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25.10.2021, Jamal Tuschick

#DieWeltneudenken

Diese Betrachtung schließt „Frauen, inter, non-binäre, trans und agende Menschen (FINTA )“ ein.  

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„Es ist wichtig, das Erschöpfende in einem misogynen und auch rassistischen System offenzulegen, das Frauen der ständigen Gefahr aussetzt, belästigt und im schlimmeren Fall vergewaltigt zu werden.“

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Das weiße Narrativ schilderte „die koloniale Landnahme als (einen) Akt der männlichen Bemächtigung“. Die Eroberung schloss eine Verfügungsgewalt über die 'besiegten' Körper ein. Perpetuiert wurde das Bild „einer unbekleideten Frau, kulturlos, der Wildnis verhaftet“; dies im Spektrum zwischen Abenteuerroman und akademischer Sittengeschichte. Die Kolonialpornografie durfte direkt neben den Bildungswälzern stattfinden.

Verausgabungsmodus

Franziska Schutzbach beginnt mit einer Geschichte, deren anekdotische Evidenz ein noch immer nicht überwundenes Problem auf den Punkt bringt. Zu Beginn des XX. Jahrhunderts wurden in manchen US-Bundesstaaten Hutnadelverbote ausgesprochen, beziehungsweise Gesetze erlassen, die die maximale Länge von Hutnadeln vorschrieben. Die Bestimmer reagierten mit ihren Bestimmungen auf ein Phänomen weiblicher Wehrhaftigkeit. Bedrängte Frauen distanzierten Aggressoren mit dem schärfsten Frisurenelement in ihrem Portfolio. Die kreative Nutzung eines Gegenstandes des täglichen Gebrauchs wurde, so schreibt die Autorin, „hitzig … debattiert. Während Frauenrechtlerinnen für das Tragen von Hutnadeln zur Selbstverteidigung eintraten, berichteten verschiedene Zeitungen (alarmistisch) von der Hatpin Perril - Hutnadelgefahr“.

Franziska Schutzbach, „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“, Droemer, 18,-

„Nan Davis, eine Frauenbeauftragte, die während der Verhandlungen zum Hutnadelverbot in Chicago einige Frauenklubs vertrat, richtete sich mit kämpferischen Worten an die Politiker: 'No man has a right to tell me how I shall dress and what I shall wear'. 

Aus der Chicago Tribune 

“When men feared ‘a resolute woman with a hatpin in her hand”  - „Women armed with favorite weapons.” Quelle

Die Autorin erkennt in der Skandalisierung der Notwehr eine typische Täter-Opfer-Umkehr. Angegangene Frauen müssen sich für ihre Verteidigung rechtfertigen. Man stellt die Schuld bei den Opfern fest. Ihre Position wird inkriminiert.   

Weibliche Raumgewinne provozierten Rückzugsofferten

Die Hutnadel-Debatte fiel in eine Zeit weiblicher Raumgewinne. Frauen organisierten sich Repräsentanzen in der Öffentlichkeit. Im Gegenzug forderte man sie zum Rückzug in die Privatsphäre auf.

„Die gute Hausfrau war als eine bürgerliche, heterosexuelle, weiße beziehungsweise europäische Figur konzipiert.“ 

Ihre mit Schicklichkeitsnormen identifizierte Immobilität schloss sie von der Weltläufigkeit des (mit Siebenmeilenstiefeln sein Jahrhundert in die Schranken weisenden) Mannes aus. Er bewegte sich in einem Rahmen institutionalisierter Übergriffe. Ihn deckten Ordnungsbegriffe, die sogar eine Vergewaltigungspraxis zuließen. Schutzbach zählt Entrechtungsformate auf, denen Schwarze Frauen und PoC und eben auch non-binäre und Trans-Menschen ausgesetzt waren/sind. Das weiße Narrativ schilderte „die koloniale Landnahme als (einen) Akt der männlichen Bemächtigung“. Die Eroberung schloss eine Verfügungsgewalt über die 'besiegten' Körper ein. Perpetuiert wurde das Bild „einer unbekleideten Frau, kulturlos, der Wildnis verhaftet“; dies im Spektrum zwischen Abenteuerroman und akademischer Sittengeschichte. Die Kolonialpornografie durfte direkt neben den Bildungswälzern stattfinden. Einschlägige Motive mäanderten durch Labyrinthe des kollektiven Unbewussten. Die viktorianische Prüderie stieß sich nicht an sexuellen Motiven, sofern sie nur ein kolonialer Dekor von weißer Bürgerlichkeit unterschied.   

Aus der Ankündigung 

Die Erschöpfung der Frauen - Wider die weibliche Verfügbarkeit

Frauen haben heute angeblich so viele Entscheidungsmöglichkeiten wie nie zuvor. Und sind gleichzeitig so erschöpft wie nie zuvor. Denn nach wie vor wird von ihnen verlangt, permanent verfügbar zu sein. Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach schreibt über ein System, das von Frauen alles erwartet und nichts zurückgibt – und darüber, wie Frauen sich dagegen auflehnen und alles verändern: ihr Leben und die Gesellschaft.  

In unserer Gesellschaft wird Weiblichkeit gleichgesetzt mit Fürsorglichkeit. Frauen sind, ob in der Familie, in Beziehungen oder im Beruf, zuständig für emotionale Zuwendung, für Harmonie, Trost und Beziehungsarbeit – für Tätigkeiten also, die unsichtbar sind und kaum Anerkennung oder Bezahlung erfahren. Sie „schulden“ anderen – der Familie, den Männern, der Öffentlichkeit, dem Arbeitsplatz – ihre Aufmerksamkeit, ihre Liebe, ihre Zuwendung, ihre Attraktivität, ihre Zeit. Und kämpfen jeden Tag gegen emotionale und sexuelle Verfügbarkeitserwartungen.  

Es sind diese allgegenwärtigen Ansprüche, die Frauen in die Erschöpfung treiben. Denn – deklariert als „weibliche Natur“ – ist die geleistete Sorgearbeit meist wenig anerkannt und bleibt unsichtbar. Sie gilt ökonomisch als irrelevant und ist gerade deshalb ausbeutbar. Das Buch zeigt, dass die Verfügbarkeitsansprüche für unterschiedliche Frauen Unterschiedliches bedeuten: Ob als Mütter oder als Mädchen, ob als schwarze oder weiße Frauen, als Migrantin, Trans- oder non binäre Person, als dicke oder lesbische Frau, ob im Dienstleistungssektor, in Pflegeberufen oder in der digitalen (Selbst)vermarktung, ob als Politikerin oder Künstlerin – die Verausgabung hat unterschiedliche Ausmaße und unterschiedliche Ursachen.  

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach wendet sich gegen ein misogynes System, das von Frauen alles erwartet und nichts zurückgibt. Und sie zeigt, welch vielfältigen Widerstand Frauen gegen die Ausbeutung ihrer Energie, ihrer Psyche und ihrer Körper leisten. Ein Widerstand, der zu einer treibenden Kraft für neue Arbeits- und Lebensweisen wird und die Welt verändert.  

Ein kluger und fundierter Beitrag zu einer anhaltend aktuellen Debatte.

Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.