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31.10.2021, Jamal Tuschick

#DieWeltneudenken

»Die Sphäre der Sexualität ist kaum noch von der Sphäre der Produktion zu unterscheiden.« Eva Illouz, Dana Kaplan

Attraktivität als Kapital

Zweifellos bestätigt die Idee von der Attraktivität als Kapital in erster Linie Geschlechterstereotypen; obwohl sie einem manchmal auch mit Emanzipationsgrandezza angeboten wird. Das ist dann die Geschichte vom alten Wein in immer neuen Schläuchen, wie die Autorinnen feststellen. Die Kapitalisierung körperlicher Vorzüge zählt zu den „Mechanismen, (mit denen) ... Frauen beherrscht werden“.  

Eva Illouz, Dana Kaplan, „Was ist sexuelles Kapital?“, aus dem Englischen von Michael Adrian, Suhrkamp, 22,-

„Wie Catharine MacKinnon überzeugend gezeigt hat, ist die Sexualität für heterosexuelle Beziehungen das, was die Arbeit für den kapitalistischen Produzenten ist: der privilegierte Ort für die Ausbeutung durch von Frauen durch Männer.“

Die neoliberale Sexualität bietet „der Kultivierung von Selbstwert, Resilienz und Eignung“ Schauplätze.

Die Autorinnen erinnern daran, dass für Max Weber „Sex eine Form ‚der Selbstbehauptung gegen die unheimlich deformierenden Effekte der modernen und dann industriellen Zivilisation‘ ist“. Sie bezweifeln jenen „Schutzschirmcharakter“, den der Jahrhundertsoziologe dem Sex zuordnete; als enthebe die geschlechtliche Praxis ihre Akteure den sozialen Umständen.  

Pharmapornographisch

„Im Zentrum aller Politik steht der lebende (also sterbliche) Körper – das ist das Wichtigste, was Foucault uns gelehrt hat. Keine Politik, die nicht Politik der Körper wäre. Der Körper aber ist für Foucault kein biologischer Organismus, den es schon gibt, bevor Macht über ihn ausgeübt wird. Es ist vielmehr Aufgabe des politischen Handelns selbst, den Körper erst herzustellen, ihn arbeiten zu lassen, seine Produktions- und Reproduktionsweisen festzulegen und die Diskursmodi vorzuzeichnen, in denen dieser Körper sich selbst fiktionalisiert, um schließlich ich sagen zu können.“ Paul B. Preciado

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Die Autorinnen zitieren Paul B. Preciado. Preciado sieht uns in einem Prozess „des Entstehens eines postindustriellen, globalen und medialen Regimes“, das er „pharmapornographisch“ nennt. 

Im Wettbewerb „um den sexuellen Zugang zu den Körpern anderer“ optimieren wir uns mit allen Mitteln weit über die natürliche Spanne, deren Koordinaten wir kaum konsensfähig bestimmen können. Ich habe erst einmal leistungsfähige Spanne geschrieben. Diese unwillkürliche Limitierung wäre als Position im Meinungsdurcheinander unhaltbar. Der „sexuelle Konkurrenzkampf“ findet in der körperlichen Lustmaximierung vermutlich nur noch einen Nebenausdruck. Der soziale Impakt der Informationen, die wir uns mit unseren Körpern verschaffen und versenden, zeigt sich mir jeden Tag auf Instagram. Das bestätigen die Autorinnen, wenn sie die Frage thematisieren, wie „sexuelle Identitäten der Logik des Marktes gehorchen“.

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Die Autorinnen „beschreiben … die historischen Bedingungen, unter denen vier verschiedene Formen sexuellen Kapitals entstanden“. Sie gehen von einem uneingeschränkten neoliberal-patriarchalen Drive aus, der jeden Diskurs zwingend zu einer Kritik der bestehenden Verhältnissen macht. 

Aus der Ankündigung

Nicht die Natur bestimmt unsere Vorstellungen von Sexualität, sondern die Gesellschaft. War es früher die Religion, die den Sex regulierte, so ist es heute die Ökonomie. Kein Wunder also, dass »sexuelles« oder »erotisches Kapital« in der Soziologie, den Gender Studies, der Sexualwissenschaft und sogar in der Alltagssprache zu einer gängigen Metapher geworden ist, um die Motive und Konsequenzen von Praktiken etwa zur Steigerung der sexuellen Attraktivität zu beschreiben.

In ihrem konzisen und mit zahlreichen Beispielen angereicherten Buch verteidigen Dana Kaplan und Eva Illouz den Begriff des sexuellen Kapitals als analytische Kategorie, machen ihn jedoch komplexer und befreien ihn von Gender-Klischees sowie von rationalistischen und identitätspolitischen Kurzschlüssen. Sie zeigen, dass sexuelles Kapital verschiedene, historisch bedingte Formen annehmen kann, die zeitweise auch nebeneinander bestehen. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Spezifika der neoliberalen Sexualität, die mit einer ganz eigenen Sorte von sexuellem Kapital einhergeht. Dieses zirkuliert längst nicht mehr nur im Bereich privater Intimbeziehungen, sondern in der gesamten Sphäre der kapitalistischen Reproduktion. Aus dieser Perspektive erscheint dann auch die Frage nach Klassen- und Geschlechterhierarchien in einem neuen Licht.

Zu den Autorinnen
Dana Kaplan, geboren 1970, studierte Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und unterrichtet derzeit an der Open University of Israel in Ra'anana.
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Eva Illouz, geboren 1961, ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique, CSE-EHESS in Paris. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Anneliese-Meier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung und den EMET-Preis für Sozialwissenschaften.