der deutschen Konfuzius-
Institute und ihrer chinesischen Partner, vielmehr hätten diese in China Druck von ganz
oben bekommen.Die Biografie des chinesischen Partei-und Staatschefs ist im Piper Verlag
erschienen, Autoren sind Welt-Herausgeber Stefan Aust und der langjährige China-
Korrespondent des Stern, Adrian Geiges.


„Die Absage der Veranstaltung durch die beiden Konfuzius-Institute ist ein beunruhigendes
und verstörendes Signal“, sagt Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg. Stefan Aust sieht
die Grundthesen des Buchs durch den Vorfall bestätigt: „Erstmals ist eine Diktatur dabei,
den Westen wirtschaftlich zu überholen und versucht jetzt auch, ihre gegen unsere Freiheit
gerichteten Werte international durchzusetzen.“ Adrian Geiges verweist darauf, dass das
Buch China sehr differenziert darstellt, etwa auch die erfolgreiche Überwindung der Armut
in den vergangenen Jahrzehnten: „Offenbar reichen Xi Jinping solche ausgewogenen
Berichte nicht mehr aus er will jetzt international einen Kult um seine Person, so wie in
China selbst.“ 
 

Anlässlich des chinesischen Drucks: Hier noch einmal meine Besprechung

Supersimulation bürgerlicher Freiheiten

Kommunismus chinesischer Prägung ist ein stabiler Begriff mit einer legalistischen Funktion. Er dient dem Machterhalt einer Elite, die vor allem den evolutionären Ideenwettbewerb kontrollieren will. Die Weggefährt:innen und konkreten Nachfolger:innen Maos sahen/sehen den großen Führer kritisch. Die offizielle Lesart spiegelt die (gewiss gar nicht so selten aversive) Kritik nicht. Räumten die Kader Maos Fehler ein, verlören sie Raum. Ihre Vorherrschaft im chinesischen Haus hängt von der maoistischen Lichtgestalt-Legende ab. Das erklären Stefan Aust und Adrian Geiges in ihrer Analyse „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“, Piper, 22,- 

„Klar, wenn man in China dortige Plattformen nutzt, wird mitgelesen und mitgehört, das zu bestreiten wäre naiv.“ Christopher Jahn

Mit dem QR-Code von WeChat kann man Straßenhandels- und andere Kleingeldprodukte erwerben und Bedürftige mit einem Almosen beglücken. Gleichzeitig surfen chinesische Internetnutzer:innen in einer geschlossenen Sphäre, in der alles verboten ist, was „die nationale Sicherheit gefährdet“, einschließlich #MeToo und die Hongkonger Demokratiebewegung. Die digitale Abschottung erzeugt einen eigenen virtuellen Kosmos, in dem nichts zu fehlen scheint, was im weltweiten Netz auftreibt.    

„Für jede internationale Plattform gibt es ein chinesisches Gegenstück, das der Zensur unterliegt.“

Das riecht nach einer Supersimulation bürgerlicher Freiheit. Patriotische Blogger:innen befeuern die Illusion. Der linientreue Multiplikator/Meme-Macher Zhou Xiaoping fordert: „Der Klang der positiven Energie soll der Hauptklang im Internet werden.“

Die chinesischen Anbieter:innen führen die Verbraucher:innen wie in einer verbesserten Welt am Draht-Version. Künstliche Intelligenz bestimmt das Kaufverhalten.  

„Preisschilder passen sich an Sie an.“

Überwachungskameras erkennen sie an ihren Mobile-Signalen. Plötzlich beginnt ein Film auf dem Screen über ihnen. Jemand „spricht sie mit ihrem Namen an.“

Über die Wandelbarkeit der Staatsräson-Garant:innen

Kommunismus chinesischer Prägung ist ein stabiler Begriff mit einer legalistischen Funktion. Er dient dem Machterhalt einer Elite, die vor allem den evolutionären Ideenwettbewerb kontrollieren will. Die Weggefährt:innen und konkreten Nachfolger:innen Maos sahen/sehen den großen Führer kritisch. Die offizielle Lesart spiegelt die (gewiss gar nicht so selten aversive) Kritik nicht. Räumten die Kader Maos Fehler ein, verlören sie Raum. Ihre Vorherrschaft im chinesischen Haus hängt von der maoistischen Lichtgestalt-Legende ab. 

Während China westliches Wissen im Kooperationsweg einsammelt, übt es im Gegenzug Zurückhaltung. Ein aktuelles Beispiel liefert die chinesische Fahrdienstleisterin Didi Chuxing (mit über 550 Millionen Nutzer:innen and zehn Millionen Fahrer:innen). Quelle

Gestern konstatierte die FAZ: „Offensichtlich ist Peking ... besorgt, dass die Daten der rund 380 Millionen (chinesischen) Didi-Kunden ... ins Ausland gelangen könnten ... Das harsche Vorgehen der ... Regierung ... kurz nach (Didis) Börsengang ... (könnte) die Entkoppelung des amerikanischen Kapitalmarkts von Chinas Wirtschaft beschleunigen.“  

Nehmen, ohne zu geben, nenne ich das. Die chinesische Abneigung gegen milde, von mir aus freundschaftliche und in freien Gesellschaften unvermeidliche Formen des Knowhow-Transfers aka der Industriespionage gehört zur Funktionär:innen-Paranoia nicht allein. Im Zuge eines herausfordernden Suprematie-Drives strebt man die Abhängigkeit der Anderen unter den Vorzeichen der eigenen Unabhängigkeit an. In den Strategien verbindet sich antikes Herrschaftswissen mit Jetztzeit-Technologie*. Kein demokratischer Impetus hegt den Anspruch ein.   

*Bis 2025 will Xi Jinping „den Bedarf an Halbleitern zu 70 Prozent“ aus heimischer Produktion beziehen.  

Aus der Ankündigung

Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt

Der lächelnde Unbekannte

China wächst weiter unaufhaltsam, ist aus der Corona-Pandemie sogar noch gestärkt hervorgegangen. Der Westen hingegen versinkt in Krise und Chaos. Mächtigster Mann der Welt ist heute nicht mehr der Präsident der USA, sondern Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Staatspräsident Chinas. Wie funktioniert der Funktionär, der eine Machtfülle auf sich vereint wie vor ihm nur Mao? Welche Rolle spielt seine Frau Peng Liyuan, Chinas bekannteste Volkssängerin und Sonderbotschafterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO)? Wie wurde er, wer er ist? Was hat er vor? Wie hält er es mit der Ökologie? Warum schafft er eine neue Seidenstraße? Was bedeuten seine Pläne für uns? Stefan Aust und Adrian Geiges zeichnen das faszinierende Porträt einer Persönlichkeit, die unser aller Leben beeinflusst.

Zu den Autoren

Stefan Aust, geboren 1946, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er begann bei der Zeitschrift konkret und arbeitete dann viele Jahre bei Panorama, wo sein Bericht über ein verschwiegenes Todesurteil, das der Marinerichter Filbinger im Zweiten Weltkrieg gefällt hatte, zu dessen Rücktritt als Ministerpräsident führte. Er gründete Spiegel TV und war 12 Jahre lang Chefredakteur des Spiegel, später Mitinhaber des Fernsehsenders N24 und Herausgeber der Welt. Er ist Autor zahlreicher Dokumentationen und Bücher. Sein Buch Der Baader-Meinhof-Komplex, erstmals 1985 erschienen, gilt als „Klassiker“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Adrian Geiges, 1960 in Basel geboren, berichtete als Fernsehkorrespondent aus Moskau, Hongkong, New York und Rio de Janeiro. In Shanghai leitete er die Tochterfirma eines großen deutschen Unternehmens. Dann war er viele Jahre Peking-Korrespondent des „Stern“. Er hat Chinesisch studiert, ist mit einer Chinesin verheiratet, sie haben zweisprachig aufwachsende Töchter und leben heute in Hamburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher.