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27.10.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Russenkind

Tania G. ist ein Russenkind, hervorgegangen aus der flüchtigen Begegnung ihrer Mutter mit einem Besatzungssoldaten. In der ländlichen Umgebung ihrer Herkunft gilt die ledige Mutter als S... und Tania als B... Tanias Mutter knickt unter dem Druck der öffentlichen Meinung ein und gibt das Kind zu Verwandten. Mit einem Mann aus der Gegend gründet Tanias Mutter eine „normale“ Familie, von der Tania nicht nur ausgeschlossen wird. Vielmehr nimmt man sie in diesen Verhältnissen als bösartig und zerstörerisch wahr. Tania identifiziert sich mit der Rolle, eines Tages legt sie Feuer an einen Schober. Sie wird überführt und im Jugendwerkhof Torgau untergebracht. Tania nennt die Einweisung „ihre Verschleppung“.

Um die Asoziale gefügig zu machen, steckt man Tania zunächst in eine Einzelzelle. Es folgen Monate der Angst in einer verrohten Gemeinschaft. Die jugendlichen Delinquent:innen regieren sich nach Feierabend selbst mit bestialischem Gruppendruck. Tania übersteht den Werkhof, nun hat sie nur noch das Ziel und die Sehnsucht, ihren russischen Vater zu finden, mit der Hoffnung, jenseits des Urals auf Liebe zu stoßen. Ihre Mutter kennt noch nicht einmal den Namen des Mannes, der sie geschwängert hat. Auf eigene Faust will Tania ihren Vater suchen, ein phantastisches Unternehmen, sie haut ab und wird eingefangen. Diesmal landet sie im Jugendgefängnis Torgau. Man schert ihr Haar und nimmt ihr jeden persönlichen Gegenstand. Männer führen Aufsicht über Mädchen, mit sämtlichen Schikanen eines in bigotte Bahnen gelenkten und als Erziehung maskierten Sadismus. Die Gefangenen werden drangsaliert, bis sie zusammenbrechen. Selbstverständlich müssen sie arbeiten. Tania montiert Schalter.

...

Wie gut, dass der Mensch sein Schicksal nicht kennt. Tania erzählt und erzählt, ich verpasse die Volten ins Glück. Sie heiratet früh, lässt sich scheiden, sie hat wieder geheiratet. Inzwischen leiert auch diese Ehe.