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25.10.2021, Jamal Tuschick

#DieWeltneudenken

„Du wirst Knochen sein Staub kein Erinnern.“ Heiner Müller

 "Everybody has a reason to begin again." Bruce Springsteen

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Was will das Verhängnis?

Doch wer an Gott glaubt, der hat ihn in jeder Rolltreppe. - Erinnerung an einen Berliner Abend mit Thomas Kapielski.

Die Hitze reißt sämtliche Fenster auf und eine Frau schreit: „So kommst du mir nicht ins Bett.” Das macht der August aus den Menschen in Berlin, dabei könnte das Leben im Sommer so schön sein. So mit leichter Hand zubereitet, könnte es sein, so wie ein Essen aus Resten, dass man sich erfreuen könnte am Zauber restloser Verwertung. Steckt darin nicht auch eine Metapher für die zweite Lebenshälfte? Vom Gebrauch gebräunt. Die zweite Lebenshälfte duckt sich vor der ersten, sie taucht ab. Da ist ein Speakeasy für Literatur, ein Hinterzimmer für Geistreiche, ich finde, das klingt pathologisch. Thomas Kapielski, Charlottenburger von Geburt und Nasenflötist aus Passion, liest aus Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen (Suhrkamp). „Noch vor Anbruch der Nüchternheit bleicht Morgengraun die Schwärze” heißt es. Bald nimmt „Zuversicht” die “Gestalt von Milchreis an”. Das ist groß, große Reiseprosa, denn das kaum von Kapielski unterschiedene, erzählende Ich muss durch die halbe Stadt bis nach Tegel. Unterwegs kommen die Kalamitäten einer alternden Prostata zur Sprache, old age ain't no place for sissies, die Stimme des Künstlers ist brüchig und durch die Hefe gezogen.

„Alles, was je war, ging bis eben vorbei” … auf dieser „nie vollendeten Weltenbaustelle”.

Inzwischen ist das Ich in München, das bloße Fleisch im Auditorium strebt in seinen Inklinationen zu kubischen Formen. Was sich raffen und schürzen lässt, dem tat man das längst an.

Kapielski fragt:

„Was will das Verhängnis?” Es will sich vollenden, ganz klar. Viel fraglicher ist, wie viel Nächstenliebe darin steckt, seinem Kanarienvogel die Mandeln entfernen zu lassen.

Doch wer an Gott glaubt, der hat ihn in jeder Rolltreppe.

In „hauptamtlicher Entrückung” reist das Alter ego weiter nach Frankfurt am Main und trinkt da Apfelwein im Dauth-Schneider, obwohl es an sich lieber im Fichtekränzi einkehren würde. Darüber könnte man lange reden, wenn auch nicht mehr mit Michael Rudolf, der zum Zeitpunkt der Kapielski'schen „Reise”, siehe bei passender Gelegenheit Bernward Vesper, noch dabei war – und bestimmt keinen Apfelwein getrunken hat, als Brauer von Beruf. Na gut, „wir haben die Raf überlebt, wir werden auch BIO überleben”, in diesem Sinne trägt alles und jeder zur Heiterkeit bei, außer diesem blässlichen Rumpelstilzchen, das penetrierend behauptet, ... zu sein. So klein ist doch der richtige ... in Wirklichkeit gar nicht, erklärt einer den Darsteller zum Lügner. Nun gibt es Wein zum Bier und eine Person, die mich an M. erinnert, vertraut mir persönlich an: „Ostbraut hin oder her, wir haben doch auch nur zwei Brüste und ein' Popo.”