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28.10.2021, Jamal Tuschick

Sobald „ein Kunstwerk über uns Macht gewinnt“, gehen wir über uns hinaus und „leben ein fremdes Leben“. Eduard von Keyserling

Mitunter reagiert Eduard von Keyserling (1855–1918) journalistisch auf den Tag. An der Syphilis erkrankt, lebt der Landadelige in München seiner Erblindung und Verarmung, nicht aber dem Verlust seiner Produktivität entgegen. In der Neuen Freien Presse Wien äußert er sich 1909 zu einem „spektakulären Kriminalfall“, den der Schriftsteller einerseits bemerkenswert unreißerisch, andererseits beinah auftrumpfend psychoanalytisch darstellt. Es geht um den Mord an Elizabeth ‚Elsie‘ Sigel (1889–1909).

“Sigel, who had been a missionary in Chinatown, was found strangled inside a trunk on 18 June 1909 in the apartment of the prime suspect, a Chinese man named ‘William’ Leon Ling, a waiter in a Chinese restaurant.” Wikipedia

Über das Blutsensationelle und den New Yorker Tatort hinaus interessiert sich der Berichterstatter für die badische Herkunft des Opfers und Elizabeths Verwandtschaft mit Franz Sigel (1824 - 1902), ohne einen Hinweis auf dessen märzrevolutionäre Führungsrolle mit anschließender Auswanderung zu geben. Sigel verkörperte den Forty-Eighter idealtypisch. Er engagierte sich in New York als Verleger und Parteigänger Lincolns. Den Sezessionskrieg absolvierte er im Generalsrang. Keyserling erwähnt kurz die militärische Ausnahmestellung des Ahnen.   

Eduard von Keyserling, „Kostbarkeiten des Lebens - Gesammelte Feuilletons und Prosa“, herausgegeben und kommentiert von Klaus Gräbner und Horst Lauinger, mit einem Nachwort von Lothar Müller, Schwabinger Ausgabe, Band 3, Manesse Verlag, 32,-

Elizabeth Sigel erfüllte bis zum Schluss karitative Aufgaben ihm Rahmen der katholischen Sisters of Charity of New York, einer ursprünglich französischen Gründung (Les Filles de la charité de Saint-Vincent-de-Paul) mit einer Dependance in Chinatown. Keyserling nennt die Anschrift in der Mott Street.

Der Tat an erster Stelle verdächtigt wurde (nicht zuletzt von einem Inspector McCafferty) der Kellner Lung Leon Ling. In seiner Bleibe fand man Elizabeth Sigels Leiche verschnürt in einem Koffer. Zusätzlich belasteten Ling Liebesbriefe, die das Opfer so wie andere weiße Frauen an ihn gerichtet hatten. Karl Kraus erkannte in den Briefen den Skandal. „Dass bei dem Kellner Leon Ling zweitausend Liebesbriefe von Frauen exquisiter Lebenshaltung gefunden wurden, das macht die Klatschmäuler verstummen und gibt dem Ereignis eine kulturbange Größe.“ 

Diese nicht unbedingt antirassistische Sentenz mit Untergang-des-Abendlandes-Hautgout unterfällt einem Gründerzeitgenre.

Bürgerliche Frauen, die mit unpassenden Männern durchbrannten, lieferten Gazetten-Schmonzetten  à la „Gone with a Gypsy“ delikate Gegenstände.

Auch Keyserling setzt das Wort Liebesbriefe in Anführungszeichen, um eine Fragwürdigkeit zu unterstreichen, der er sich dann widmet. 

Seinen Leserinnen unterschlägt er, dass überall auf der Welt Chinesen verhaftet wurden, da man sie in jedem Fall für den Hauptverdächtigen hielt. Mary Ting Yi Lui nennt die Jagd auf Ling „mehr als nur ein amerikanisches Drama“. In einer Quelle heißt es, Ling habe sich den Habitus eines weißen Amerikaners angeeignet und sich als William L. Leon ausgewiesen. Durch die Presse geisterte er als chinesischer Don Juan. Zweifellos handelte der Subtext von Grenzüberschreitungen, die Keyserling unter „antichinesischer Xenophobie“ rubriziert. 

Ling firmierte als “The Chinese Jekyll and Hyde” und (in einem Abwertungskontext) als „amerikanisierter“ Chinese („christianized mongolian“). Man setzte seinen angenommenen Vornamen in Anführungszeichen und assoziierte den Mann mit Opium nach einem Klischee der Zeit; suchtgefügige weiße Frauen  in einem chinesischen Ausbeutungsschema. Gleichzeitig wirkte das Opfer in einem Milieu, das “Bohemian girls who had gotten involved with drugs and prostitution” nicht verschlossen war. 

Keyserling bezieht sich auf Max Marcuse, er suggeriert einen Zusammenhang zwischen frommer Wohlfahrt und froher Ausschweifung. So offensichtlich wie fadenscheinig ist die Stoßrichtung der Kritik. Eine höherere Tochter begibt sich in den sozialen Morast. Da sie Barrieren zu ihrem Schutz ignoriert, erntet sie Gossensalat.  

Aus der Ankündigung

Eine Schule der kultivierten Kunst- und Lebensbetrachtung - mit an die 70 mehrheitlich unbekannten Essays, Feuilletons und Kritiken sowie fünf neuentdeckten Erzählungen

Er schrieb über die Unentbehrlichkeit der Kultur, über himmlische und irdische Liebe, über Interieurs, großen Stil und über die Kostbarkeiten des Lebens. Er ergründete die Kunst des Traums, dramatisches und episches Sterben, die Lichtmalereien der Avantgarde und die Psychologie des Komforts. Aus seinen Kunstkritiken, Feuilletons und Briefen spricht – nicht minder wie aus seinem erzählerischen Werk – ein Mensch von hoher Bildung und Sinnesart.

Eduard von Keyserling ist als Feuilletonist und Kritiker nicht annähernd so bekannt, wie er es verdient. Daraus resultiert das Glück, ihn mit Band 3 der großen Schwabinger Werkausgabe nun als vielseitig interessierten Kunst- und Literaturliebhaber, Theatergänger und Zeit-diagnostiker entdecken zu können. In seinen nichtliterarischen Prosatexten spiegeln sich die Dekors der Prinzregentenzeit, das bunt schillernde Geistes- und Kulturleben um 1900, Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil und die Feuergarben der Avantgarde. Ob er die Goldgeschmeide Carl Strathmanns würdigt, die gleißenden Farbenspiele des frühen Kandinsky oder Alfred Kubins «Kalligraphie des Gespenstischen», Keyserlings ästhetisches Sensorium für die Modernen steht dem für die alten Meister – allen voran Tizian und Dürer – in nichts nach. Die Kritiken, selbst oft kleine Prosakunststücke, zielen weit übers bloß Ästhetische hinaus ins Seelenkundliche, Weltanschauliche, mitunter Politische. Mit luzidem Blick zeichnen sie die geistige Physiognomik einer bewegten Epoche.

Neben den Feuilletons enthält dieser mit 35 Bildtafeln bestückte Band noch weitere Funde: fünf verschollene Erzählungen Keyserlings, ein umfassendes Korpus an Briefen sowie die erste ausführliche Chronik zu Leben und Werk. Dank der Fülle an erstmals zusammen-getragenen Selbst- und Fremdzeugnissen nimmt der Schriftsteller, der sich zeitlebens in nobler Diskretion übte, auch als Privat- und Gesellschaftsmensch Konturen an.

Zum Autor

Eduard von Keyserling (1855–1918) gehört zu den großen Erzählern der Jahrhundertwende. Aus altem kurländischem Geschlecht stammend, studierte er Jura in Dorpat und Kunstgeschichte in Wien und Graz. Nach einer ausgedehnten Italienreise ließ er sich in München nieder und verkehrte dort in der Schwabinger Boheme. Gewohnt, abseits zu stehen, und auf das Innigste verehrt für «seine vornehme definitive Art zu sehen und zuzusehen» (Rainer Maria Rilke), widmet sich der 1906 erblindete Dichter ganz der Suche nach der verlorenen Zeit. Bei Manesse sind zuletzt Band 1 und Band 2 der Schwabinger Ausgabe erschienen: «Landpartie. Gesammelte Erzählungen» (2018) und «Feiertagskinder. Späte Romane» (2019).